Wir wissen nicht mehr, wer wir sind

"Wir wissen nicht mehr, wer wir sind"

Cyrill Stieger

Der Balkan-Experte Cyrill Stieger reist durch Mittel- und Osteuropa – und findet eine faszinierende, aber vom Verschwinden bedrohte Welt.

Der Balkan ist die Region in Europa mit den meisten ethnischen, konfessionellen und sprachlichen Minderheiten. Seien es die Torbeschen im Südwesten Mazedoniens, die zum Islam konvertierten Pomaken in Nordgriechenland oder die christlichen Aromunen – wie kaum ein anderer kennt sie Cyrill Stieger, langjähriger Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung. Er hat mit Nachkommen der Vlachen in Istrien gesprochen und sich mit Vertretern der Goranci im albanisch-mazedonischen Grenzgebiet unterhalten, und er fand auf seiner Reise durch Mittel- und Osteuropa eine faszinierende, aber vom Verschwinden bedrohte Welt.


Über den Autor

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Cyrill Stieger

Cyrill Stieger, 1950 in Oberriet in der Schweiz geboren, studierte Slawische Philologie und Osteuropäische Geschichte in Zürich und Zagreb. Anschließend arbeitete er in der Schweizer Botschaft in Moskau. Von 1986 bis April 2015 war ...

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Presse

„Es ist eine ferne und fremde Welt, die uns der detailverliebte Autor mit politischen Analysen und historischen Abhandlungen, mit Reportagen und vielen Gesprächen näherbringt.“ Enver Robelli, Tages-Anzeiger, 23.09.17

„In diesem schier ausweglosen, freilich faszinierenden Labyrinth erweist sich Stieger als ein sicherer und kundiger Führer.“ Andreas Oplatka, NZZ Bücher am Sonntag, 24.09.17

„Stieger hat ein kluges Buch über Identitäten geschrieben, dessen Titel ein treffendes Zitat eines seiner Gesprächspartner ist: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. (…) Cyrill Stiegers Buch liefert Einsichten in das Funktionieren von Gesellschaften.“ Michael Martens, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.17

5 Fragen an …

Cyrill Stieger

Wann sind Sie zum ersten Mal mit Minderheiten auf dem Balkan in Berührung gekommen?

Während meines Studienaufenthaltes 1974 in Zagreb. In jenem Jahr reiste ich oft durch Jugoslawien und die angrenzenden Länder des Balkans. Dabei entdeckte ich kleine Minderheiten, von denen ich zuvor nie etwas gehört hatte.

Warum fasziniert Sie die Beschäftigung mit diesen Minderheiten?

Auf dem Balkan spielen die Nation und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie noch immer eine entscheidende Rolle. Ein Serbe definiert sich als Serbe, ein Kroate als Kroate, ein Albaner als Albaner. Die kleinen muslimischen Minderheiten, also die Pomaken, die Torbeschen und die Goraner, entziehen sich jedoch solchen starren Definitionen. Sie haben fluide nationale Identitäten und sind so moderner und europäischer als alle jene, die sie im Namen des Fortschritts und der Hinwendung zu Europa in nationale Korsetts pressen wollen.

Welche Zäsur bedeuteten die Kriege der neunziger Jahre in Jugoslawien und das Ende des Kommunismus in Südosteuropa?

Nach dem Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerstaates in den neunziger Jahren und dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Bulgarien im November 1989 stellte sich für die während Jahrzehnten bedrängten kleinen Minderheiten erneut die Frage nach ihrer Identität, nach den eigenen Wurzeln, nach der Rolle der Religion in ihrem Leben und nach ihrem Platz im neuen Staat. Die slawischen Muslime Bulgariens etwa konnten die von den Kommunisten aufgezwungenen bulgarisch-christlichen Namen wieder durch ihre alten türkisch-arabischen ersetzen. Das stürzte manche in eine neue Identitätskrise.

Wie unterscheiden sich die kleinen Volksgruppen auf dem Balkan von anderen Minderheiten in Europa?

Mit Ausnahme der Walachen in Mazedonien und der slawischen Muslime in Kosovo (Bosniaken und Goraner) ist keine der kleinen Volksgruppen auf dem Balkan offiziell als Minderheit anerkannt. Während die einen Minderheitenrechte einfordern, wollen andere, etwa die Istrorumänen im kroatischen Teil Istriens, gar keine Minorität sein.

Besteht Hoffnung, dass die Völkervielfalt und die unterschiedlichen Traditionen bestehen bleiben?

Das hängt vor allem davon ab, was die kleinen Minderheiten dafür tun. So wird die walachische oder aromunische Sprache nur dann überleben, wenn die jüngere Generation dieses balkanromanische Idiom auch in ihrem Alltag benutzt. Dazu sind allerdings nur wenige bereit. Die Zahl jener, die noch über aktive Kenntnisse verfügen, schwindet. Im Unterschied dazu sprechen die slawischen Muslime die gleiche oder eine ähnliche Sprache wie die Bevölkerungsmehrheit in dem Land, in dem sie leben. Auch wenn viele ihre Dörfer verlassen haben, fühlen sich die meisten doch mit ihrem Herkunftsort eng verbunden. So besteht die Hoffnung, dass die lokalen Traditionen erhalten bleiben.

Die Fragen stellte © Herbert Ohrlinger

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