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"Zoran Drvenkar erzählt von einer Zeitreise, auf der Kai lernt, dass der Krieg kein Abenteuer ist – und der Großvater, dass er seinem Enkel Wahrhaftigkeit schuldet, keine Heldengeschichten. … Bemerkenswert ist nicht nur diese Geschichte selbst, sondern wie Drvenkar sie gestaltet: als einen rasanten poetischen Trip durch Erinnerungen, Flashbacks und Imaginationen, in dem die Grenze zwischen Realität und Traum, Wirklichkeit und Vorstellung so durchlässig ist wie im Kopf des dementen alten Mannes und in der kindlichen Fantasie seines Enkels. …
Stets aber bleibt Drvenkars Prosa – so raffiniert sie ihr Thema in der Form reflektiert – mitreißend und sinnlich. Nur ganz ab und zu beugt sich der Autor einmal kurz aus seiner Filmvorführerkabine und erklärt, worum es geht. Ansonsten vertraut er ganz der Kraft seiner Erzählung, die im Übrigen nicht von einem bestimmten Krieg handelt. Opa und Enkel sind gleichsam archetypische Figuren, der Krieg, den sie besichtigen, ist der moderne Krieg des 20. und 21. Jahrhunderts schlechthin: 'Es ist ein Krieg, der immer und überall passieren kann.' … Und wenn seine beiden 'Helden' am Ende ihrer Zeitreise mit einem Motorrad durch eine zerbombte Stadt fahren, könnte dies Berlin 1945, Sarajevo 1996, Grosny 2009, Aleppo 2016 oder Mariupol 2022 sein. …. Drvenkars Kurzroman handelt nicht – oder nicht nur – von einer überwundenen Zeit; er erinnert vielmehr daran, dass sich eine Kriegsvergangenheit nicht so einfach überwinden lässt. Er zeigt, wie sie die Menschen zeichnet über die Generationen. Und dass man, wie der elfjährige Kai in diesem erstaunlichen Buch, selbst einem Hundertjährigen noch das Leben retten kann, das er als junger Mann irgendwo an der Front verloren hat." Christian Staas, Die Zeit, 02.03.2023
"Die Geschichte ist so rund, der Austausch zwischen Kai und seinem Opa so herzerwärmend und humorvoll. Und das Ende, auch wenn es um Kriegserinnerungen und Demenz und um das Loslassen geht, ist sehr, sehr tröstlich. Ich kann das Buch wirklich jedem wärmstens empfehlen." Ziphora Robina aus der LUCHS-Jury, Radio Bremen, 02.03.2023
5 Fragen an …
Zoran Drvenkar
Lieber Zoran Drvenkar, wie sind Sie auf die Idee zu der Geschichte von Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück gekommen?
Da gibt es eine Szene in Gregor Tessnows Kinderbuch Auch Geheimagenten brauchen Schlaf, in der ein Zehnjähriger notgedrungen einen Tag bei seinem dementen Großvater verbringen muss und mitten in der Nacht gefesselt erwacht, weil der Großvater ihn für einen Verräter gehalten hat. Der Junge befreit sich und der Großvater erinnert sich kein Stück daran, was geschehen ist. Ich nahm diesen Moment und sponn ihn in eine andere Richtung weiter: Da sitzt also mein Charakter, er ist elf Jahre alt, gefesselt und geknebelt und wir haben keine Ahnung, was als nächstes geschieht. Dann kommt ein alter Mann aus dem oberen Stockwerk die Treppe herunter und ignoriert den Jungen völlig. Erst nach einer Weile bemerkt er ihn und sagt: “Du bist ja immer noch da.” Als ich diese Szene geschrieben hatte, war ich nicht mehr zu halten. Der Dialog zwischen den beiden entstand wie von selbst und mir öffnete sich langsam die Welt, in der der Enkel und sein Großvater steckten. Dass der eine dem anderen helfen wollte, dass die zwei zusammengehörten. Schließlich kam ich zu dem Punkt, der die Geschichte zu formen begann: Was wir nicht alles tun würden, um einander zu retten – vor dem Vergessen, dem Verlieren und den vielen Lügen, die das Leben auch ausmachen.
Wie verhält sich das Kindertheaterstück, das im Grips-Theater aufgeführt wird, dazu?
Ich hatte das Gefühl, es steckt mehr hinter dem Theaterstück. Außerdem wollte ich die Charaktere nicht gehen lassen. Dabei ist es immer ein Experiment, eine Geschichte zu erweitern und eine neue Ebene zu finden. Es besteht immer die Chance, dass es vollkommen schiefgeht. Als ich mit der Umsetzung zum Roman begann, geschah auch mehr, als ich erwartet hatte. Es kam Poesie in die Geschichte, es entwuchs ihr eine Energie, mit der ich nicht gerechnet hatte. Plötzlich wurde aus der imaginären Reise von Enkel und Großvater etwas Bodenständiges – das Theater fing das eine ein, der Roman etwas ganz Anderes. Die Geschichte wurde wahr und echt. Das Buch selbst hat jetzt mehr Raum zu leben und wächst im Kopf des Lesers zu einem ganz anderen Maß heran, als wenn man die Geschichte auf der Bühne sieht. Ich mag es, dem Leser diese Freiheit zu geben und ihn über den Roman mit auf die Reise zu nehmen. Die Kopfwelt ist immer eine andere als die visuelle, sie lässt viel mehr Spielraum für die eigenen Gedanken und Folgerungen. Ich kann meine Charaktere besser verstehen, wenn ich von ihnen an der Hand genommen und durch eine Geschichte geführt werde. Ich rutsche näher an sie heran, ich lebe das Leben mit ihnen gemeinsam.
Was war schwer, was leicht beim Schreiben?
Leicht war es, sich in der Form des Romans neu in die Charaktere zu verlieben. Ich lerne sie beim ausführlichen Erzählen besser kennen und lasse ihnen dadurch mehr freie Hand, folge leichter ihren Gedanken, Ideen und Zweifeln. Schwer war es die Übergänge und Zeitsprünge zu erschaffen. Ich wollte den Leser ohne viel Fantasygedöns mitnehmen und nicht Zaubersprüche oder magisches Gemurmel einbauen, damit man mir folgen kann. Es ist schwierig, bei der Einfachheit zu bleiben, wenn du Themen wie Demenz, Krieg und Verlustangst angehst und dabei auch noch hundert Jahre durch die Zeit reisen musst. Aber ich wollte mich zur Einfachheit zwingen, weil ich hier keine übermoralische Geschichte erzählen wollte. Es war mir wichtig, Opas Vergangenheit und seine demente Gegenwart als alltägliche Dinge anzugehen, denn am Ende des Tages stellen sie sich genau so dar und ein jeder muss sie auf seine Art und Weise lösen. Hier geschieht es durch Verständnis und Liebe und den unermüdlichen Kampf gegen die Furcht.
Interview: Antje Ehmann