Die Schönheit des Scheiterns

Die Schönheit des Scheiterns

Charles Pépin

Was Existenzialisten und Stoiker über gelingendes Scheitern verraten. Eine Anleitung zur gekonnten Niederlage

Niederlagen haben einen schlechten Ruf. Man sieht darin Schwäche statt Erfahrungsgewinn. Und das, obwohl so gut wie keine Erfolgsgeschichte ohne den unvermeidlichen Crash auskommt, das zeigen die Lebensläufe von Steve Jobs, Joanne K. Rowling oder Charles de Gaulle. Charles Pépin betrachtet das Scheitern neu. Er begreift es im Sinne der Stoiker als privilegierte Begegnung mit der Realität und wie die Existezialisten als Chance zur Neuerfindung. In seinem charmanten Kompendium entwirft er eine befreiende Philosophie des Scheiterns, die vor Optimismus sprüht und zeigt, was der verpasst, der nie gescheitert ist. Eine wunderbar kluge philosophische Anleitung zur gekonnten Niederlage.


Über den Autor

Charles Pépin

Charles Pépin

Charles Pépin, geboren 1973, ist Schriftsteller und lehrt Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien auf Deutsch Der Planet der Weisen (2013). Er lebt in Paris.

Mehr über den Autor

Weitere Empfehlungen für Sie

Die Schönheit des Scheiterns

Presse

„Kluges Mutmachbuch.“ myself, Oktober 2017

„Es öffnet Denk- und Spielräume; und am Ende glaubt man fast zu verstehen, was Samuel Beckett meinte, als er schrieb: 'Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.'” Uwe Justus Wenzel, Neue Zürcher Zeitung, 13.09.17

„In wunderbar klarer Prosa stellt Pépin dar, dass das Scheitern aus existenzialistischer Sicht ‚als Chance zur Neuerfindung des Selbst‘ begriffen werden kann.“ Alexander Altmann, Münchner Merkur, 06.09.17

5 Fragen an …

Charles Pépin

Monsieur Pépin, in Frankreich und Deutschland wird Scheitern negativ gesehen. Wo liegen die Gründe für diese Haltung?

Eine mögliche Erklärung liegt in der Geschichte Frankreichs und Deutschlands, aber auch in der philosophischen Tradition. Wir leben in stark „essentialistisch“ und zu wenig „existentialistisch“ gefärbten Nationen. Das zeigt sich darin, dass etwa konjunkturelle Flauten als Zeichen eines essentiellen Versagens gesehen werden: Fehler zu machen wird immer noch mit fehlerhaft sein verwechselt. Würden wir existentialistischer denken, dann könnten wir in unseren Niederlagen die Chance zur Neuorientierung oder sogar bereichernde Abenteuer sehen, die uns nicht sagen, wer wir sind, sondern die uns zeigen, wer wir sein können.
In Frankreich und Deutschland sind wir zudem, anders als in Großbritannien, mehr Rationalisten als Empiristen. Wir haben die Tendenz unser Scheitern Denkfehlern zuzuschreiben, die wir sogar als moralische Verfehlungen betrachten. Descartes definierte den Fehler als die falsche Anwendung des Willens – eine Sicht, die Schuldgefühle erzeugt. Schuldgefühle lassen sich aber auch aus der Tatsache erklären, dass Frankreich und Deutschland „alte“ und vormals sehr mächtige Nationen waren. Lange Zeit schien es als seien Traditionspflege und Normerfüllung das beste Rezept für ein erfolgreiches Leben. Scheitern bedeutete dabei Normabweichung und den Verrat der Tradition, die einst für Ruhm und Ehre des Landes verantwortlich gewesen waren. Deswegen ist es wichtig zu erkennen, dass die Chance, die im (relativen) „Niedergang“ unserer einst so mächtigen Nationen liegt, ist, das Scheitern endlich neu zu betrachten!

In Ihrem Buch betrachten sie das Scheitern neu im Lichte von Marc Aurel, Saint Paul, Nietzsche, Freud und Sartre und zeigen, wie man lernen kann, erfolgreich zu scheitern. Was lehren uns die Stoiker über die Niederlage?

Scheitern wie ein Stoiker heißt zu erkennen, dass wir nicht alles verändern können, von einer infantilen Fantasie der Allmacht und der Arroganz abzurücken. Die stoische Weisheit liegt in der Erkenntnis, dass nicht alles von mir abhängt. Wenn ich mit allem Erfolg habe, komme ich in die Versuchung zu glauben alles sei möglich – und das ist, was mich vor die Wand fahren lässt. Dank der Lektion in Bescheidenheit, die mir das Scheitern erteilt, lerne ich, dass die Realität sich mir widersetzt. Ich lerne meine Reaktion auf diesen Widerstand abzustimmen, mit diesen Mächten zu experimentieren und gleichzeitig im Zusammenhang mit ihnen zu agieren: Das ist die praktische Weisheit der Stoiker.

Was ist die wichtigste Lehre der Niederlage?
Da sehe ich nicht nur eine Lehre, sondern drei, die miteinander konkurrieren: Die erste ist Demut: Sie gewinne ich durch Niederlagen, die mir die Bodenhaftung wiedergeben. Die zweite ist Durchhaltevermögen: Niederlagen, die uns zeigen, wonach wir uns sehnen und uns paradoxerweise die Kraft geben, unseren Weg weiterzugehen. Die dritte ist Neugier: Das Scheitern erlaubt uns eine alternative Wegabzweigung zu nehmen, woanders zu suchen und dabei Abenteuer zu erleben, die wir niemals hätten vorstellen könne, wenn wir auf der bequemen Route des Erfolgs geblieben wären.

Warum sehen die Amerikaner Ihrer Meinung nach das Scheitern anders? Kann die Start-up Mentalität des Silicon Valley ein Vorbild für uns sein?

Amerika ist eine junge Nation und noch immer beseelt vom Pioniergeist. Scheitern ist hier gleichbedeutend mit mutig sein. Wer nie gescheitert ist, hat es ganz einfach nicht richtig versucht. Amerika wurde durch einen Fehler von Christopher Columbus entdeckt: ein sehr guter Ausgangspunkt, um Fehler zu schätzen!
Die Silicon Valley Start-up Kultur kann uns helfen, den Gedanken von Versuch/Verbesserung, die dem Geist der Innovation innewohnt, zu erlernen. Sie lehrt uns weniger perfektionistisch zu sein und einzusehen, dass Perfektionierung bedeutet, öfter das Risiko sich zu täuschen einzugehen. Aber wir sollten trotzdem auf der Hut vor allzu exzessiver Entschlossenheit sein. Die Theoretiker aus dem Silicon Valley sind geradezu besessen von dem Gedanken, scheitern müsse sofort profitabel sein. Statt zu schnell wieder durchzustarten, ist es besser, sich Zeit zu nehmen. Der Wert des Scheiterns liegt darin, dass es uns Zeit zum Innehalten gibt, zum Nachdenken, über uns selbst und die eigenen Wünsche. Es ist die Gelegenheit, in unserem hektischen Leben eine Pause einzulegen. Man muss nicht obsessiv durchstarten: Das kann sogar kontraproduktiv sein.

Wie könnten wir die negative Sicht auf das Scheitern in unserer Gesellschaft verändern?

Der Ausgangspunkt dazu könnte sein, zu realisieren, dass das Scheitern, das ich erlebe, nicht das Scheitern meiner Person bedeutet, sondern lediglich das meines Projekts. Wir müssen die Verantwortung für unsere Fehler natürlich übernehmen, aber ohne uns mit ihnen zu identifizieren! Es kann besser sein, zu scheitern, wie es zu mir passt, anstatt Erfolg „wie alle anderen“ zu haben. Scheitern macht uns unsere Einzigartigkeit bewusst. Und bei denen, die erfolgreich sind, zeigt sich häufig genug, dass es Niederlagen waren, durch die sie sich entwickelt haben, die sie geweckt haben, sie sogar sie in die richtige Richtung für ihren späteren Erfolg gelenkt haben.

Leseproben

Ihr Kommentar


* Diese Angaben sind verpflichtend