Adorno für Ruinenkinder

Adorno für Ruinenkinder

Heinz Bude

1968 – was steckte wirklich hinter der Revolte? Heinz Bude zieht, fünfzig Jahre danach, Bilanz.

Die Achtundsechziger polarisieren noch immer. Heinz Bude hat mit Männern und Frauen gesprochen, die damals dabei waren. Gemeinsam ist ihnen der Aufbruch aus der Kindheit zwischen Ruinen in eine Welt des befreiten Lebens. Aber Adorno gab ihnen auf den Weg, dass es einem umso schwerer wird, sich in der Gesellschaft nützlich zu machen, je mehr man von der Gesellschaft versteht. Mit einer trostlosen Vergangenheit im Rücken wollten sie die Gesellschaft verändern, um ein eigenes Leben zu finden. 50 Jahre nach der Revolte ist es an der Zeit zu verstehen, wie viel Privates seinerzeit das Politische bewegte: Heinz Bude, einer der besten Kenner der deutschen Gesellschaft, zieht Bilanz.


Über den Autor

Heinz Bude

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Heinz Bude, Jahrgang 1954, studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1997 bis 2015 leitete er den Bereich "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" am Hamburger Institut für Sozialforschung, seit 2000 ist er Inhaber des ...

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Presse

„Es ist das klügste Buch zu 1968.“ Arno Widmann, Perlentaucher; 20.03.18

„So hat Heinz Bude einen elegant-pointillistischen Langessay unter dem Titel „Adorno für Ruinenkinder“ vorgelegt: eine konzise, der eigenen biografischen Verortung des 1954 geborenen Autors durchaus bewusste Erzählung.“ Micha Brumlik, die tageszeitung, 08.03.18

5 Fragen an …

Heinz Bude

Wo waren Sie 1968?
Da war ich 14 Jahre alt und der Ort der Revolte in Wuppertal war Tchibo, wo wir Gymnasiasten über die Tore von Günter Pröpper (der war der Gerd Müller des Wuppertaler Sportvereins) und die Musik von Can (die kamen aus Köln) nicht aufhören konnten zu sprechen. Unsere Schülerzeitung hieß „Der Maulwurf“, ein Gedicht vom Klassenkameraden Charlie „In Ewigkeit Barmen“.

Wie ging es Ihnen bei Ihrer ersten Adorno-Lektüre?
Ich kann mich noch genau an den ersten Satz der „Negativen Dialektik“ erinnern: „Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ Das hieß für mich, als ich 1972 in Tübingen mitten in der Phase der Parteiaufbauorganisationen anfing zu studieren, Metaphysik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig, um die Welt zu verstehen.

Warum reden wir heute eigentlich noch so oft über 1968?
Weil da vielleicht ein letztes Mal für einen kurzen Moment das Ganze in Frage gestellt wurde.

Was bleibt von 1968 wichtig?
Die Erfahrung, dass es möglich ist, einfach nur durchzustarten, und es keinen kalt lässt.

An wen haben Sie gedacht, als Sie Ihr Buch geschrieben haben: An die Achtundsechziger oder an deren Enkel?
Zuerst an die 68er, die jetzt zwischen 70 und 80 Jahre alt sind und denen die Altersgenossinnen und -genossen links und rechts wegsterben. Dann an die Tristesse der Unbekümmerten aus der „Generation Golf“, die jetzt die Verantwortung zu übernehmen haben und nicht wissen, worauf sie setzen sollen, und dann an die Enkel der 68er, für die Linkssein auf einmal wieder etwas bedeutet. Die alle sollten dieses Buch lesen, um sich fragen zu können, welches Erbe sie hinterlassen und welches Erbe sie eigentlich antreten wollen.

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Elmau 2,
82493 Elmau

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Kommentare

Manfred Bartel
08.04.2018

Der Deutschlandfunk sieht in dem Buch einen „guten Einstieg in das Jubiläumsjahr“. Für einen Westberliner, der 1951 geboren wurde und die markanten 68 iger Passagen als 17 jähriger Gymnasiast miterlebt hat, stellt es eine Bereicherung der eigenen, mittlerweile verschwommenen, Jugenderinnerungen dar. Ob diese Bereicherung den Kaufpreis von 17.95€ rechtfertigt, ist schwer zu beantworten. Mein Bauchgefühl sagt nein. Bei einer Webrecherche zu dem Buch zeigt sich, das Bude eine große mediale Resonanz ausgelöst hat, jeder Redakteur, jeder politisch interessierte Journalist muss sich zum 68iger Jubiläum äußern und Bude war „just-in-time“. Ein kritischer Geist könnte vermuten, dem Autor ging es mehr um die öffentlichen Auftritte, als um die Publikation eines Buches, das sich um 30 Jahre alte Interviews über 50 Jahre alte Geschichten dreht.
Bei der Sichtung der medialen Resonanz tauchen Ergänzungen auf, die für das Buchverständnis wichtig sind. Nicole Köster vom SWR gibt Bude eine gute Gelegenheit sein Buch zu kommentieren. Seine SWR Kommentare sind wichtig, dies sind Passagen, die im Buch fehlen, um eine bessere Abgrenzung von ihm, zu seinen fünf Interviewpartnern, zu erhalten. In seinem Buch fließen seine einführenden und begleitenden Kommentare und die zitierten Aussagen fast unmerklich ineinander. Dieser Stil erfordert häufige Rücksprünge und einen erneuten Zuordnungsaufwand, vielleicht ist dies intentional so konstruiert.
Bei den fünf zitiert Interviewpartnern fehlt eine wichtige Gruppe, dies sind die Familien, bei denen der Vater psychisch und körperlich unbeschädigt, ohne Kriegseinsatz, seinem Regime an der Heimatfront, bis zum bitteren Ende, die Treue gehalten hat und danach entweder verstummte oder in selbstschützende Geschichtsklitterung verfiel. Auch den Kindern solcher Väter, wurde ein wichtiger Teil des Vaters genommen, der glaubwürdige, vorbildhafte Vater, der Lebensfehler eingestehen kann und das Verbrecherische am Naziregime nachträglich erkennen kann und auf Grund dieser Erkenntnis eine neue, demokratische Zukunft aktiv mitgestaltet. Dieser unlösbare Konflikt zwischen der existenziell wichtigen Beziehung zum Vater und den eignen, sich entwickelnden moralisch-ethischen Ansprüchen hat den kritisch denkenden Teil dieser Generation geprägt.
Erstaunlicher Weise kennzeichnet solche Väter eine totale historische Amnesie für den Zeitraum 1933 – 1945. Er wird selbstverleugnend verschwiegen und mit einem mehrfachen Tabu belegt. Diese Verlogenheit und die andauernde Leugnung des Holocaust, sind ebenfalls Gründe für die Sinnsuche und dem unendlichen Verlangen nach neuer Lebensorientierung bei den 68 igern.
Die politischen Aktivitäten ihrer Kinder, den 68 igern, entdeckten diese Vätern dann als moralische Keule und versuchten ihre politische Deutungshoheit zurück zu erobern, die sie in der Nachkriegszeit verloren hatten. Diese Väter postulierten und postulieren nach 50 Jahren immer noch, dass die 68 iger Generation den Untergang des Abendlandes herbeigeführt haben. Nach 50 Jahren tauchen massenweise Wiederläufer auf und die Diskussionen müssen erneut geführt werden. Unter diesem Gesichtspunkt kann es nicht genügend solcher Bücher und Interviews geben.


Gerd Heitmann
05.03.2018

Kritische Anmerkungen zu:
Heinz Bude, Adorno für Ruinen Kinder, Eine Geschichte von 1968; erschienen bei Hansa, München 2018. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/adorno-fuer-ruinenkinder/

Der Autor zeigt an den Schicksalen seiner Gesprächspartner eindrucksvoll historische Ursachen und persönliche Beweggründe, die die Generation der 68er zum Aufbegehren getrieben haben. Die Selbsteinschätzungen der geschilderten 68er belegen das Scheitern ihrer Revolte.
Der Autor stellt eine enge Beziehung her zwischen seinen Probanden und dem Soziologen Adorno. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch wenn „Eine Geschichte von 68“ erzählt wird, dann muss der Blick auch intensiv auf jene 68er gerichtet werden, die statt Lärm zu schlagen und ein geistiges Strohfeuer abzubrennen entschlossen waren, still den „Marsch durch die Institutionen“ anzutreten. Was bewegte sie zu dieser Haltung? Wie groß war ihre gesellschaftliche Wirkung? Woran sind sie gescheitert? Ging ihr Engagement auf in der von einer neuen jungen Generation getragenen Umweltpartei?
Ich bin mit meinem Jahrgang 1939 und mit meinem aktiven Leben ein Gefangener der 68er- Generation. Doch im Gegensatz zu den Lärmenden der 68er gehörte ich zu denen, die glaubten, mit dem Marsch durch die Institutionen die Welt zu verbessern. Darüber kann man heute müde lächeln oder enttäuscht sein, denn es ist allen 68ern nicht gelungen, eine gerechte Gesellschaft, eine friedliche Welt und – wie sich immer drastischer zeigt – ein humanes Leben auf natürlicher Grundlage zu schaffen. Gemeinsam ist den auffälligen Diskutanten und den stillen Marschierern der 68er, dass sie dem wachsenden Establishment keine Macht entgegensetzen konnten. Auch waren sie nicht in der Lage, ihre Zeitgenossen hinreichend für Maßnahmen zur Verbesserung unserer Welt zu überzeugen. Gegen die Macht des Kapitals und die Verführungen des Konsums scheint kein Kraut gewachsen.
Den Lärmenden muss man zugestehen, dass sie die Welt der eifrigen, aber tauben Gesellschaft geräuschvoll angebohrt haben und ihr Bohrmehl manchmal auch Funken von Wahrheit sprühte. Doch sie allein waren nicht die Generation der 68´er.

Neben den erhellenden Ausführungen in dem Buch gibt es eine Stelle, die weitere Kritik herausfordert.
Auf Seite 16 ist zu lesen: „Wie konnten die um 1928 geborenen Schüler-Soldaten, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs an 8,8-Zentimeter-Flakgeschützen das Vaterland gegen die angloamerikanischen Bomberflotten verteidigt hatten, zur Formatierungsgeneration des vom Flakhelfer-Leutnant Helmut Schmidt sogenannten „Modells Deutschland“ werden?“ Dann ist Bier der Inhalt der Hymne dieser Generation. Und der Autor sagt weiter: „Für mich lag die Lösung dieses Rätsels im Welt abgewandt auf die Welt gerichteten Blick der Hanna Schygulla. Er verriet mir die Möglichkeit eines energischen Handelns für den sozialen Aufstieg aus dem historischen Nichts.“
Dazu habe ich ins Buch gekritzelt:
zum „weltabgewandten Blick auf die Welt“; Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein (M.i.F.);
zu „Möglichkeit“; keine Möglichkeit, sondern Notwendigkeit;
zum „historischen Nichts“; von wegen; diese Generation stand in einem Trümmerhaufen und trug die Last der Historie. Das war kein Nichts!
Für den Verfasser Bude liegt also im Blick einer Dame die Lösung des Rätsels, warum die Flakhelfergeneration zur Formatierungsgeneration der Nachkriegszeit wird und in Deutschland bleibt, im Geiste beduselt durch das Bier.
Es ist viel einfacher: Aus den Trümmern kam man nicht weg; Zukunft war Arbeit ohne andere Möglichkeiten. Man litt unter Fragen ohne befriedigende Antworten. Doch die Macht der Zwänge, die unbewältigte Vergangenheit und die Hoffnung, es besser als die Vätergeneration zu machen, beflügelte die nüchtern Denkenden zur praktischen Tat. Und als dann endlich wieder Boden unter den Füßen war, kamen Ideologen und leisteten sich den Luxus pauschaler Anwürfe und Deutungen. Sie lärmten auf dem Campus und auf den Straßen mit leichtmäuliger Besserwisserei und brüsker Unduldsamkeit. Gewiss ist das eine harte Kritik, aber ich spreche sie aus, weil ich einst über den Hochmut, das öffentliche Gebaren und die Praxisferne vieler in der sogenannten Studentenbewegung erbost war und heute deren Attitüden nur noch lächerlich finde.
Die „Flakhelfergeneration“und die „stillen Marschierer der 68er“ haben etwas gemeinsam, das die Soziologie genauer erforschen sollte.
Heute stehen wir neben alten vor neuen Herausforderungen. Wir Alten sollten der Jugend den Weg bereiten und ihnen Mut machen, für eine gerechte und ökologisch stabile Welt zu sorgen. In diesem Sinne: „Nicht aufgeben.“


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