Wo schreibt ... ?

Wo entstehen eigentlich all die großartigen Bücher, mit denen wir täglich arbeiten, die wir in unseren Verlagen veröffentlichen und voller Spannung lesen? Wir waren neugierig und haben bei unseren Autoren nachgefragt. In unserer neuen Serie „Wo schreibt … ?“ erzählen sie in loser Folge von dem Ort, an dem Geschichten ihren Anfang nehmen.

Übersicht
Wo schreibt J. Courtney Sullivan?
Wo schreibt H. M. van den Brink?
Wo schreibt René Freund?
Wo schreibt Matt Ruff?
Wo schreibt Anton Badinger?
Wo schreibt Michael Ondaatje?

Teil 7 | Jean-Philippe Blondel | Ein Winter in Paris

Ich erwarte Sie!

Jean-Philippe Blondel lädt Sie ein zu einer gemeinsamen Reise – ausgehend von seinem Schreibtisch zu seinem neuen Romanhelden in einen Winter in Paris:

Liebe deutschsprachige Leserinnen und Leser, vielen Dank dafür, dass Sie Victor durch diesen Winter in der Hauptstadt begleiten wollen. Er braucht Sie. Er erwartet Sie. Kommen Sie? Ich begleite Sie!

Das aktuelle Buch

Ein Ereignis, das alles verändert für den Pariser Studenten Victor … Ein sensibler und zärtlicher Roman von Bestsellerautor Jean-Philippe Blondel

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Der Autor

Jean-Philippe Blondel wurde 1964 im französischen Troyes geboren, wo er auch heute als Autor und Englischlehrer mit seiner Familie lebt. Sein “Roman 6 Uhr 41” wurde ein Bestseller.

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Teil 6 | Michael Ondaatje | Kriesglicht

Verlorene Karrieren

Michael Ondaatje hat uns dieses Foto seines Schreibtischs mit den schlichten Worten “August Desk” geschickt. Und dann kam dieser schöne Text über verlorene Karrieren hinterher, der vermutlich an eben diesem Schreibtisch entstanden ist.

Zwei Möglichkeiten boten sich mir als Halbwüchsigem: was ich nach Meinung anderer werden würde oder werden sollte und was ich selbst werden wollte. Einmal im Jahr kamen Berufsberater in meine Schule in England, unterhielten sich mit jedem Schulabgänger eine halbe Stunde lang und eröffneten ihm eine Woche später, wofür er geeignet war. Mir sagte man, ich sollte Zollbeamter werden. Es gab viele Berufsvorschläge, als ich meinen Schulabschluss machte – manche Jungen waren berufen, Minister zu werden, Unternehmer, Schriftsteller, Geschäftsleute, Zeitschriftenredakteure, Stückeschreiber, Architekten, Anwälte –, und ich war der Einzige, dem diese Karriere nahegelegt wurde. Das war meine Nische. Wenn ich heute durch den Zoll gehe und vor der roten Linie stehe, ergreift mich tiefes Schuldgefühl. Es ist der Beruf, den ich verschmäht habe. Auch wenn Künstler wie Herman Melville und Henri Rousseau diesen noblen Beruf ergriffen haben – ich habe mich ihm entzogen.

Die andere Alternative – was ich selbst werden wollte – änderte sich beständig, aus Mangel an Begabung und an Fähigkeiten: Ich wollte ein Pianist wie Fats Waller werden und/oder ein Illustrator von Abenteuerbüchern (mit vielen Schwarzweißbildern und ein paar Farbtafeln, wie im Werk von N.C. Wyeth). Stärker jedoch war immer der Wunsch, mich zu verwandeln und eine „Karriere“ als Tier, zum Beispiel als Vogel, anzustreben.An dieser kindlichen Phantasie hielt ich viel zu lange fest, und noch als meine Kinder schon groß waren, wünschte ich mir beim Aufwachen, ich wäre eine Krähe oder ein Jagdhund.

(Das schönste Kompliment, das ich je bekam, war die Feststellung von Gabriel Yareds Frau, ich würde wie ein Wolf tanzen.)

Das Tier, das ich als Junge am liebsten gewesen wäre, war ein Dachs. Der Dachs. Bestimmt wünschte ich mir das nach der Lektüre von „Der Wind in den Weiden“, und selbst jetzt noch stelle ich mir vor, das gesellschaftliche Umfeld eines „literarischen Lebens“ sollte nach dem Vorbild einer Gemeinschaft modelliert sein, wie sie in diesem Buch existiert, vielleicht mit ein paar mehr weiblichen Wesen.

Aber Jazzpianist und Buchillustrator lagen näher. Trotzdem weiß ich sogar heute noch, wenn ich einen Hasen in einem Feld sehe, dass es das andere, ungelebte Leben gibt.
Aus dem Englischen von Anna Leube.

Das aktuelle Buch

Wie viele Geheimnisse verträgt ein Leben? – Der neue Roman von Michael Ondaatje, dem Autor von „Der englische Patient“.

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Der Autor

Michael Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, lebt heute in Toronto. Mit seinem Roman Der englische Patient (Hanser, 1993), für den er den Man Booker Prize und zum 50-jährigen Jubiläum des Preises im Jahr 2018 den Golden Man Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt.

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Teil 5 | Anton Badinger | Zwei unter einem Schirm

Ich verfolge eine rigorose clean desk policy

Lange habe ich gedacht, dass man nur in der Ferne schreiben kann. Ich habe mit anderen Autoren darüber gesprochen und weiß, dass diese Überzeugung ziemlich verbreitet ist. Es geht wohl um die Sehnsucht, schreibend in eine Welt einzutreten, die so rein ist wie ein weißes Blatt Papier. Daraus folgt allerdings ein Dilemma, das ich die “Aporie der Ferne” nennen möchte: Ist man erst dort, wird die Ferne zur Nähe, und prompt stellen sich typische Näheprobleme ein – nachbarschaftlicher Lärm, quietschende Fensterflügel, Kofferradios.

Nach einem nervtötenden Schreiburlaub in einem Dreisternehotel an der oberen Adria kam mir der Gedanke, dass meine Sehnsucht nach der Ferne vielleicht bloß eine Ausrede ist. Eine raffinierte Form von Faulheit. Danach bin ich dazu übergegangen, mir bloß vorzustellen, ich sei beim Schreiben woanders. Wenn man Figuren und Geschichten erfindet, sollte man auch in der Lage sein, sich die Ferne einfach auszudenken. Seither schreibe ich meine Texte dort, wo ich meine Mahlzeiten einnehme, die Buchhaltung mache und auch sonst fast alles erledige, was so anfällt – an meinem Allzwecktisch. Um meiner Einbildungskraft auf die Sprünge zu helfen, verfolge ich eine rigorose clean desk policy (CDP), das heißt, ich räume den Tisch zu Inspirationszwecken zwischendurch immer wieder komplett leer. Tabula rasa! Das hat auch den Vorteil, dass ich von meinen Mitmenschen inzwischen für äußerst ordentlich gehalten werde. Es muss ja niemand in die Schubladen schauen.

Das aktuelle Buch

Cover_Badinger_Schirm

Zwei unterschiedliche Frauen schließen Freundschaft und merken schnell, dass gemeinsam alles leichter geht und dass das Glück nicht immer dort liegt, wo man es vermutet.

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Der Autor

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Anton Badinger, 1969 in Salzburg geboren, studierte Gestaltungslehre an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

5 Fragen an Anton Badinger

Teil 4 | Matt Ruff | Lovecraft Country

Vielleicht etwas unordentlich, aber tatsächlich ist es gerade gar nicht so schlimm

So sieht mein Schreibtisch derzeit aus.

Die Tischplatte ist eine massive Holztür, die ich in den 1990ern selbst gebeizt und lackiert habe. Ursprünglich wurde sie von zwei Sägeböcken getragen, die ich später durch Schubladenschränke ersetzt habe und dann durch die offenen Regale wie auf dem Foto.

Der Schreibtisch sieht vielleicht etwas unordentlich aus, aber tatsächlich ist es gerade gar nicht so schlimm. Alle paar Monate räume ich das angesammelte Papier und anderen Krempel weg, zum Staubwischen, und dann fange ich wieder an, Zeug anzuhäufen. Ich habe erst vor kurzem alles abgestaubt; was man hier sieht, ist das Durcheinander nach einer Woche.

Das Wichtigste auf dem Schreibtisch, abgesehen von dem Computer, auf dem ich schreibe, ist meine riesige Hahnentasse, in die ein halber Liter starker Kaffee passt.

Zu den Büchern, die sich auf dem Drucker stapeln (sowohl solche, die ich für die Arbeit brauche, als auch solche, die ich zum Vergnügen lese), gehören: das Merriam-Webster Dictionary of English Usage, die 16. Auflage des Chicago Manual of Style, Edwin Williamsons Borges: A Life, Bradley K. Martins Under the Loving Care of the Fatherly Leader: North Korea and the Kim Dynasty, John Crowleys Love & Sleep, Colleen Mondors The Map of My Dead Pilots, Lacy M. Johnsons The Other Side: A Memoir, T.E.D. Kleins Dark Gods und Julian Dibbells Play Money: Or, How I Quit My Day Job and Made Millions Trading Virtual Loot. Außerdem liegt da ein sehr, sehr altes Computerspiel, ein Godzilla-Abklatsch namens Crush, Crumble and Chomp!, das irgendwann mal auf meinem Schreibtisch gelandet ist, während ich in einer anderen Ecke des Büros saubergemacht habe.

Das aktuelle Buch

Matt Ruff begibt sich ins Chicago zur Zeit der Rassengesetze. Für alle denen Philip K. Dick, Pynchon und Matrix ein Begriff ist.

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Der Autor

Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman Fool on the Hill (Hanser, 1991) zum Kultautor.

5 Fragen an Matt Ruff

Teil 3 | René Freund | Ans Meer

Es gibt keinen besseren Arbeitsplatz

“Ich liebe meinen Schreibtisch und kann mir keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Unordnung sehe ich nicht gerne, deshalb lasse ich sie in den Laden verschwinden. Vor meinem Fenster stehen Obstbäume auf der Wiese, und in meinem Rücken befindet sich die Küche. So kann ich gleichzeitig schreiben und mein Süppchen kochen.”

Das aktuelle Buch

Ans Meer

Einmal im Leben mutig sein! René Freunds warmherziger Roman über einen Roadtrip – mit dem Linienbus!

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Der Autor

René Freund,

lebt in Grünau im Almtal. Er studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Völkerkunde. Von 1988 bis 1990 war er Dramaturg am Theater in der Josefstadt.

5 Fragen an René Freund

Teil 2 | Hans Maarten van den Brink | Ein Leben nach Maß

Man braucht ja so wenig zum Schreiben

“Mein Schreibtisch soll immer vor einem Fenster stehen, er soll weiß und ziemlich leer sein, aber doch groß. Also lieber drei als zwei Meter lang.

Ich habe zur Zeit drei solcher Tische. Der kleinste steht in Berlin; dort gucke ich auf einen Innenhof. Von den zwei großen befindet sich einer in Amsterdam (mit Blick auf eine stille Straße, wo alle Häuser aus dem 19. Jahrhundert stammen) und der andere in einem winzigen Ort in den Französischen Ardennen, wo ich durch die Fenster nur Wiesen und Wälder sehe.
Dort steht das Fernglas bereit für den Fall, dass ein Reh oder Wildschwein vorbeikommt, aber leider ist das noch nicht passiert; diesen Tieren begegne ich nur auf meinen Spaziergängen. Darum habe ich immer ein Meisenbällchen vor dem Fenster hängen, als gesunde Alternative für das Twittervögelchen, das mich auch immer wieder von der Arbeit ablenkt.
Jeden Morgen, bevor ich anfange zu schreiben, putze ich die Tischplatte schön sauber, und oft im Laufe des Tages noch ein oder zwei Mal. Durch Flecken oder Brotkrümel lasse ich mich nicht gern von der Arbeit abhalten.

Das Alles hört sich jetzt ein bisschen präzios an, aber ist es nicht – es ist einfach ein kleiner Luxus, den ich mir jetzt gönne. Man braucht ja so wenig zum Schreiben. Auf gewisse Papiersorten oder kostbare Füllfeder stehe ich zum Beispiel nicht. Und eigentlich kann man es auch überall machen.

Aber besser nicht an dem genauen Ort über welchen man gerade berichtet, ist meine Erfahrung. Also: Den sehr holländischen Roman ‘Ein Leben nach Maß’ habe ich vornehmlich in Madrid geschrieben, eine Geschichte, die in Frankreich spielt, vor kurzem in Berlin, und eine Erinnering an eine Schiffstour auf dem Rhein kam mal in Vietnam zu Stande. Was das bedeutet? Vielleicht braucht man neben Konzentration auch immer eine gewisse Distanz.
Der Tisch sollte übrigens auch nicht zu wackelig sein, bemerke ich gerade.”

Das aktuelle Buch

Ein Leben nach Maß

Was wir gewinnen, was wir verlieren. H.M. van den Brink erzählt eine Geschichte vom Wandel der Zeit.

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Der Autor

H.M. van den Brink,

1956 in Oegstgeest geboren, ist ein niederländischer Journalist und Schriftsteller. Bei Hanser erschien zuletzt 2018 sein Roman “Ein Leben nach Maß”.

5 Fragen an H.M. van den Brink

Teil 1 | J. Courtney Sullivan | All die Jahre

Das Zentrum meines Lebens

“Als ich meinen Job bei der New York Times kündigte um als freie Schriftstellerin zu arbeiten, hat mir mein Mann einen wunderschönen Arbeitstisch gekauft. In unserer ersten Wohnung war er in eine Ecke unseres Schlafzimmers gequetscht; der einzige Ort, an dem er Platz hatte. Dann sind wir nach Brooklyn übersiedelt, in eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern im dritten Stock eines Backsteingebäudes aus dem 19. Jahrhundert, in einer ruhigen Straße mit einer Allee von Bäumen: Das zweite Schlafzimmer wurde mein Arbeitszimmer. Es war aufregend, ein Büro zuhause und ganz für mich allein zu haben. Ich stellte den Arbeitstisch vor das Fenster und meine großen schwarzen Bücherregale an die Wand gegenüber. Mit der Zeit kam ein bisschen mehr dazu, aber der Raum schien immer zu groß für seinen Zweck zu sein. Dann wurde ich schwanger.

Einige Monate später kam jemand vorbei, um Fotos von mir an meinem Arbeitsplatz zu machen. Auf diesen Fotos konnte man meine Bücherregale sehen, die bald von einem Baby-Bett ersetzt werden sollten. Meine Lieblingsbücher auf dem Fensterbrett waren früher stets auf beiden Seiten von Kranichen aus Papier flankiert. Jetzt standen dort bunte Kinderbücher, die von Buchstützen in Elefantenform gehalten wurden.
Mein Arbeitstisch steht noch immer in der Fensternische, obwohl ich dort nicht mehr viel schreibe. Er ist mittlerweile eher der Ort, an dem Bücher landen, die auf Empfehlungen von mir warten, Rechnungen, die bezahlt werden, und Briefe, die beantwortet werden sollten. Heutzutage bin ich ein Nomade mit einem Laptop, jeden Morgen auf der Suche nach einem ruhigen Ort, an dem ich allein bin. Doch der Anblick meines Schreibtischs, wenn ich mitten in der Nacht mein Baby schaukle, erinnert mich jedes Mal daran, dass Schreiben immer das Zentrum meines Leben war, und es bleiben wird, was auch immer sich ändern mag.”

Das aktuelle Buch

All die Jahre

Kann eine Entscheidung zwei Schwestern für immer trennen? Der neue große Familienroman der Autorin des Bestsellers “Sommer in Maine”, J. Courtney Sullivan.

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Die Autorin

J. Courtney Sullivan,

Autorin und Journalistin, lebt in New York und schreibt u.a. für New York Times, Chicago Tribune, Elle und Men’s Vogue.

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