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Miroloi

Miroloi

Karen Köhler

Buch

Deutschland 24,00

Österreich 24,70

E-Book

Deutschland 17,99

Österreich 17,99

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Leseprobe

Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht. Sie sagen, in einen Karton voller Zeitungspapier hat sie mich gelegt, die eigene Mutter, wie Müll, den man zum Müll legt. Den Karton, sagen sie, hat sie auf eine Stufe der Treppe zum Bethaus gestellt. Mitten in der Nacht, mitten im Regen, mitten im Winter. Was für eine Mutter, sagen sie, was für eine Sünde, und schauen nach oben dabei, das ganze Dorf hat sie damit befleckt. Und dass ich von drüben bin, das ist ja offensichtlich, und dass von dort seit jeher nur Schlechtes gekommen ist. Und sie machen diese Bewegung mit der Hand, die sie immer machen, wenn sie klagen. So eine wie mich, sagen sie, so eine hätten sie weggemacht.
Und ich mach mich weg, jeden Tag mach ich mich weg. Jetzt gerade, mit dem Einkaufsnetz in der Hand, mach ich mich weg, weil: Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Das rufen mir die Kinder hinterher, das war noch nie anders, die Worte waren schon immer da, nur die Kinder sind immer andere Kinder, sie wachsen stets wieder nach und folgen mir als schimpfende Traube durchs Dorf auf dem Weg vom Laden hoch zum Bethaus. Und wegen der Sache mit meinem Bein kann ich nicht schnell, und das wissen sie nur zu gut.

Ich mach mich also weg, drehe die Welt einmal um und setze mir die Schimpftirade als Krone auf, bis die Kinder von mir ablassen, weil in der Kurve beim Brunnen die alten Frauen auf ihren Stühlen sitzen und die jetzt dran sind. Alle in Schwarz, alle ganz starr, alle ganz Auge, stumm, verschlossen, zu. Und wie sie gucken und zischeln und mit den Mundwinkeln zucken, als ich auf ihrer Höhe bin. Und Handbewegungen, und Himmelwärtsblicke. Ich weiß nicht warum, weiß nicht, was heute anders ist, vielleicht bin ich voll wie ein Gefäß, in das nichts mehr hineinpasst, kein Blick, kein Zischeln, kein Schnalzen mehr. Vielleicht ist es, weil ich blute und mich alles leichter reizt, aber heute bleibe ich vor den Frauen stehen, hebe meinen Blick und schaue zurück. Eine nach der anderen schaue ich mir an, ganz langsam schaue ich direkt in ihre Gesichter. Sie sind die Ältestenfrauen, sie ziehen sich das Leid der Anderen an wie ein Gewand, das ihnen ganz genau passt. Sie sind die Klageweiber, die über unsere Leichen gebeugt weinen, sich die Zöpfe lösen und die Haare raufen. Sie sind die Lebensgeschichtenbewahrerinnen, die nach deinem Tod dein ganzes Leben besingen. Sie sind die Mütter, Groß- und Urgroßmütter des Dorfes, von Regeln gebeugt, vom Leid verzerrt, vom Alter verrunzelt, von Arbeit, Krankheit und Dreck zermürbt, von Hass und Missgunst zerfressen. Ich sehe sie mir an. Sehe sie mir ganz genau an.

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Das Hörbuch

gelesen von Karen Köhler

Die ungekürzte Hörbuch-Ausgabe von Miroloi wird von der Autorin selbst gelesen und erscheint bei ROOF Music.


VÖ: 28.08.2019 | 2 MP3-CDs | 11 Std. I Digipak
25,00 Euro (UVP)
ISBN: 978-3-86484-595-6


Ein Hörprobe und weitere Informationen finden Sie hier >

»Köhlers lange Erfahrung als Theaterautorin kommt dem Roman spürbar zugute. Vor allem die langen Figurendialoge ziehen den Leser mitten hinein ins Geschehen, machen es zu einer glaubwürdigen Saga. Eine Gattung, die aufs Universelle zielt, aber vom Konkreten lebt. ... Vorgetragen in einer märchenhaften Sprache mit poetischen Wendungen mit “Tausendaugenmenge“ oder “Wassertropfenspur“ entfaltet sich Köhlers Roman zu einem politisch aktuellen Plädoyer für die Errungenschaften der Zivilisation, für Menschenwürde und Selbstbestimmung.«
Ursula März, Deutschlandfunk Kultur, 26.08.19
»Das archaische Tableau erinnert an `Kassandra` und so wie die Erzählung von Christa Wolf ein Klassiker des Feminismus geworden ist, hätte auch der Roman von Karen Köhler mit seiner sprachlichen Wucht den drastischen Details das Zeug dazu. ... Ein packend erzähltes Stück Literatur, das seinen hohen Ton und seinen hohen Anspruch bis zum dramatischen Finale durchhält.«

Sabine Frank, MDR Kultur, 20.08.19
»Wie weit Menschen bereit sind, sich Gesetzen zu unterwerfen, auch wenn sie diese als falsch erachten, wann der Moment erreicht ist, in Opposition zur eigenen Umgebung zu treten, und wie hoch der Preis dafür dann ist, davon handelt dieser Roman.«

Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.19
»Karen Köhler macht sich mit diesem Text stark für die politische Kraft der Erzählung. Sie klammert sich nicht an eine der aktuellen Debatten, sondern bemüht sich, einen eigenständigen Urtext zu erschaffen. Mit `Miroloi` hat sie eine Parabel über die Freiheit geschrieben, die Raum lässt für die Gedanken des Lesers, in ihrem hoffnungsvollen Gesang.«

Lisa Kreißler, NDR Kultur, 15.08.19
»Ein ungewöhnliches Buch. ... `Miroloi` knüpft nicht an die alltägliche Erfahrung an, und es verwendet für vieles, was uns gleichwohl bekannt vorkommt, eine eigene Sprache.«

Elke Schmitter, Der Spiegel, 12.08.19

Schreibwerkstatt

Karen Köhler über ihr Arbeitszimmer:

„Ich schreibe an unterschiedlichen Orten, für meinen Roman MIROLOI habe ich beispielsweise sehr viel in Griechenland recherchiert und mir dort immer eine abgelegene Taverne mit Blick aufs Meer zum Schreiben gesucht. Wenn ich ein Aufenthaltsstipendium habe, nehme ich aus meinem Arbeitszimmer Bilder und Karteikarten mit, die ich an den fremden Wänden aufhänge. Mein Arbeitsraum in Hamburg ist mein Herzstück. Er liegt außerhalb der kleinen Wohnung, die ich mit meinem Freund teile. Hier schreibe, nähe, bastele, male, zeichne, webe, nähe, klebe, sticke, stricke und häkele ich. Für MIROLOI habe ich eine ganze Zimmerwand vollgehängt mit Fotos, Illustrationen, Fundstücken, Karten, Federn und Knochen. Die Wand ist mit dem Text gewachsen und irgendwann war sie völlig zugewuchert. An der übereckliegenden Wand hatte ich sehr streng eine 3-Akt-Struktur mit Karteikarten installiert. Für jede Strophe gab es eine Karte. Als Florian Kessler zum Lektorat nach Hamburg kam, habe ich ihn in meinen Arbeitsraum eingeladen, obwohl es ein sehr intimer Ort für mich ist. Als er das Zimmer betrat meinte er: Krass, ich habe das Gefühl, ich bin gerade in Deinem Kopf gelandet. Bittesehr: Hier ist mein Herzkopf.“

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zehnSeiten-Lesung

Karen Köhler liest bei zehnSeiten aus „Miroloi“.

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Auf Lesereise

ab August 2019

Ab August 2019 geht Karen Köhler auf große Lesereise in Deutschland und Österreich, um ihren Roman Miroloi vorzustellen.

Details zu allen Terminen finden Sie hier >

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