Liebe wird überschätzt

Liebe wird überschätzt

Valeria Parrella

Über Menschen, die sich finden und verlieren. Valeria Parrellas Liebesgeschichten gehören zum Besten der italienischen Literatur der letzten Jahre.

Weil es zu wenig Liebe gibt, wird sie überbewertet, stellt ein junges Mädchen fest, deren Eltern sich ein Leben lang harmonisch betrügen. Erst als die Nachricht des Todes von Mutters Liebhaber eintrifft, bricht die Lebenslüge zusammen. In einer anderen Geschichte gibt eine Klosterschwester ihre Liebe zu Jesus auf, um die Mutter eines verlassenen Kindes zu werden. Valeria Parrella, „Italiens neues Erzähltalent“ (Süddeutsche Zeitung), schreibt unsentimentale Liebesgeschichten, die überraschen. Mit großer Vitalität und schneidendem Witz erzählt sie von falscher Liebe und echtem Begehren, aber auch von mystischer Sehnsucht und alltäglicher Nächstenliebe.


Über den Autor

Valeria Parrella

Valeria Parrella

Valeria Parrella, 1974 in Torre del Greco geboren, ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und Dolmetscherin für Gebärdensprache und arbeitete als Buchhändlerin und Schauspielerin. Ihre erste Kurzgeschichtensammlung Die ...

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Presse

"Die neapolitanische Autorin erzählt realistische Geschichten, entwirft vor allem interessante Frauenfiguren, die nicht mehr jung, aber sehnsüchtig und sinnlich sind." Manuela Reichart, Kulturradio rbb, 27.07.17

5 Fragen an …

Valeria Parrella

Valeria, in welcher Hinsicht wird Liebe denn nun eigentlich überschätzt?
Liebe wird überschätzt – das ist der Witz einer Heranwachsenden, die von einer tollen Zukunft träumt, während sie dabei zusieht, wie ihre Eltern sich hoffnungslos in außereheliche Beziehungen verstricken, als wäre das der einzige Sinn des Lebens – sich zu verknallen und zu vögeln. Es ist nicht nur der Titel dieser Erzählung, sondern auch der ganzen Sammlung – weil das Wort „Liebe“, wie Raymond Carver einmal gesagt hat, nur in Buchtiteln enthalten sein sollte, wenn es verneint wird.

In dieser Geschichte lässt du abwechselnd zwei Figuren zu Wort kommen, die der fremdgehenden Mutter und die ihrer Teenagertochter, die für sich nach anderen Perspektiven sucht. Glaubst du, es wird Susanna gelingen, irgendwann einmal aufrichtige Liebe zu erfahren?
Woher soll ich das wissen? Würde ich mir darüber Gedanken machen, hätte ich eine Trilogie geschrieben. Das ist das Gute an Erzählungen: Man kann Fragen stellen, ohne Antworten liefern zu müssen.

In der Erzählung „Behave“ geht es um die Liebe zu einem behinderten Sohn. Hat dieses Gefühl möglicherweise eine religiöse Dimension?
Nein. Obwohl er nicht einmal selbst weiß, was er sich darunter vorstellen soll, glaubt der Protagonist inbrünstig, außerhalb jeder religiösen Institution, an einen Gott; und diese Verbindung ist so persönlich, dass dieser Gott ihn am Ende mal kreuzweise kann. Es gibt eine sehr profane Liebe im Leben des Protagonisten: die für seine Familie, seine Frau und seinen Sohn, und wegen Letzterem entwickelt sich dann eine todernste Auseinandersetzung mit Gott, der nach Meinung des Protagonisten keine Ahnung davon hat, was es heißt, ein menschliches Wesen zu lieben.

Beim Lesen deiner Erzählungen bekam ich den Eindruck, dass du die Liebe mehr als etwas Reines und Selbstloses denn als etwas Erotisches verstehst.
Es gibt schon beide Aphroditen, Pandemia und Urania: Die erste steht für die irdische, die zweite für die himmlische, spirituelle Liebe. Die Protagonistin von „Der Tag nach dem Fest“ findet vor allem in sinnlichen Freuden Erfüllung, im Bett mit einem schönen Kellner oder beim Baden im Meer, ähnlich wie die lesbische Hauptfigur in „Das Kastell“. Dann gibt es natürlich noch die verschiedenen Arten himmlischer Liebe: die religiöse und die der Kinder.

Und welchen Stellenwert würdest du dem Eros einräumen?
Im wirklichen Leben? Ich habe mich noch nie in jemanden verliebt, mit dem ich nicht gut Liebe machen konnte. Andersherum ist es noch nicht vorgekommen.

Glaubst du, dass sich mit dem Wandel der Geschlechterbeziehungen auch unsere Vorstellung von Liebe geändert hat?
Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht noch ziemlich hinterherhinken. Es ist, als ob du behaupten würdest, es gebe keine Ehrenmorde an Frauen, die Arbeitslosigkeit von Frauen liege gar nicht bei 50 Prozent, Hausfrauen seien versichert und würden eine Rente erhalten und so weiter. Es ist doch so: Die Geschlechterverhältnisse werden sich nie tiefgreifend ändern – im Sinne eines uneingeschränkten, freien Lebens –, solange nicht eine echte sexuelle Revolution stattfindet. Und damit meine ich keine, bei der man den Hintern entblößt (was natürlich toll ist), sondern eine, bei der man das für sich selbst macht und nicht für andere. All das fällt auf die Partnerschaften zurück, die Liebe. In Italien ist die homosexuelle Ehe erst seit ein paar Monaten möglich, und im Rest der Welt, zwischen Putin, Trump und den Religionen, in denen die Frauen gettoisiert werden, sieht es nicht besser aus. Es ist eine Frage der Einstellung. Mein Vater war Feminist. Bist du auch einer? Davon hängt alles ab. Man muss Sappho lesen, um zu verstehen, dass sie damals weder Grenzen noch Probleme kannten; oder Ovid, der viel moderner ist als de Sade, der wiederum moderner ist als wir.

Wo würdest du dich in der Tradition der neapolitanischen Schriftstellerinnen zwischen Anna Maria Ortese, Fabrizia Ramondino und Elena Ferrante verorten? Oder vielleicht ziehst du es vor, allgemein von einer neapolitanischen statt von einer weiblichen Strömung zu sprechen?
Von Ferrante schätze ich vor allem „L’Amore molesto“, die frühen Bücher gefallen mir total, weil man das Gefühl hat, dass ihre Figuren wirklich aus Fleisch und Blut sind. Ramondino ist eine Jugendliebe, ich las damals „Althénopis“ und war sprachlos. Vorbild, Muse, Altar: Das ist mir Ortese. Orteses Schreiben drückt ein für alle Mal meine Hassliebe für diese Stadt aus, es spricht von der Beziehung zum Rest der Welt, hat den Realismus transzendiert. Ein Wunder. Ortese. Ich wäre sehr gern Ortese.

Um Neapel und Frauen und andere Klischees einmal beiseitezulassen – gibt es noch andere literarische Vorbilder für deine Erzählungen, wie zum Beispiel Alice Munro oder Raymond Carver?
Carver. Carver vor allen anderen. Und wenn ich nicht „Babettes Fest“ von Karen Blixen und Truman Capotes „Chrysanthemen sind wie Löwen“ gelesen hätte, wäre ich wohl nie Schriftstellerin geworden.

Termine

Valeria Parrella: "Liebe wird überschätzt". Moderation: Annette Kopetzki. Im Rahmen des ilb 2017. In Kooperation mit dem Istituto Italino di Cultura

Berlin
Haus der Berliner Festspiele - Gartenbühne,
Schaperstraße 24,
10719 Berlin

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