Glänzende Aussichten

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Margrit Schriber

Seit dem Tod ihres Vaters betreibt Pia die Tankstelle außerhalb des Dorfes allein. Doch zu Beginn der 1980er Jahre sind zunehmend Großtankstellen mit Do-it-yourself modern. Pia soll, das raten der Benzinlieferant und Pias boshafter Exfreund Luc, die Tankstelle verkaufen. Aber Pia will nicht; sie beschließt die Flucht nach vorn. Sie kauft eine riesige Autowaschstraße, die ultramodern ist und neueste Technik bietet. Die Einweihung wird zu einer furiosen, erotischen Feier, die alles auf den Kopf stellt. Mit ihrem eigenständigen, bildstarken Erzählen und ihren originellen Heldinnen gehört Margrit Schriber zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Schweiz.


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Margrit Schriber

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Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der ...

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"In Pias Tankstelle konzentriert sich das ganze volle Leben!" Milena Moser

5 Fragen an …

Margrit Schriber

Die Heldin Ihres neuen Romans ist eine Einzelgängerin, eine Tankwartin. Ist das eine Art Versuchsanordnung? Die Außenseiterin in einer klassisch männlichen Rolle?
Die Tankwartin in der Latzhose ist interessant, weil sie sich souverän und kompetent in einer Männerdomäne bewegt. Sie will nichts beweisen, sie macht einfach ihre Arbeit, und zwar mit einem Service, wie man ihn gemeinhin von Frauen erwartet. Dazu ist sie eine Einzelgängerin, die außerhalb des Dorfes lebt, mit den Sternen und ihrem Plüschhund Waldi redet. Das verhilft ihr zu einem eigenwilligen Blick auf die Welt.
Einen Roman mit diesem Ort und dieser Heldin zu schreiben, war eine echte Herausforderung. Aber es bot auch die Möglichkeit, etwas Ungewöhnliches und Unerwartetes daraus zu machen. Allerdings sind mir in der Historie als Stoff immer wieder Frauen begegnet, die im Beruf ihres Mannes oder Vaters tätig waren. Sie waren Gesellen, Krieger, Landwirte, auch wenn sie „Hausfrauen, Witwen, Jungfern“ genannt wurden.

Die Grundidee des Romans stammt aus eigener Anschauung: Sie hatten selbst vor einigen Jahrzehnten eine Tankstelle und haben eine Waschanlage dazugekauft. Was war das für eine Erfahrung?
Dieses Erlebnis war sehr prägend. Tatsächlich habe ich eine solche Autowaschanlage in Mailand gekauft. Naiv, unwissend, aber forsch wie meine Tankwartin Pia. Und genau wie sie wurde auch ich vom Fachmann im Stich gelassen, zog allein los und fragte mich im Gotthardzug, was ich hier mache. Ich habe mir das Werk in Mailand angeschaut. Nichts als Eisen, Bürsten, Verbindungen und Knöpfe. Man hat mir alles erklärt, dann die farbigen Bürstenfransen vor mich hingelegt und meine Antwort erwartet. Fasziniert haben mich nur die Fransenfarben. Und die Beimischung von Duft. Und da habe ich Ja gesagt. Diese ungeheure Anlage wurde in die Schweiz gekarrt und hinter einer Tankstelle in der Nähe der Autobahn eingerichtet – sie war die größte im Schweizer Mittelland! Ich war sehr stolz, der Tankwart war sehr skeptisch. Das Ganze wurde ein Fiasko. Ob es am Material lag oder an der mangelnden Erfahrung oder an der Bedienung, wurde nie ganz klar. Eine Freundin rannte schreiend aus dem Tunnel, weil es knallte und schepperte und Material umherflog. Sie stieß den Tankwart zur Seite und verbreitete überall, dass man sein Auto nicht in dieser Anlage waschen könne. Die Autos würden zu Wracks, es sei lebensgefährlich. Natürlich war es übertrieben. Doch das Gerücht verbreitete sich in Windeseile. Und der Autowaschsalon war wegen Reparaturarbeiten mehrmals geschlossen. Am Ende wurde die Anlage abgebaut.

Als ich Bildmotive für den Umschlag suchte, fiel mir auf, wie sehr – auch jenseits des Pirellikalenders – der Vorgang des Autowaschens mit erotischen Bildern verknüpft ist. Frauen – Autos – gut: Männerfantasien. Aber waschen?
Wie immer beim Schreiben habe ich mich auch in diesen Roman hineingelebt. Die Liebe, zumindest die Sehnsucht danach, gehört zur Tankwartin und auch zu ihrer Freundin. Männerfantasien sind sehr auf schwungvolle Formen gerichtet, Autos, Busen, Glätte, auch auf den Rausch der Geschwindigkeit. Auch Frauen träumen von einer Art Kurven, wollen rund gebettet werden. Wie könnte Erotik vor dem Hintergrund eines Autowaschsalons aussehen? Indem meine Figuren das Vollprogramm nicht nur zum Autowaschen verwenden, sondern zum Verzaubern.

Sie sagten selbst, diese Heldin sei die erste in Ihrem Werk – immerhin weit über ein Dutzend Romane mit weiblichen Hauptfiguren –, die sich wehrt. Wie kommt das?
Der Roman spielt im Jahr 1980. Da wehrten sich die Frauen. Sie reihten sich ein im Arbeitsmarkt und erkannten ihre Möglichkeiten und Beschränkungen. Sie verglichen und merkten und traten mit Forderungen an die Öffentlichkeit. Das Leben der Frauen war plötzlich anders. Sie konnten etwas erschaffen. Doch dafür mussten sie sich durchsetzen. Gut sein, die Beste sein, kämpfen, einstecken.

Nach einigen historischen Romanen ist der neue bei Nagel & Kimche wieder einer, der in jüngster Geschichte spielt. Wie entscheidet sich diese zeitliche Folge jeweils in Ihrer Arbeit?
Meine Romane thematisieren Frauenleben während der letzten 250 Jahre. Ich habe im Jahr 1755 angefangen und bin chronologisch fortgefahren. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dankbar zu sein für das Glück, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Zuvor wurden den Frauen Schranken gesetzt. Jeder Höhenflug wurde bestraft. Man verurteilte die Hexen, machte aus Frauen Jahrmarktsstücke, nutzte ihre Schönheit als Einnahmequelle oder verbannte sie an den Herd. Sie waren Objekte. Sie hatten keine Wahl. Und jetzt bin ich mit meinen Romanen an einem historischen Punkt angelangt, an dem den Frauen viele Möglichkeiten offenstehen. Sie können erreichen, was sie wünschen. Doch geschenkt wird ihnen nichts. Meine Tankwartin wird sich ihrer Fähigkeiten bewusst. Erschafft sich ihren Traum und kämpft um ihr Leben. Sie ist eine allmählich erstarkende Frau.

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