Rot und Schwarz

Rot und Schwarz

Stendhal

Einer der größten Romane der Weltliteratur in der glänzenden Neuübersetzung von Elisabeth Edl. Es ist die Geschichte von Julien Sorel, dem Emporkömmling aus der Provinz, der nach Geld und Macht strebt und nach anfänglichem Erfolg den Untergang in einer von Geld und sozialer Hierarchie bestimmten Welt erleben muss. "Das beste Werk von Stendhal" (Johann Wolfgang von Goethe) ist mit einem überaus reichen Anhang nun neu zu entdecken.


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Stendhal

Stendhal - eigentlich Marie-Henri Beyle - (1783-1842) gilt als einer der frühesten Vertreter des literarischen Realismus.

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Presse

"Eine grandiose Neuausgabe: Stendhal wird entstaubt und leuchtet wie am ersten Tag... Die Übersetzung von Elisabeth Edl liest sich, als habe sie den Staub von hundertsiebzig Jahren von dem Buch geblasen." Georg M. Oswald, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.03.04

"Nach 50 Jahren wird diesem Roman endlich wieder eine Neuübersetzung zuteil ... So kommt der psychologische Feinschliff, den der Autor in seinem wichtigsten Buch an den Tag legt, erstmals genau so auf Deutsch zu seinem Recht wie der romantische Überschwang, den er in die Beschreibung der Innenwelt seiner Frauenfiguren gelegt hat. Eine gute Gelegenheit, dieses hinreißend erzählte, spannend komponierte und in so vieler Hinsicht wegweisende Romanwerk der Weltliteratur wiederzulesen." Iris Alanyali, Die Welt, 20.03.04

"Eine Seele unter Hochdruck: Stendhals "Rot und Schwarz", endlich adäquat übersetzt. Vorsicht, explosiv! müßte man diesem Helden, der wirklich einer ist, als Warnhinweis mitgeben. [...] Die sorgfältige Neuübersetzung von Elisabeth Edl bringt den Farbkontrast endlich auch im Deutschen zur Geltung. Erstmals ist die Lakonie der Sprache von "Rot und Schwarz" zu genießen, ohne daß eine anachronistische Modernisierung der Preis dafür wäre. Historisch korrekt und zugleich so frisch, wie nie zuvor - ein übersetzerischer Balanceakt, der eindrucksvoll geglückt ist." Wolfgang Schneider, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.04

"Genialisch ist alles an "Rot und Schwarz"... Diese Neuübersetzung war nötig." Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 22.03.04

"Die Neuausgabe von Stendhals "Rot und Schwarz" lässt keine Wünsche offen" Andreas Isenschmid, Die Zeit, 09.06.04"Ein Schlüsselwerk der Moderne liegt endlich in adäquater neuer Übersetzung vor. ... ein großer Wurf, dessen Ruhm bis heute mit Recht sein gesamtes Werk überstrahlt. Stendhal adäquat ins Deutsche übertragen zu haben, ist das große Verdienst der Übersetzerin Elisabeth Edl. Ihr ist die Eingemeindung eines großen Stilisten gelungen, eines Stilisten, der auch vorzüglich erzählt, weil er die Menschen kannte." Tilman Krause, Die Welt, 19.06.04

"Unbedingt und sofort neu zu entdecken: Stendhals Roman "Rot und Schwarz" in der glänzenden Übersetzung Elisabeth Edls führt in die kalten Tiefen der nachnapoleonischen Ära." Martin Zingg, Frankfurter Rundschau, 07.07.04

Kommentar der Übersetzerin

Das Glück in der modernen Welt: Ein Roman und sein Autor

Stendhal ist ein Klassiker und der Außenseiter der französischen Literatur. Dieses Doppelgesicht ist sowohl in seinem Werk als auch in seiner Person angelegt, und Stendhal hat es gewußt: Seine berühmte Widmung „To the happy few“ bezeugt, daß er sich außerhalb des Stroms der zeitgenössischen Literatur sah. Den Zeitgenossen selbst, sofern sie ihn überhaupt beachteten, ging das nicht anders, seien es bedeutende Schriftsteller gewesen oder heute vergessene Kritiker. Über den Abstand von mehreren Generationen des europäischen Romans hinweg mag es nicht unmittelbar einleuchten, was Rot und Schwarz für seine ersten Leser zu einem so verstörenden Buch machte, doch ein Blick auf die einhelligen Reaktionen ist eindeutig: „Stendhal vient de froisser le coeur humain“, schrieb Honoré de Balzac, und der anonyme Kritker von Le Temps nannte Stendhal einen „désenchanteur par excellence“. In den Rezensionen findet sich auch Lob für das große Buch, doch die Irritation drängt sich überall in den Vordergrund. Und beide treffen genau das, was Stendhal von seinen Zeitgenossen trennte: die illusionslose Wahrheitssuche, die mitleidlose Analyse, die Nüchternheit der Sprache. Stendhal ist nicht grausam zu seinen Figuren, zu Julien Sorel, Madame de Rênal und Mathilde de La Mole, Satire oder Karikatur war nicht seine Sache, doch er erspart ihnen nichts. Kein Zug ihres Charakters, keine große oder kleine Peinlichkeit, kein Fehler und keine Selbsttäuschung wird mit Trost, Verklärung gemildert, und auch die Ironie hat nichts von versöhnlichem Humor. Stendhal hat die Menschen seiner Zeit gezeichnet wie er sie sah, und der Blick des Außenseiters kannte keine Gefälligkeit gegenüber wem auch immer. Wer von den Zeitgenossen sich in diesem Porträt erkannte, der erkannte sich nicht gerne. Man zog es vor, nicht allzu genau hinzusehen, und genau deshalb erlebte Stendhal sein Zeitalter als das der hypocrisie.

Dieses Außenseitertum bestimmt auch seine ambivalente Stellung in der französischen und europäischen Literatur. Man hat sich angewöhnt, Stendhal mit Honoré de Balzac und Gustave Flaubert als Begründer des realistischen Gesellschaftsromans anzusehen, der das geistige Frankreich des 19.Jahrhunderts geprägt hat. Dies ist ohne Zweifel richtig, und doch ist seine Gestalt damit niemals zureichend erfaßt. Auch der psychologische Roman und der Ideenroman beriefen sich auf Stendhal, während etwa Julien Gracq in ihm einzig den Artisten und gegen-realistischen Sprachkünstler sah, und der Leser in der Nachfolge Nietzsches den Verteidiger des großen, starken Individuums gegen eine schwache Zeit; zu schweigen von seinem Einfluß auf die Literatur autobiographischer Selbstanalyse. Von all dem hat Stendhal etwas, und in nichts davon liegt er ganz. Mit den Worten Paul Valérys: „Man kommt mit Stendhal an kein Ende. Ich kenne kein größeres Lob.“

Stendhals Anfänge als Schriftsteller liegen in der Epoche der Romantik, mit der ihn vieles verbindet; doch in den Figuren von Victor Hugo und besonders von Chateaubriand lehnte er sie aus tiefstem Herzen ab. Deren Literatur verkörperte für ihn alles, was er haßte: sprachlichen Pomp, unrealistische Figuren und Handlungen, bedeutungsvolle Überhöhung durch hohles Pathos, Überschwang und Eleganz als Selbstzweck. Daß Stendhal in der ewigen querelle des anciens et modernes ein Moderner war, versteht sich von selbst, und im Werk zeigt dies vor allem die nüchterne Sprache. Der realistische Anteil, der ihn zum Vorläufer des 20.Jahrhunderts machte, ist heute so augenfällig, daß vielleicht ausdrücklich gesagt werden muß, wie unerhört seinerzeit ein Roman wirken mußte, der so tief und unabtrennbar in der eigenen Gegenwart verankert war. Rot und Schwarz ist weder im ganzen noch im Detail ohne den historischen Hintergrund zureichend zu verstehen, und gerade die Durchdringung sogar des Details mit historischer Wirklichkeit macht das Ungewöhnliche aus. Die Geschichte Julien Sorels ist so nur in der kurzen Zeitspanne der Restauration, in den sechzehn Jahren zwischen 1814 und 1830 denkbar, und das prägt Dialoge ebenso wie Briefe, den Tagesablauf und die Eßgewohnheiten.

Vor allem aber prägt es die Figuren selbst, und genau damit hat dieser „Ernüchterer“ das „menschliche Herz“ verletzt. Als erster und mehr noch als Balzac zeigt er, daß dort, wo ein schmeichelhafter Selbstbetrug unverwechselbare Individualität sehen will, die Kräfte der Epoche und der Gesellschaft bereits ihr Werk tun. Die Hierarchien der Restaurationsgesellschaft verhindern es, daß ein Charakter wie der Juliens das verwirklichen kann, was in ihm angelegt ist, zugleich aber ist dieser in seinem Bestreben nach Aufstieg und Anerkennung von den Regeln der ihm feindlichen Zeit bereits zutiefst durchdrungen. Die schöne Illusion des Menschen von sich selbst zerfällt vor diesem harten Blick.

Daß aber Stendhal die Wirklichkeit und ihre Kräfte immer durch das Innere, die Psychologie seiner Figuren hindurch reflektiert, niemals jedoch einfach nur die äußere Wirklichkeit abmalt, unterscheidet ihn vollständig von jenem Realismus, der dann die naturalistische Schule hervorbrachte. Es ist bemerkenswert, daß der zweite Teil des Romans, der nahezu vollständig in Paris spielt, keinerlei Bild der großen Stadt entwirft. Wie anders ausgesehen hätte das bei Balzac! Bei Balzac, der wie kein anderer die visuelle Vorstellung des Mythos’ von Paris im 19.Jahrhundert bestimmt hat. Nichts davon bei Stendhal. Die Pariser Kapitel seines Romans spielen in Interieurs, in Stadtpalästen, im Opernhaus, zuweilen im Garten. Paris, die Hauptstadt des 19.Jahrhunderts, wie sie Walter Benjamin beschrieb, kommt hier nicht vor; im Gegenteil: Rot und Schwarz endet präzise an dem historischen Augenblick, da die große Epoche, der Benjamins Deutung ihren Namen geben sollte, unmittelbar vor der Türe steht.

An dieser historischen Zwischenstellung liegt ein Gutteil des Reizes und der Kraft von Stendhal – des Menschen und seines Werks. René Girard bezeichnete die „Grundfrage“ dieses Werkes so: „Warum sind die Menschen nicht glücklich in der modernen Welt?“ Wenn Stendhal diese Frage als erster so präzise stellte, dann ist er hierin der Moderne avant la lettre, mehr noch als im realistischen Anteil seines Schreibens. Denn das so formulierte „Unbehagen an der Moderne“ ist tatsächlich die Triebkraft der französischen Literatur des Jahrhunderts: der großen Desillusionsromane von Flaubert, Maupassant und Zola ebenso wie der säkularen Lyrik Baudelaires. Doch Stendhals Stellung ist noch eine vollkommen andere. Wenn Goethe in diesem „talentvollen Menschen“ einen „Offizier, Employé oder Spion, wohl auch alles zugleich“ vermutet, dann trifft er natürlich genau das Nach-Revolutionäre, Nach-Napoleonische, kurz: das 18.Jahrhundert an Henri Beyles abenteuerlicher Existenz. Von nichts war dieser weiter entfernt als von der Lebensform des bürgerlichen Schriftstellers à la Flaubert, von der Verkleidung des literarischen Außenseiters im bürgerlichen Gewand. Als Figur verbindet ihn mehr mit dem Vorgänger Choderlos de Laclos als mit dem Nachfolger. In seinem Werk hallt noch jene große Epoche wider, die das 18.Jahrhundert abschloß; in seinem Leben verkörperte er noch einmal jenen Typus des Abenteurers und Literaten, der mit ihm selbst dann verschwinden sollte. Der Kult Napoleons als Antidot gegen eine schwache, verbürgerlichte Moderne ist genau das, was Flaubert in seiner Éducation sentimentale, jenem Ernüchterungsroman par excellence, der Rot und Schwarz so viel verdankt, vollkommen unmöglich geworden war.

Die Geste, mit der Stendhal in Rot und Schwarz seine Epoche verwirft, ist von konsequenter Radikalität. Die Langeweile, der ennui, dem Baudelaire noch poetische Qualitäten abgewinnen sollte, ist auch für ihn die Krankheit des Jahrhunderts, doch in all ihrer Leere und Trivialität; und das Abgleiten ins Pittoreske, in romantische Sozialkritik, vor dem selbst Balzac nicht ganz sicher war, ist bei ihm vollkommen ausgeschlossen. Zwar war Henri Beyle ganz gewiß der Liberale, als der sich der Erzähler des Romans selbst zu erkennen gibt, doch die Radikalität des Romans darf nicht mit politischer Parteinahme verwechselt werden und sie beruht auch nicht auf einer Analyse von Gesellschaftsverhältnissen. An den unteren Klassen, wie sie schon bei Balzac eine ganz andere Rolle spielen, war Stendhal nicht interessiert; in Rot und Schwarz gibt es zwar Dienstboten, jedoch nur als marginale Nebenfiguren, und auch die Schilderung der Fabriken von Verrières im ersten Kapitel kommt ganz und gar ohne die dort arbeitenden Menschen aus. Julien Sorel, der sich so oft über seine soziale Deklassierung beklagt, stammt keineswegs aus einer armen Familie. Berühmt ist der Ausspruch Napoleons: In seiner Armee trage jeder Infanterist den Marschallstab im Tornister. Diese Möglichkeit, durch individuelles Verdienst die sozialen Hierarchien außer Kraft zu setzen, wurde von der bürgerlichen, klerikalen Restauration zerstört, und Juliens Geschichte ist dafür repräsentativ. Stendhal sah in der Restauration nicht etwa, wie es die banale politische Interpretation will, eine Wiederkehr des Ancien régime, im Gegenteil: Auch die Aristokratie ist angefressen von der Krankheit des Jahrhunderts, und sie lebt in steter Angst vor der Wiederkehr der Revolution. Der Provinzadlige wie Monsieur de Rênal steht nicht über dem Bürger, er ist sein Konkurrent, und er kann den Wettbewerb auch verlieren. Aber der Bürger, der gewinnt, wird auch durch den Adelstitel, Baron de Valenod beweist es, kein Adliger. Stendhal, der so tief verwurzelt ist im 18.Jahrhundert, wußte, daß dieses definitiv Vergangenheit war.

Stendhals Verwerfung seiner Zeit ist vor allem auch Haltung und Existenzweise. „Henri Beyle ist in meinen Augen viel mehr ein Typus des Geistes als ein Literat“, schrieb Valéry. „Er ist viel zu ausschließlich er selber, als daß man ihn auf einen Schriftsteller reduzieren könnte.“ So ist es nicht erstaunlich, daß der Außenseiter, bevor er noch gelesener Klassiker war, zum Gegenstand der Verehrung durch eine verschworene Gemeinschaft wurde, zum Fixpunkt einer ganzen Lebens- und Existenzform, des „Beylisme“. Geistige Unabhängigkeit, Überlegenheit und Beweglichkeit, Verachtung des gesellschaftlichen wie des ästhetischen Juste milieu gehören dazu, aber auch eine ganz eigentümliche Stellung zum eigenen Werk. Stendhal ist nicht Schriftsteller in dem Sinne, daß er Schritt für Schritt an der Reihe seiner Werke gearbeitet hätte; das Schreiben war ihm vielmehr eine mögliche Existenzäußerung neben anderen: Liebe, Reisen, Kunst, Musik. Und er, der erst spät im Leben Romane veröffentlichte und nicht mehr als deren drei, ist auch kein Romancier im zünftigen Sinne; sein Leben und sein Verhältnis zur Welt sprachen sich genauso in seinen Reisebüchern aus, in seinen beiden großen autobiographischen Selbsterkundungen oder in seinen Schriften zu Kunst und Musik, wobei alle seine Schriften mit unendlich vielen Fäden ineinander verwoben sind. Daß er dabei zwei der größten Romane der Weltliteratur schuf, mag beinahe wie ein Wunder wirken. Er hätte darin die Bestätigung seines stolzen Außenseitertums gesehen, zu Recht.

Elisabeth Edel

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