Ein Buch, das "dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen kann". Das schrieb der New Yorker über Hanya Yanaghiras Roman "Ein wenig Leben". Doch warum hat dieses Buch eine so außergewöhnliche Wirkung?

Ab 30. Januar 2017 im Buchhandel

Die Autorin Das Buch Leseprobe Social Media

“Ein wenig Leben” handelt von der Jahrzehnte währenden Freundschaft zwischen vier Männern. Sie waren Zimmerkameraden am College und sind nach dem Studium nach New York gezogen, um dort ihre beruflichen Karrieren zu beginnen. Der gutaussehende und sanfte Willem Ragnarsson wuchs auf einer Farm in Wyoming in kargen Verhältnissen auf, jetzt kellnert er und träumt von Engagements als Schauspieler. Jean-Baptiste „JB“ Marion, der geliebte Sohn von Einwanderern aus Haiti, strebt eine Künstlerkarriere an. Doch vorerst arbeitet er an der Rezeption einer angesagten Kunstzeitschrift und hofft darauf, entdeckt zu werden. Malcolm Irvine stammt aus wohlhabendem Elternhaus und leidet unter den Erwartungen seines Vaters, eines erfolgreichen afroamerikanischen Juristen. Die charismatische Figur im Zentrum des Buches aber ist der brillante und enigmatische Jude St. Francis, über dessen Leben seine Freunde so gut wie nichts wissen – weder darüber, wo er herkommt, noch über seine sexuelle Identität oder über die Geschichte seiner körperlichen Versehrtheit und der Schmerzen, von denen er immer wieder geplagt wird.

Auch für uns als Leser erschließt sich das Geheimnis von Judes Leben nur sehr langsam; irgendwann erfahren wir, dass er als Findelkind bei Mönchen in einem Kloster aufgewachsen ist, doch das ist nur der Anfang einer Geschichte, die so atemberaubend ist, dass man manche Passagen immer wieder lesen möchte und vor anderen zurückschreckt, weil man die Nähe einer schmerzhaften Wahrheit spürt.

Was als atmosphärisch dichter New-York-Roman beginnt, entwickelt sich nach und nach zu etwas Größerem und zugleich Riskanterem. Hanya Yanagihara bricht mit den Erwartungen, die wir an einen Gegenwartsroman herantragen. Sie zieht uns den Boden des Vertrauten unter den Füßen fort und tief hinein in eine wahrhaft erschütternde und zugleich fast unwirklich schöne Geschichte, die man mit derselben Unbedingtheit und Versunkenheit liest, mit der man als Kind gelesen hat.

Ich möchte ihre Geheimnisse hier nicht verraten. Wovon sich aber erzählen lässt, ist die Wirkung, die Ein wenig Leben seit seinem ersten Erscheinen in den USA bei den Lesern hinterlassen hat. Denn dort wie in anderen Ländern hat sich um dieses Buch ein leidenschaftliches Gespräch unter Lesern entwickelt, und es ist, als ginge es dabei nicht nur um einen besonderen Roman, sondern immer auch um die Leben der Leser selbst: um Freundschaft, um Verletzungen in der Vergangenheit, darüber, wie wir richtig leben, mit den Menschen, die uns nahe sind. Ein wenig Leben ist ein tief bewegendes Buch – eines der seltenen, die im Leben ihrer Leser etwas hinterlassen, das bleibt.

Karsten Kredel
Verlagsleiter Hanser Berlin

Die Autorin

Hanya Yanagihara, 1975 geboren, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist Redakteurin beim Stilmagazin “T” der New York Times. “Ein wenig Leben” gewann den Kirkus Prize und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, des National Book Award und des Baileys Prize. Es ist eines der bestverkauften und meistdiskutierten literarischen Werke der vergangenen Jahre. Eine Verfilmung durch den Oscar- und Emmy-Preisträger Scott Rudin (Produzent von u. a. “The Social Network”, “No Country for Old Men”, “Frances Ha” und “Grand Budapest Hotel”) ist in Vorbereitung.

Das Buch

“Ein wenig Leben” handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Wie in ein schwarzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. “Ein wenig Leben” ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.

Leseprobe

Er sprach Deutsch und Französisch. Er kannte das Periodensystem auswendig. Er konnte – ohne es zu wollen – große Teile der Bibel nahezu lückenlos aus dem Gedächtnis aufsagen. Er hätte bei der Geburt eines Kalbes helfen, eine Lampe anschließen, einen Abfluss reinigen und einen Walnussbaum auf die effizienteste Weise abernten können; er wusste, welche Pilze giftig waren und welche nicht, wie man Heuballen machte, wie man durch Klopfen herausfand, ob eine Wassermelone, ein Apfel, ein Kürbis oder eine Zuckermelone reif waren. (Und dann wusste er noch Dinge, die er lieber nicht gewusst hätte, Dinge, von denen er hoffentlich nie wieder Gebrauch würde machen müssen, Dinge, die ihn sich, wenn er an sie dachte oder nachts von ihnen träumte, vor Hass und Scham krümmen ließen.)

Und doch erschien es ihm häufig so, als wüsste er eigentlich nichts, das von wahrer Bedeutung oder wirklichem Nutzen war. Die Sprachen und Mathematik, na schön. Aber er wurde täglich daran erinnert, wie viel er nicht wusste. Von den Sitcoms, auf die alle ständig anspielten, hatte er nie gehört. Er war nie im Kino gewesen. Er hatte nie Urlaub gemacht. Er war nie im Zeltlager gewesen. Er hatte nie Pizza oder Eis am Stil oder Macaroni and cheese gegessen (und ganz sicher auch nicht – im Gegensatz zu Malcolm und JB – Foie gras, Sushi oder Rindermark). Er hatte nie einen Computer oder ein Telefon besessen, hatte kaum je ins Internet gehen dürfen. Ihm wurde bewusst, dass ihm nie irgendetwas wirklich gehört hatte: Die Bücher, auf die er so stolz war, die Hemden, die er wieder und wieder flickte, sie waren alle nichts, waren Müll, und sein Besitzerstolz war beschämender, als gar nichts zu besitzen. Die Seminarräume der Universität waren die sichersten Orte und die einzigen, an denen er Zuversicht entwickelte: Überall sonst stürzte eine endlose Lawine aus Rätseln auf ihn ein, jedes verblüffender als das vorherige, jedes eine neuerliche Erinnerung an seine bodenlose Ignoranz. Unbewusst begann er, Listen von Dingen zu erstellen, die er gehört oder gesehen hatte. Doch er konnte niemanden nach den Antworten fragen. Das wäre ein Eingeständnis seines Andersseins gewesen, das weitere Fragen nach sich gezogen und ihn ungeschützt hätte dastehen lassen und unweigerlich zu Gesprächen geführt hätte, zu denen er eindeutig nicht bereit war. Er fühlte sich oft weniger wie jemand, der aus einem anderen Land kam – denn selbst die Austauschstudenten (selbst Odval, die aus einem Dorf nahe Ulan Bator kam) schienen diese Anspielungen zu verstehen –, als wie jemand, der einer anderen Zeit entstammte: Er hätte auch im neunzehnten Jahrhundert aufgewachsen sein können, so viel hatte er offenbar verpasst und so obskur und rein dekorativ wirkte das Wissen, über das er tatsächlich verfügte. Wie kam es, dass anscheinend alle seine Kommilitonen, ganz gleich ob sie in Lagos geboren waren oder in Los Angeles, mehr oder weniger dieselben Erfahrungen gemacht hatten, dieselben kulturellen Referenzen in sich trugen? Musste es nicht irgendwo jemanden geben, der ebenso wenig wusste wie er? Und wenn nicht, wie sollte er seinen Rückstand je aufholen?

XXL-Leseprobe

Social Media

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