Thou Shalt Love the Stranger

Thou Shalt Love the Stranger

Alfred Bodenheimer

Rabbi Klein is a guest on a TV show. And as fate would have it, the presenter dies a few days later in his arms. The jealous boyfriend of the deceased was at the scene and has a motive. Desperately, he asks Klein for help. In his new case, the scholarly, tenacious rabbi is pushed to his limits.

Fashion designer Lejser Morgenroth has long since broken away from his strictly devout family. His openly practiced homosexuality violated their orthodox Jewish beliefs. Now his long-standing partner, a popular television presenter, has been murdered, and the police suspect Lejser himself. Opposing his wife Rivka’s advice, the Zurich rabbi Gabriel Klein lets himself be hired by Lejser. In his search for the murderer, he meets a young Muslim struggling for his freedom, a Catholic priest who is packed and ready to leave, and a young entrepreneur with his stunningly beautiful wife. In between, he argues heatedly with his Shabbat guests, who advocate drastic ideas to combat hostility towards Jews, and tries to reunite Lejser with his parents. After giving a vital clue to Commissioner Karin Bänziger, he soon wishes that he had never begun to deal with this case.

Thou Shalt Love the Stranger

5 Fragen an …

Alfred Bodenheimer

Rabbi Klein ist einer, der sich kümmert. Das ist er von Berufs wegen, aber es ist auch sein Naturell. Man kann auch sagen: ohne Neugier – gelegentlich bis zur Frechheit – und Anteilnahme wird man kein guter Ermittler. Ist ein guter Rabbi (und jedes religiöse Oberhaupt) deshalb im Prinzip auch ein guter Detektiv?

Eine solche Veranlagung von Seelsorgern für Ermittlungen mag es geben, sie wurde ja auch, etwa in der Figur Pater Browns oder Harry Kemelmans Rabbi-Romanen öfter thematisiert. Bei Rabbi Klein ist das Spezielle, dass ihn immer etwas mit den Opfern verbindet – entweder eine persönliche Beziehung oder seine unmittelbare Nähe zur Tat, im neuesten Fall stirbt ja das Opfer in seinen Armen, und dessen ehemaliger Geliebter wendet sich hilfesuchend an ihn. Deshalb ist für mich bei Rabbi Klein wichtiger als die Frage von Neugier und Anteilnahme, in welche persönlichen und moralischen Dilemmata ihn diese Ermittlungen jeweils führen. Seine Aktionen schwanken immer zwischen dem Drang nach Weltverbesserung, potentieller Selbstbeschädigung und dem schlechten Gewissen, sich in Dinge einzumischen, die ihn womöglich nichts angehen. Und wenn er sich aus allem zurückziehen möchte, dann ist es in der Regel zu spät.

Der Rabbi ist ein Gelehrter, der sich sehr für die Sorgen seiner Zeitgenossen interessiert. Oder umgekehrt ein Mensch mit ausgeprägt sozialer Ader, der gern religiöse und historische Studien betreibt. Widerspricht sich das ein wenig – weltab- und zugewandt? Oder sind das zwei Seiten einer Medaille?

Rabbi Klein hat tatsächlich eine stark kontemplative Seite. Er ist nicht der Typ, der dauernd auf jede und jeden zugeht, um ihm auf die Schulter zu klopfen oder mit ihm ins Gespräch zu kommen. Zugleich ist sein Interesse an den Menschen nie nur ein persönliches, er interessiert sich auch für ihre Tiefenstrukturen, versucht zuweilen die Menschen wie Texte zu lesen – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

In den ersten drei Rabbi-Romanen waren Verbrechen, Ermittlung und Milieu jüdisch in einer säkularen Schweiz. Diesmal hat der Rabbi mit einem gläubigen Katholiken und gemäßigten und extremen Muslimen zu tun. Klein ist ein Vermittler, aber man spürt deutlich seine Skepsis beim Thema Antisemitismus und Religionsfrieden. Spielt hier auch die Skepsis des Autors? Oder gilt hier einfach: so ist nun mal die Realität?

Ich denke, das Charakteristische ist, dass der Vermittler zugleich auch Ermittler ist. Er freut sich und tut seinen Teil dazu, dass Religionen ins Gespräch kommen, und er misst religiösen Anschauungen positive, zum Teil heilende Eigenschaften zu – aber er hat nicht die Illusion, dass gewisse hartnäckige atavistische und auch gefährliche Überreste so rasch verschwinden werden, dass Religion nicht auch der Selbstgerechtigkeit und Unversöhnlichkeit in die Hände spielen kann. Diese Ambivalenz des Religiösen wird heute oft verkannt, entweder man verdammt sie als Grund allen Übels oder verteidigt sie als Quelle besseren Menschseins. Rabbi Klein lebt mitten in dieser Ambivalenz, die sich oft auch durch ein und dieselbe Handlung zieht. Ist seine Einladung in die Moschee tatsächlich ein Symbol der Annäherung, oder ist es eine medienwirksame Inszenierung derselben? Das lässt sich keineswegs leicht beantworten.

Im neuen Roman predigt Rabbi Klein auf Einladung des Imams in einer Moschee. Gab es das schon einmal in Wirklichkeit, dass in Zürich ein Rabbi in einer Moschee predigte? Und ein Imam in einer Synagoge? Mit welchem Effekt?

Mir wären solche Auftritte jedenfalls nicht bekannt, ich könnte sie mir aber durchaus vorstellen, zumal auch der neue Zürcher Gemeinderabbiner im interreligiösen Gespräch seit langem aktiv ist. Ich selbst durfte vor einigen Jahren einmal eine kurze Ansprache, eigentlich mehr ein Grußwort, in einer kleinen Moschee in Süddeutschland halten, übrigens bei Leuten, die heute wahrscheinlich auf Erdogans Gülen-Terrorliste stehen. Und in Leipzig habe ich einmal eine Predigt von der Kanzel der Thomaskirche (ja, der berühmten Bach-Kirche) gehalten, an einer Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom. Das sind Herausforderungen, die man leicht unterschätzt, bevor man sich ihnen mal gestellt hat. Es gibt so etwas wie die Territorialität und die Exterritorialität auch des Wortes – es ist überhaupt nicht gleichgültig, wo man worüber zu wem spricht, gerade auch für den Redner selbst nicht.

Gleich zu Beginn des Romans muss sich Rabbi Klein vor laufender Kamera zu einem historischen Abfahrtsrennen äußern, das Bernhard Russi gewann. Klein behauptet, der Konkurrent Roland Collombin sei damals der bessere Skifahrer gewesen. Wer war wirklich besser, Russi oder Collombin?

Da müssen Sie jemanden fragen, der wirklich was von der Sache versteht. Auch Klein hat ja eigentlich diesbezüglich keine Ahnung, aber manchmal genügt man sich ja darin, sich kompetent anzuhören. Das ist in Fernsehshows nicht anders als in der Wissenschaft.

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Alfred Bodenheimer: "Ihr sollt den Fremden lieben". Moderation: Susanne Kundmüller

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