Wir bleiben nicht lange

Wir bleiben nicht lange

Marjaleena Lembcke

Marjalena Lembcke über das Abschiednehmen – ein berührender und doch unsentimentaler Roman.

Mirja besucht ihre Schwester Sisko täglich im Krankenhaus. Sisko hat Krebs, und in Erwartung des nahen Endes reden die Schwestern über Leben und Tod, ihre Familie und die Vergangenheit. Sisko lebt in England, ihre Schwester Mirja, die zur Unterstützung angereist ist, in Deutschland. Die Familie kommt aber aus Finnland, und in den Geschichten von früher, von der Kindheit inmitten der Geschwister und der eigenwilligen Eltern, spielt diese Herkunft eine wichtige Rolle. Marjaleena Lembckes Sprache ist entwaffnend direkt und dadurch eindringlich. Selten liest man so unverstellt von den letzten Dingen und findet dabei dennoch Trost.


Über den Autor

Marjaleena Lembcke

Marjaleena Lembcke

Marjaleena Lembcke wurde 1945 in Kokkola/Finnland geboren und studierte Theaterwissenschaften und Bildhauerei. Seit 1967 lebt sie in der Nähe von Münster in Westfalen. Sie schreibt für Kinder und Jugendliche ebenso wie für ...

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Presse

"Mit aufreizender Nüchternheit zeichnet Marjaleena Lembcke dieses Exerzitium des Abschieds nach. Gerade aus dieser Zurückhaltung entsteht eine atmosphärische Intensität, in der alles mitschwingt, was dieses Geschwisterpaar verbindet." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2016

"überzeugt ohne jede Rührseligkeit (…) Warum sollte man so etwas lesen wollen? Weil es von der für ihre Kinderbücher vielfach ausgezeichneten Autorin so nüchtern und doch so emotional, so kühl und gleichzeitig voller Wärme aufgeschrieben worden ist. In einer schnörkellosen, knappen Sprache, die nichts schönt, klar und ehrlich unsere Ängste ebenso abbildet wie das, was uns Hoffnung gibt." Stephanie Lubasch, Märkische Oderzeitung, 07.04.2016

"Empfindsam und ohne jegliche Rührseligkeit schreibt Marjaleena Lembcke über die Angst vor dem Tod, über Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. ´Wir bleiben nicht lange´ findet offene Töne über das Sterben – eine Situation, die keiner beherrscht, ein Thema, wovor jeder gern die Augen verschließt und das doch jeden angeht. (…) So unverstellt Lembcke über den Tod schreibt, so leise bringt sie auch das Leben zum Leuchten." Stefanie Grießbach, Ostthüringer Zeitung, 16.04.2016

5 Fragen an …

Marjaleena Lembcke

In Ihrem Buch reden zwei Schwestern über den Tod. Die eine wird bald sterben, da werden Worte hohl. Wie ist es mit dem Schreiben? Ist das leichter, ehrlicher, schwieriger als das Reden über das Sterben im Angesicht des Todes?
Schreiben ist nicht einfacher als Reden, aber befriedigender – unabhängig vom Thema. Man hat mehr Zeit zum Nachdenken und man kann sich anders konzentrieren, wenn man kein Gegenüber hat, das eine Erwiderung, eine Antwort, vielleicht die „richtigen“ Worte erwartet, die es ohnehin nicht gibt. Ich habe versucht, auch ebendiese Hilflosigkeit und die Banalität vieler Gespräche wiederzugeben. Kein Mensch wird auf einmal philosophisch oder weise, nur weil er weiß, dass er sterben wird. Auch nicht ehrlicher. Und das gilt – in dieser Geschichte – für beide Schwestern. Sie behalten ihre alten Muster und Umgangsformen bei, sagen nicht immer das, was sie denken, und denken nicht jeden Augenblick darüber nach, was sie sagen.

Die totkranke Schwester, Sisko, war immer die starke, die toughe Frau. Warum ist sie so gezeichnet? Etwa um zu zeigen, dass gegenüber dem Tod die Strategien einander ähneln, die Starken und Schwachen auswechselbar werden?
Ich hatte eigentlich nicht vor, Sisko als starke Person darzustellen. Sie wurde oft als solche gesehen, auch von Mirja. Aber es werden auch andere Seiten von ihr gezeigt, die, wie ich hoffe, sichtbar werden. Ihre Unsicherheit, ihre Ängste, ihre Liebe, ihr Ringen um die Liebe. Das, was als Stärke wahrgenommen wird, ist oft nur die Fähigkeit, die Unsicherheiten unsichtbar zu machen. Das Verletzliche hinter Schroffheit und Sarkasmus zu verstecken. Und die Strategien, die wir dem Tod gegenüber benutzen, sind vermutlich dieselben, die wir in unserem Leben geübt haben. Vereinfacht könnte ich sagen, wir versuchen, die vertraute Rolle bis zum Ende zu spielen. Und meiner Meinung nach sind die Starken und Schwachen auswechselbar, wenn auch nicht auf den ersten oder zweiten Blick. Ich kenne fast nur schwache Menschen, einigen gelingt es nur besser, ihre Schwächen zu maskieren, durch Macht, Geld, ihre Position in der Gesellschaft oder auch sich durch Wissen zu panzern oder zu kompensieren. Innere Stärke ist eher eine Rarität.

Im Roman geht es um letzte Worte, Sterbebegleitung, Vertrautheit. Es ist aber auch ein Buch über Erinnerung, über eine Familie und die Trauer über Vergänglichkeit. Werden die Figuren in irgendeiner Weise damit fertig?
Ich glaube nicht, dass man jemanden wirklich beim Sterben begleiten kann. Es sei denn, man stirbt mit ihm. So wie oft in unserem Leben ist „das Begleiten“ nur ein Versuch, jemandem für Augenblicke das Gefühl zu vermitteln, er sei nicht allein. Wie man mit dem Sterben eines nahen Menschen „fertigwird“, ist individuell und natürlich auch abhängig davon, wie nah diese Menschen sich tatsächlich waren und in welcher Weise sie gestorben sind. Die Figuren in meinem Buch haben den Suizid der Mutter nie ganz überwunden. Er hat ihr weiteres Leben stark geprägt.

Sisko stirbt schließlich, als Mirja nicht da ist. Mirja muss es als Versagen empfinden, dass sie im Moment des Todes nicht bei ihrer Schwester ist, denn das hat sie ihr versprochen. Ist das ein Sinnbild dafür, dass man nur versagen kann, wenn unsere Nächsten sterben?
Erst einmal ist es eine Tatsache, dass Mirja nicht da war. Da das Buch „Wir bleiben nicht lange“ ein Roman und zugleich eine sogenannte Autobiografie ist, weiß ich es. Und ja, sie empfindet es als Versagen, das Versprechen nicht gehalten zu haben. Gewissermaßen ist es ein Sinnbild – oder vielleicht eher eine bittere Einsicht, dass wir oft in entscheidenden Augenblicken versagen. In der Bibel hat mich die Geschichte der drei Jünger, die einschlafen, als Jesus sich in seiner Verzweiflung zum Beten in den Garten Gethsemane zurückzieht, – aus irgendeinem Grund schon als Kind – erschüttert. Später heißt es von den Jüngern noch: „Sie haben den Ernst nicht verstanden.“ Das ist das eigentliche Versagen.

Mirja, die Schriftstellerin, verspricht ihrer Schwester, deren Geschichte eines Tages in einem Buch aufzuschreiben. Ist der Roman auch ein eingelöstes Versprechen?
Nein, ein eingelöstes Versprechen ist es nicht, zumindest nicht bewusst. Vielleicht eher der Versuch einer Wiedergutmachung, weil ich ihr nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe, als sie noch lebte. Auch ein Versuch, die anderen Verstorbenen der Familie noch einmal ins Leben zurückzurufen. Ein nicht ganz leichter Ausflug in die Vergangenheit. Und zu Autobiografien fällt mir ein Satz von Stendhal ein: „Ich kann die Wirklichkeit des Geschehenen nicht darstellen, ich kann nur seinen Schatten zeigen.“

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