5 Fragen an ... Rafik Schami

5 Fragen an ... Rafik Schami

Lieber Rafik, hinter dem Titel deines neuen Buches Mein Sternzeichen ist der Regenbogen verbirgt sich eine Geschichte aus deiner Jugend. Wie stehst du heute zu Sternzeichen und Geburtstagen?
Man kann darüber lachen, wie bei einem schlechten Zauberer. Denn schon damals, lange bevor ich Chemie, Physik und Mathematik studiert habe, las ich eine herbe Kritik gegen diesen Aberglauben mit den Sternzeichen. Sie lautete: „Als ob die gewaltigen Sterne und Planeten nichts anders zu tun haben, als für einen Winzling auf einem winzigen Planeten namens Erde Vorhersagen zu machen.“ Was für eine Eitelkeit!

Die Kurzgeschichten dieses Bandes spielen vor allem in Deutschland und Italien, nur wenige in Syrien. Macht es für dich einen Unterschied, ob du über Deutschland oder über Syrien erzählst?
Über den Zusammenhang zwischen Stil und Inhalt könnte man lange und bisweilen langweilige Vorträge halten. Aber ich versuche es so kurz wie möglich: Ich wundere mich über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die über Krieg, Abenteuer, Liebe, Mord und Schwiegermütter „ihren“ Stil beibehalten. Für mich muss sich der Erzählstil immer dem Inhalt anpassen, damit ein Kunstwerk entsteht. Sicher wird man meine Stimme als Erzähler erkennen, aber es sind Kurzgeschichten, die eben zum größten Teil in Deutschland und Italien spielen und verschiedene Themenbereiche tangieren. Das ist sicher anders als eine Geschichte, die in Damaskus spielt. Die Geschichten sollen nicht weniger zauberhaft, poetisch oder spannend sein, aber jede Geschichte ist anders. Das sorgt für Spannung und Überraschung.

Du hast einen scharfen Blick für den Selbstbetrug in Paarbeziehungen und für die Sehnsüchte und Nöte von Menschen im Exil. Sind das Themen, die dir besonders am Herzen liegen?
Ja, am 19. März 2021 habe ich meinen 50. Jahrestag in Deutschland gefeiert, durch Corona bedingt nur mit meiner Familie. Für mich war das Exil befreiend. Ich lebe, wie ich will, und nicht wie die Sippe, Islamisten oder die Diktatur es erlauben. Ich schreibe meine Geschichten so, wie es die Erzählkunst verlangt, und nicht irgendein charakterloser Zensor. Das Exil an sich ist ein Thema, das ich vor allem in meinen Essays oft behandle. Die meisten Geschichten dieses Buches spielen wie gesagt in zwei Ländern, in denen ich einen Großteil meiner Zeit verbringe: Deutschland und Italien. Dort sammle ich Ideen, aus denen manchmal Geschichten entstehen. Die Helden meiner Geschichten aber stammen aus vielen verschiedenen Ländern.
Was den Selbstbetrug in einer Paarbeziehung angeht: Das ist ein Gift, das langsam, aber sicher wirkt. Mich hat fasziniert, wie viele Varianten es davon gibt. Der Selbstbetrug ist ein Meister der Tarnung und verbirgt sich so gut, dass seine Opfer sich daran so lange gewöhnen, bis sich ein Partner aus Mut oder auch aus Verzweiflung für die längst fällige Trennung entscheidet. Dann steht man verloren vor einem Scherbenhaufen.

Deine Leser kennen dich als Meister umfangreicher Romane, wie Die dunkle Seite der Liebe, Sophia oder der Anfang aller Geschichten oder Die geheime Mission des Kardinals. Was bedeutet dir als Erzähler die kurze Form, die du in diesem Band praktizierst?
Die Kunst der Kurzgeschichte wird in Deutschland oft unterschätzt, genau wie die der Kinderliteratur. Ihre Hürden sind nicht schwerer oder leichter als die der Romane, sondern lediglich anders. Kurzgeschichten sind Konzentrate. Sie eignen sich viel mehr als Romane dazu, verfilmt zu werden. Hast du dir jemals eine wirklich detailgetreue Verfilmung eines Romans angesehen? Ich habe das einmal als junger Filmliebhaber versucht. Nach acht Stunden verließ ich das Kino. Seitdem schaue ich mir nur noch selten Romanverfilmungen an. Lieber lese ich die Bücher. Eine Kurzgeschichte kann hingegen, in ein gutes Drehbuch umgearbeitet, einen sehr guten Film hervorbringen. Deshalb habe ich die Geschichten dieses Buches einen „Film ohne Leinwand“ genannt. Sie ziehen in der Tat wie ein Spielfilm vor dem inneren Auge vorbei.

Wirst du mit deinem nächsten Projekt auch in der Gegenwart und in Deutschland bleiben? Oder zieht es dich wieder in andere Gegenden und Erzähltraditionen?
Ich rede nicht gerne über meine nächsten Projekte. Aber so viel kann ich verraten: Es wird ein großer Abenteuer- und Liebesroman, der in einem arabischen Land spielt.

Interview: Tatjana Michaelis

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