Die Kunst an nichts zu glauben

Die Kunst an nichts zu glauben

Raoul Schrott

In Raoul Schrotts Gedichten geht es um Moral ohne Gott, um das Staunen über das Humane, um das Leben ganz im Diesseits: um und mit uns.

Nach über zehn Jahren der neue Gedichtband von Raoul Schrott: eine Feier der großen Kleinigkeiten des Lebens. Geschrieben in meisterlicher Leichtigkeit, ist „Die Kunst an nichts zu glauben“ ein Panorama des Allzumenschlichen. Die Gedichte werden von Sentenzen aus der ersten atheistischen Bibel gerahmt, dem „Manual der transitorischen Existenz“ aus dem 17. Jahrhundert. Dazwischen stehen Portraits einzelner Berufstätiger, vom Busfahrer bis zum Richter. Sie alle stellen ihre Fragen nach dem Gelingen des Lebens und finden Schönheit im Scheitern. Gedichte und Sentenzen erzählen so grundverschiedene und doch gleiche Geschichten: vom Kampf um jeden irdischen Moment. Und wie er manchmal beglücken kann.


Über den Autor

Raoul Schrott

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Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Homers Heimat (2008) und seine Übertragung der Ilias (2008), Gehirn und ...

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Presse

„…dieses so merkwürdige wie brillante Werk…“ Claudia Mäder, NZZ am Sonntag, 29.12.15

"Schrott erweist sich abermals als der weltgewandte Philosoph unter den Poeten." Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 28.11.15

"Keiner beherrscht die Kunst, an nichts zu glauben. Aber Raoul Schrott beherrscht die Kunst, uns den Glauben an uns, an unser eigenes kleines Leben, zurückzugeben." Alexander Solloch, NDR Kultur "Neue Bücher", 09.10.15

5 Fragen an …

Raoul Schrott

Raoul Schrott, wozu eigentlich Gedichte heute?
Unser Denken geht zur einen Hälfte in Sprache vor sich, zur anderen in Bildern; und unser Körper wird vom Lid- bis zum Herzschlag von Rhythmik bestimmt. Ein Gedicht baut sich gleichwertig aus diesen drei Ebenen auf und bringt sie für eine Aussage auf den Punkt. Keine andere Gattung – weder Prosa, noch Kino oder Oper – vermag das in dieser Prägnanz zu leisten. Die Frage impliziert, dass das eigentlich keinen mehr interessiert. Das stimmt. Gedichtbände werden weder gut verkauft noch groß rezensiert oder breit gelesen. Dennoch stellen Gedichte die komplexesten Aussagen dar, zu denen wir fähig sind; und wenn sie gelingen, deshalb auch die schönsten. Deswegen schreibt man sie. Da es aber kaum noch Leser dafür gibt, macht dies das Schreiben von Gedichten wohl zu etwas Widerständigem: dem umfassendesten Behaupten des Humanen, allem zum Trotz.

Sie haben in den letzten Jahren viele verschiedene Werke veröffentlicht – von der Großerzählung Das schweigende Kind über die gemeinsam mit dem Neuropsychologen Arthur Jacobs verfasste Studie Gehirn und Gedicht bis hin zur Ihrer Übertragung der Ilias. In welchem Verhältnis steht Ihr Schreiben von Gedichten zu diesen vielen anderen Interessen?
Die Ilias zu übertragen heißt, sie neu zu dichten. Zusammen mit einem Hirnforscher die poetischen Strukturen zu studieren, heißt sich mit unseren grundlegendsten Wahrnehmungsweisen auseinanderzusetzen. Zu erzählen heißt, diese poetischen Strukturen – Sprache, Bild und Musik – für eine Geschichte einzusetzen. All dies heißt im weiteren Sinne, das Dichten mit anderen Mitteln fortzuführen. Das Gedicht selbst fokussiert eine einzelne, für sich stehende Erkenntnis. Ein Roman stellt – vergleichsweise, also bereits poetisch gedacht – eher einen Film dar, ein Gedicht eher ein Foto. Was angebrachter ist, wird vom Sujet bestimmt. Dabei gibt es für mich nichts Lustvolleres, als Gedichte zu schreiben: Einen Moment von Welt in all seiner schwebenden Vielschichtigkeit abzubilden, ihn durchsichtig werden zu lassen, klar.

Die Kunst an nichts zu glauben widmet sich in immer neuen Facetten dem menschlichen Alltag: unseren Berufen, Gewohnheiten und Jahrestagen. Was hat Sie daran gereizt?
Gereizt hat mich, die conditio humana im Hier und Jetzt zu beschreiben – um uns als Gesellschaftspanorama zu begreifen. Da sind die Fassaden, mit denen wir uns in der Öffentlichkeit darstellen, und da sind all die flüchtigen Begegnungen untereinander – dahinter aber zeigt sich jedes Mal ein Mensch, im Hellen wie im Dunklen: in dem was wir tun, denken und sind; im Verhalten im Alltäglichen wie an Wendepunkten des Lebens. Nicht in großen Gesten, sondern im meist Unauffälligen. Es hat mich weniger gereizt, als angetrieben, hinter all dem Zeitgeistigen zu erkennen, wie ein jeder mit dem stets nur Vorläufigen unserer Existenz fertigzuwerden versucht, aufbegehrend und scheiternd, dazwischen Augenblicke von Schönheit.

Ihr Gedichtband kommt zugleich immer wieder auf ein ebenso seltsames wie verblüffendes Traktat des 18. Jahrhunderts zurück – das „Manual der transitorischen Existenz“. Warum?
Obwohl der Glaube an Gott bei uns längst zum Lippenbekenntnis geworden ist, die Wissenschaften eine im Leeren evolvierende Welt dagegen setzen und unsere Gesellschaft dabei eine ausdifferenzierte Ethik entwickelt hat, gibt es dennoch keinen allgemein verbindlichen literarischen Text, der entsprechende moralische Haltungen formulieren würde; es gibt nur eine letztlich bedeutungslos gewordene Bibel und ein bürgerliches Gesetzbuch. Die Leerstelle dazwischen vermag dieses völlig unbekannte, in Ravenna entstandene Traktat mit seinen Maximen zu einer Lebensführung im Diesseits zumindest zu skizzieren. Auch indem es sich als Produkt einer kurzen Geschichte des Atheismus ausweist – bei der auch deutsche Persönlichkeiten keine geringe Rolle spielten. Passagen aus diesem Manual rahmen die Gedichte – um sie in ihr Streiflicht zu stellen und sie in dieser Perspektive auch wieder anders zu schattieren.

Was ist das für Sie, irdisches Glück?
Das Glück im Irdischen – jene unvorhersehbaren Momente, in denen sich angesichts des Absurden und Erdverhafteten unserer Existenz ein Überschwang einstellt, der ebenso viel Trost umfasst wie Einsicht unserer Bedingtheiten. Es sind dies ihrem Wesen nach Momente des Poetischen – und damit der eigentliche Grund, Gedichte zu schreiben. Und vielmehr noch: sie zu lesen.

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