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Der neue großer Familienroman "All die Jahre" von J. Courtney Sullivan

Vor vielen Jahren sind Nora und Theresa Flynn von Irland nach Amerika ausgewandert, wo sich ihr Leben an einem einzigen Tag für immer verändert.

Nora Flynn ist 21, als sie mit ihrer jüngeren Schwester von einem irischen Dorf nach Boston auswandert, um ihrem Verlobten zu folgen und Theresa eine Ausbildung zu ermöglichen. Doch die macht alle Pläne zunichte. Theresa wird schwanger. Nora trifft eine folgenschwere Entscheidung. Fünfzig Jahre später hat Nora vier erwachsene Kinder: John, der Karriere in der Politik gemacht hat; Bridget, die mit ihrer Freundin ein Baby plant; Brian, der nichts so recht auf die Reihe kriegt; und den gutaussehenden Patrick, ihren Ältesten, der Nora beständig Sorgen bereitet und trotzdem ihr Liebling ist. Theresalebt als Nonne in einem Kloster, als Patricks Tod die Schwestern nach Jahrzehnten des Schweigens wieder zusammenführt – und sie zwingt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was ihr Leben für immer verändert hat.

All die Jahre

All die Jahre

J. Courtney Sullivan

Kann eine Entscheidung zwei Schwestern für immer trennen? Der neue große Familienroman der Autorin des Bestsellers "Sommer in Maine", J. Courtney Sullivan.

Buch

Deutschland 22,00

Österreich 22,70

E-Book

Deutschland 16,99

Österreich 16,99

Leseprobe

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Im Auto auf dem Weg zum Krankenhaus erinnerte Nora sich. Als Patrick noch ein kleiner Junge war, war sie oft plötzlich aufgewacht, panisch vor Angst – dass er zu atmen aufgehört hatte oder von einem tödlichen Fieber befallen war. Dass man ihn ihr weggenommen hatte.
Dann musste sie ihn sehen, um sich sicher zu sein. Damals wohnten sie im obersten Stock eines kleinen Wohnhauses auf der Crescent Avenue. Sie nachtwandelte mit über die kalten Dielen schleifendem Nachthemd durch die Küche und an Bridgets Zimmer vorbei, den langen Flur hinunter bis zum Zimmer des Kleinen. Im Hintergrund war Mrs. Sheehans Radio aus der Wohnung unter ihr zu hören.
Die Angst kehrte in dem Sommer wieder, in dem Patrick sechzehn Jahre alt war und sie in das große Haus in Hull zogen. Nora wachte nachts mit pochendem Herzen auf, sah ihn und ihre Schwester vor sich, und Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart überlagerten einander. Sie machte sich Sorgen wegen der Jungs, mit denen er sich herumtrieb, wegen seiner Launen und wegen der Dinge, die er getan hatte und die nicht wieder rückgängig gemacht werden konnten.
Sie begegnete diesen Ängsten auf die ihr vertraute Art. Zu welcher Stunde auch immer: Sie stand auf und stieg die Treppen zu Patricks Zimmer unter dem Dach hinauf, um ihn zu sehen. Das war ihre Vereinbarung mit sich selbst, das Ritual, das Sicherheit garantierte. Solange sie die Augen offen hielt, konnte nichts richtig Schlimmes passieren.

Über die Jahre hatte es immer wieder Zeiten gegeben, in denen sie mehr mit einem der anderen drei Kinder beschäftigt gewesen war. Je älter sie wurden, desto besser konnte Nora sie einschätzen. Das war etwas, das einem keiner vorher sagte: Man musste die eigenen Kinder kennenlernen. John wollte ihr unentwegt gefallen. Bridget war ein hoffnungsloser Wildfang und benahm sich wie ein Junge. Sie hatten sich diese Eigenschaften aus der Kindheit bis ins Erwachsenenalter erhalten. Als Brian, das Nesthäkchen, auszog, machte Nora sich schreckliche Sorgen. Noch mehr Sorgen machte sie sich allerdings, seit er wieder eingezogen war.
Aber es war Patrick, der sie stets am meisten beschäftigte. Er war jetzt fünfzig Jahre alt, und in den letzten Monaten waren die alten Ängste zurückgekehrt. Alles hatte damit angefangen, dass John Dinge aufgewirbelt hatte, von denen sie gedacht hatte, dass sie schon lange vergessen waren. Sie konnte in diesen Nächten, wenn die Angst sie wach hielt, nicht mehr nach Patrick sehen, also knipste Nora die Lampe an und blätterte durch ihre Heiligenbildchen, bis sie die heilige Monika fand, Schutzheilige der Mütter schwieriger Kinder. Sie legte die Karte neben sich auf Charlies Kopfkissen und schlief ein.
Heute Nacht hatte sie endlich einmal nicht an Patrick gedacht, sondern an etwas ganz anderes: die Heizanlage im Keller. Die hatte nach dem Abendessen angefangen, komische Geräusche zu machen. Nora hatte die Temperatureinstellung verändert, aber es hatte sich nichts getan. Wahrscheinlich musste die Heizung gelüftet werden. Als nichts mehr half, sprach sie als letztes Mittel einen Rosenkranz. Das schien zu wirken, und sie legte sich mit einem Grinsen ins Bett, zufrieden mit ihren Fähigkeiten.
Kurze Zeit später weckte sie ein Anruf: Die Stimme eines Fremden erklärte, es habe einen Unfall gegeben und sie solle sofort kommen. Als sie die Notaufnahme erreichte, im rosa Flanellpyjama unter dem Wintermantel, war Patrick schon tot. Der Rettungswagen hatte ihn ins Carney gebracht.


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Zusatzmaterial für Lesekreise

Zusammen liest man weniger allein

Sie möchten in Ihrem Lesekreis über “All die Jahre” diskutieren? J. Courtney Sullivans Lektorin Martina Schmidt hat Zusatzmaterialien speziell für Lesekreise zusammengestellt, die Sie sich über diesen Link bequem als PDF herunterladen und ausdrucken können.


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Im Interview

5 Fragen an J. Courtney Sullivan

1. Frau Sullivan, hat Ihre Familie irische Wurzeln?
Meine Urgroßeltern auf beiden Seiten wanderten in jungen Jahren nach Boston aus. Boston, wo ich aufwuchs, ist eine Stadt voll irischer Immigranten und deren Nachkommen. Ein Gefühl des Stolzes auf unsere irische Abstammung war ein wichtiger Bestandteil unserer Erziehung. Wir erhielten Unterricht im irischen »Stepptanz« und unsere Eltern hörten irische Musik. Im Alter von 22 Jahren habe ich mit meiner Familie Irland zum ersten Mal besucht. Wir fuhren nach Milton Malbay, in das Dorf, das meine Urgroßmutter mütterlicherseits verließ, als sie 16 war. Wir trafen Cousins und Cousinen, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten. Es war eine sehr außergewöhnliche Erfahrung, und ich beschloss schon damals, dass ich eines Tages über diesen Ort schreiben würde. In All die Jahre erscheint er als Noras und Theresas Heimatdorf. Zehn Jahre später kehrte ich mit meinem Ehemann dorthin zurück und unterhielt mich mit vielen Bewohnern, um eine Gefühl für die Kinderjahre meiner Urgroßmutter zu bekommen, oder auch dafür, wie sich ihr Erwachsenwerden gestaltet hätte, wäre sie geblieben. Ich denke, diese Vorstellung zieht sich wie ein roter Faden durch alle meine Bücher: dass der Augenblick der Geburt einer Frau bestimmend ist dafür, was ihr zu werden erlaubt sein wird. Meine Urgroßmutter kam allein nach Amerika, so wie viele Frauen ihrer Generation, das hat mich fasziniert. Die Vorstellung, dass Mädchen, die zuhause nicht unbegleitet in die Stadt oder zum Tanz gehen durften, allein auf sich gestellt über einen Ozean geschickt wurden!

2. Wie wurde Ihr Interesse am Leben im Kloster geweckt?
Ich wurde katholisch erzogen und denke, dass ein gewisser Typ katholischer Mädchen sich von Nonnen angezogen fühlt. Schon allein die Kleidung und die Rituale wecken großes Interesse und fördern die Neugier nach dem »Innenleben« dieser Personen. Nonnen können sehr altmodisch und konservativ wirken und dennoch bilden sie als Frauen eine eigenständige Gruppe abseits der Männer, nicht definiert durch Heirat oder Mutterschaft, sie leben in einer Frauenwelt. Vor einigen Jahren erzählte mir meine Tante von einer engen Freundin der Familie, die schon bevor ich geboren wurde, in den siebziger Jahren, in ein Nonnenkloster eingetreten war. Sie war eine gebildete, liberale junge Frau, die alle überraschte, als sie ihr Gelübde ablegte. Meine Tante meinte, ich sollte sie treffen, wir würden einander sicher gut verstehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich – eine sehr »fehlerhafte« Katholikin – ihr zu sagen hätte. Schließlich schrieb ich ihr aber doch, und wir begannen zu korrespondieren. Ich erfuhr, dass sie die Literatur liebte und früher politisch aktiv war. Es folgte ein Nachmittagsbesuch im Kloster. Einige Zeit später kehrte ich dorthin zurück, blieb eine ganze Woche. Das Leben dieser Frauen interessierte mich sehr – die Gründe, weswegen jede einzelne von ihnen ins Kloster gekommen war und warum sie beschlossen hatten zu bleiben. All dies war sehr inspirierend für meinen Roman.


3. Welche Figur in Ihrem Roman ist Ihnen die liebste und warum?
Das ist schwierig zu beantworten, ein wenig so, als würde man eine Mutter nach ihrem Lieblingskind fragen. Die bei den Schwestern, Nora und Theresa, sind sehr verschieden, unterscheiden sich sehr voneinander, aber ich verstehe sie beide, ihre jeweiligen Schwierigkeiten, ihren spezifischen Charakter. Meine Zuneigung galt beiden. Als Autorin beginnt man eventuell einen Charakter zu zeichnen, den man nicht unbedingt gut leiden kann, aber wenn man seine Arbeit richtig erledigt, erhält man einen tieferen Einblick in das Innenleben dieser Person und versteht, warum sie geworden ist, wie sie ist. Man entwickelt ein gewisses Mitgefühl für jeden Charakter, über den man schreibt, sodass zuletzt alle in irgendeiner Weise zu Favoriten werden.


4. Sie sind sehr gut in der Beschreibung von Familienleben, Müttern, Vätern, Söhnen, Töchtern, Geschwistern und ihren Beziehungen untereinander. Wie würden Sie definieren, was Ihnen Familienleben bedeutet?
Ich komme aus einer großen Familie mit vielen Tanten, Onkeln und Cousinen. Wir sind ein lärmender, ungestümer Haufen. Mein Mann, der aus einer kleinen Familie stammt, wird sich nie an zwanzig Sullivans in einem Raum gewöhnen, die alle gleichzeitig sprechen. Wir sind in vieler Hinsicht sehr verschieden voneinander und doch tief verbunden. Die Unterschiede können zu humorvollen Ergebnissen führen, aber auch zu Schwierigkeiten. Ich finde, dass Familienbande in mancher Hinsicht sehr beengend sein können – wir spielen ja jeder eine Rolle in unserer Familie –, und es ist manchmal unmöglich, in einem anderen Licht gesehen zu werden, wenn man mittendrin steckt. Familie ist nicht immer einfach. Ich neige dazu, über komplizierte Verhältnisse zu schreiben, weil es mich fasziniert, wie stark der Zusammenhalt in einer Familie sein kann, sodass, sogar wenn Brüche stattfinden, zuletzt doch oft eine Art Pflichtgefühl und die gemeinsame Vergangenheit wieder zur Versöhnung führen. Ich liebe es, über Familie zu schreiben, weil vieles, was sich ereignet, von jedem Mitglied anders beschrieben wird. Zwei Personen können ein Ereignis auf ganz verschiedene Weise erleben und davon auf verschiedene Art geprägt werden. Auch die Vorstellung, dass es »erwählte« Familien gibt, interessiert mich sehr. Im Buch ist Theresa gezwungen, ihre Familie zu verlassen, und findet eine neue im Kreise ihrer Schwestern, der Nonnen. Noras erwachsene Kinder haben Partner, mit denen sie neue Familieneinheiten gründen, die mit der alten, aus der sie stammen, nichts mehr gemeinsam haben.


5. Bei der Lektüre von “All die Jahre” hat mich sehr beeindruckt, wie Sie über Vergebung schreiben – anderen und sich selbst vergeben. Würden auch Sie das als eine Art roter Faden in dem Buch sehen?
Unbedingt. In dieser Geschichte spürt man, dass Vergeben unglaublich schwer sein kann, und viel länger dauern als angenommen, aber letztlich ist es doch die einzige Möglichkeit, den Schmerz in einer Familie und in sich selbst zu heilen.


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„Sullivan spürt auf berührende Weise der Frage nach, ob eine einzige Entscheidung zwei Frauen für immer trennen kann.“
freundin, 10.01.18
„Eine Familiengeschichte, in der man versinken will.“
myself, Februar 2018

Eine Reise nach Irland

J.Courtney Sullivan auf der Suche nach ihren Wurzeln

Die Autorin reist in die Stadt, in der ihre Urgroßmutter gelebt hat, und findet dort Inspiration für ihren neuen Roman.

Ich war 24, als ich zum ersten Mal das Cottage, das nur aus einem einzigen Zimmer besteht, besucht habe, in dem meine Urgroßmutter aufgewachsen ist. Lange Zeit stand ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in dem kalten, dunklen Raum, der nun als Schuppen für einen Farmer diente. Als wir wieder heraus ins helle Licht der Sonne traten, starrte uns eine Herde von Kühen an, mit tränenden Augen, als ob sie etwas wüssten.

Die grünen Wiesen und der Ozean im Hintergrund waren so schön, dass ich mich für einen Moment fragte, wieso das jemals irgendjemand verlassen konnte. Natürlich wusste ich, weshalb. Überall in Irland gab es Dinge, die an ein durch wirtschaftliche Notlage entwurzeltes Leben erinnerten. Verlassene Häuser, in denen an einer abblätternden Küchenwand noch ein Kalender oder ein Heiligenbild hing. In der Heimatstadt meiner Urgroßmutter, Milton Malbay in der Grafschaft Clare, trafen wir entfernte Verwandte, die alle das schwarze Haar, die blauen Augen und das sanfte Lächeln hatten, wie unsere Verwandten zuhause in Boston.
Es fühlte sich so an, als ob Doppelgänger der Menschen, die wir am meisten liebten, hier ein vollkommen anderes Leben führten. Wir redeten stundenlang miteinander, aber wir waren nur auf der Durchreise. Wir verbrachten den Rest der Zeit wie typische Touristen, lauschten Geigenspielern in Dubliner Pubs und überquerten die riesenhaften Klippen des Ring of Kerry.
Die ganze Zeit musste ich an dieses Cottage aus Stein denken. Meine Urgroßmutter war allein nach Boston ausgewandert, im Alter von siebzehn Jahren. Sie starb vor meiner Geburt. Was muss sie empfunden haben im Lärm dieser Stadt, beim Anblick von Seite an Seite gepressten dreistöckigen Gebäuden? Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, aber durch ihre Entscheidung hatte sie unsere Familie geprägt, indem sie sie in zwei Hälften geteilt hatte: die, die weggegangen waren, und die, die geblieben waren.
Zehn Jahre nach dieser Reise kam ich kurz nach unserer Hochzeit mit meinem Ehemann zurück, um für einen Roman zu recherchieren, den ich eben begonnen hatte, über zwei Schwestern aus Miltown Malbay, der in den 1950er Jahren spielte. Ich wollte mehr über die Stadt wissen, in der meine Urgroßmutter gelebt hatte. Wo ich, wie mir bewusst wurde, mein Leben verbracht hätte, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten.


Diesmal blieben wir eine Woche. Wir kamen morgens an, vorbei an den farbenfrohen Läden in der Main Street, die aussahen wie eine Packung bunter Waffeln. Schließlich landeten wir bei der St. Joseph’s Cathedral, grau und massiv, alles überragend. Der Name meines Großvaters war Joseph. Ich fragte mich, ob meine Urgroßmutter seinen Namen wegen der Kirche ihrer Kindheit gewählt hatte.
Ich verbrachte einen Regentag bei einem lokalen Verein für Geschichte, mit einem Farmer, einem Ladenbesitzer und einem Historiker, der hier aus der Gegend kam. Bei Keksen und Tee erläuterten mir die Männer historische Fakten: traditionelle Techniken im Landbau, und wie der irische Bürgerkrieg so viel zerstört hatte, dass sich jahrelang niemand traute, außerhalb der eigenen vier Wände über Politik zu sprechen. Dann brachte mich einer der Männer in Kontakt mit seiner Mutter, die ihr ganzes Leben in Miltown Malbay verbracht hatte. Innerhalb einer Stunde hatte sie eine Gruppe von Freunden versammelt, die ich zum Lunch in einem nahegelegenen Hotel traf.
Mary arbeitete jahrelang in der Manufaktur Malbay, einer Fabrik für Strickwaren. Patsy und ihr Ehemann führen den örtlichen Lebensmittelladen. Madelyn ist Lehrerin im Ruhestand. Sie erzählten mir aus ihrer Kindheit, über die Angst, wenn der Bischof zu den Konfirmationstests anreiste, und darüber, wie ein Zirkus ankam und zu aller Erstaunen ein Elefant die Flag Road hinauftrottete. Sie erzählten mir, dass Frauen bis 1972 keine Jeans trugen. (Als jemand Besuch von seiner amerikanischen Cousine bekam, die 1956 Jeans anhatte, in der Stadt, hatte das für einen Aufschrei gesorgt.) Sie erinnerten sich an Tanzabende im Pfarrsaal. Und wie erst in den frühen sechziger Jahren die Stadt Strom bekam. Manche Leute waren gar nicht glücklich über diesen Fortschritt, denn nachdem das elektrische Licht in Mode gekommen war, konnte man in allen Häusern die Spinnweben sehen. Sie wärmten alte Geschichten auf, wer sich in wen verliebt hatte, und wer weggelaufen und ins Kloster gegangen war. Ich wusste, dass es eine deftige Geschichte werden würde, wenn Mary die Stimme senkte und flüsterte: »Schalt den Kassettenrekorder aus.«


Als wir abreisten, dachte ich, wie unglaublich das alles war. Meine Urgroßmutter hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, jemals nach Irland zurückzukehren. Sie hatte ihre Heimat hinter sich gelassen, in dem Moment, in dem sie einen Fuß auf das Schiff setzte, das sie nach Amerika bringen würde. Es gab damals ein Abschiedsfest, das »American Wake« genannt wurde, denn es war klar, dass die hohen Kosten der Reise bedeuteten, dass man nie wieder zurückkommen würde. Heute kann ich so leicht in die Welt eintauchen, aus der sie gekommen ist, und sie mir hier vorstellen. Ich kann meinem Mann dabei zuhören, wie er mit meinem Cousin dritten Grades, einem irischen Farmer, über Fußball redet. Die zwei Hälften unserer Familie haben sich verbunden, sind ein Ganzes geworden.
Unsere letzte Station in Milton Malbay war der Strand. Alles daran – die felsigen Kanten, der senfgelbe Sand – erinnerte mich an die zahllosen Stunden, die ich mit meinen Verwandten am Strand von Neuengland verbracht hatte. Die Frauen in meiner Familie haben sich immer zum Ozean hingezogen gefühlt. Ich sah meine Urgroßmutter vor mir, wie sie genau diese Aussicht betrachtete, die der so ähnlich war, in die sich spätere Generationen verlieben sollten, auf der anderen Seite des Meeres.


Erschienen in Condé Nast Traveler, 19. Mai 2017


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