Walking Through Manhattan

Walking Through Manhattan

Niklas Maak

On the road with Niklas Maak and Leanne Shapton: an unusual view of Manhattan Journalist Niklas Maak and artist Leanne Shapton meet at the southern tip of Manhattan. For two days, they walk a straight line to the northern tip of the island on 220th street, where nothing evokes the glamour of Broadway, Central Park or 5th Avenue.

They observe the city, letting themselves be guided by chance events: potholes, yellow taxis, brownstone façades, a Chinese electric-scrap dealer, millionaires in their Bentleys, Trump Tower. Using big and small dramas by the wayside, the pair tell New Yorkers’ stories: Niklas Maak, by taking notes, and Leanne Shapton in watercolours. Gradually, an unusual, very individual image of Manhattan emerges – our present times, like a microcosm captured on an island by the Hudson River.

Walking Through Manhattan

5 Fragen an …

Niklas Maak

Was hat Sie bei Ihrer zweitägigen Tour von der Süd- zur Nordspitze Manhattans am meisten überrascht?

Dass Manhattan nördlich des Central Park Berge, Wälder und Schluchten hat. Außerdem natürlich die Leute, die man trifft: der Chinese, der frühmorgens mit einem kleinen Hammer alte Handys auseinandernimmt, wie ein Austernfischer. Die Apple-Mitarbeiter, die nachts wie Chirurgen in einer Notaufnahme schreiende, weinende Menschen beruhigen, deren Mobiltelefon ins Klo gefallen oder deren Computer abgestürzt ist und die ihre Geräte wie Schwerverletzte in den neongrellen Apple-Notdienst am Central Park bringen. Jon Girodes, ein Ex-Model und republikanischer Politiker, der, kurz nachdem wir ihn trafen, verhaftet wurde. Die Tochter des deutschen Juden, der 1938 als Kind aus Berlin floh. Der alte Mann, der seit seiner Geburt im gleichen Haus in den Washington Heights lebt. Die Demonstranten. Der letzte Italiener von Little Italy, das traurige Liebespaar im Washington Square Park, die schöne Obdachlose, die mit ihrem Hund im Sommer in den Rockaways am Strand und sonst im Central Park schläft.

Welche Farben haben Sie vor Augen, wenn Sie an Manhattan denken?

Natürlich das verrußte Rot der alten Backsteinhäuser und natürlich das Gelb der Taxis und der Ampeln, die in Amerika ja oft an Seilen über den Kreuzungen baumeln und sich bei Sturm so drehen, dass man gar nicht mehr weiß, wer hier Rot hat. Rot und Taxigelb sind die Manhattan-Klischeefarben. Dann aber auch: das Krankenhausweiß der nächtlichen Apple-Welt. Das dicke Schwarz der hundertmal gestrichenen schmiedeeisernen Balkongitter. Das Orange der Baustellenabsperrungen. Das Tiefblau des New Yorker Himmels, der immer frisch gewaschen aussieht und fast keine Farbe ist, eher ein Geruch nach klarer, kalter Atlantikluft. Zusammen, als Flimmern, bilden sie den Grundton dieser vollkommen wahnsinnigen Totalverdichtung aus Hoffnungen, Liebe, Bildern, Beton, Alkohol, Schlaflosigkeit, Euphorie, Gegenlicht, Armut, Seidenblusen, Punkrock, Stein, Gebeten, Martinis, Katastrophen, Goldreserven, Herzinfarkten, Nackten, Carbonara, Krawatten, Kaschmir, perfekten Zähnen, alten Mänteln, Bäumen, Gewitter, Stahl, Geräuschen, Geschichten, die schließlich Manhattan ergibt.

Ihren Lieblingsdeli wollen Sie uns natürlich nicht verraten. Aber vielleicht den zweitliebsten?

Ach, wissen Sie was, ich verrate Ihnen einfach doch meinen Lieblingsdeli: Er liegt an der Amsterdam Avenue und heißt „Barney Greengrass“. Es gibt ihn an dieser Stelle seit 1929, seitdem wurde nicht viel verändert. Es gibt Matzeknödelsuppen und Rührei mit Pastramilachs oder mit Stör. Barney Greengrass wurde in Russland geboren, wuchs in Harlem auf und arbeitete in einem Appetizing Store, bis er auf die Idee kam, in Harlem selbst einen für Räucherfisch zu eröffnen, und in den dreißiger Jahren baute er ein kleines Restaurant an, das heute immer noch so aussieht wie damals. Sein Enkel, Gary, führte die Onlinebestellung ein und das Schild „Going to the Hamptons“ – denn im Sommer, wenn die Stadt wie unter Schock in der drückenden Hitze der endlosen Juli- und Augusttage liegt und das Thermometer erst am späten Abend unter 35 Grad fällt, schicken die Bewohner der Upper West Side und der Upper East Side ihre Chauffeure zu Barney und lassen sich hier ihre Picknickkörbe füllen, um damit an den Atlantik nach Long Island zu fahren.

Wenn Sie die Wahl hätten: Wo wollten Sie in Manhattan wohnen?

Entweder über dem „Tartine“ an der Ecke W 4th/W 11th Street oder ganz oben an der 160th Street im wunderbaren Morris-Jumel Mansion, einer Villa, die sich ein britischer Colonel 1765 baute, als hier noch wildes Land und Wälder waren. Leider soll der Geist des ermordeten Weinhändlers Stephen Jumel hier 1964 gesehen worden sein, und seitdem ist die Villa ein Lieblingsziel für Paranormalitätsforscher und Exorzisten aus aller Welt geworden. Einer von ihnen zündete vor einiger Zeit auf dem Gelände, um Jumels Geist auszuräuchern, sogar einen Schuppen an, in dem sich ein – wie sich zeigte, extrem explosionsfreudiger – Aufsitzrasenmäher befand. Also doch lieber übers „Tartine“.

Was machen Sie, wenn Sie Manhattan vermissen?

„Manhattan“ von Woody Allen anschauen. Leanne Shaptons Manhattan-Gemälde anschauen. „Across 110th Street“ von Bobby Womack hören. „New York“ von Cat Power hören. „Rockaway Beach“ von den Ramones hören. „Leaving New York“ von REM hören. Pastramisandwiches essen. Einen Flug nach New York buchen.

Termine

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Berlin
Buchhandlung Ferlemann und Schatzer,
Güntzelstraße 45,
10717 Berlin

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Buchhandlung Boysen & Mauke,
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