Die Patchwork-Lüge

Die Patchwork-Lüge

Melanie Mühl

Im ganzen Land findet man sie, in guten und weniger guten Kreisen, und niemand regt sich mehr über sie auf: Patchwork-Familien. Patchwork ist Flickwerk, das klingt nett und harmlos. Aber taugt es als Muster für unser Leben, unsere Gesellschaft und die Ehe? Melanie Mühl sieht in Patchwork-Familien das Resultat einer weit verbreiteten Lebenshaltung, die Festlegungen scheut. Doch können wir auf Verlässlichkeit so einfach verzichten? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Vertrauen regelmäßig enttäuscht wird? Ein unzeitgemäßes Buch, das eine längst fällige Debatte auslösen wird.


Über den Autor

Melanie Mühl

Melanie Mühl, 1976 in Stuttgart geboren, wuchs in Bayreuth auf. Sie studierte Germanistik und Journalismus an der Universität Karlsruhe und der Queens University, Kingston, Ontario. Seit Oktober 2006 ist sie Redakteurin im Feuilleton ...

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Die Patchwork-Lüge

Presse

"Ihr (Melanie Mühls) Aufruf, die Verluste von Trennungen nicht als bunte Vielfalt schönzureden, bietet ... Stoff für leidenschaftliche Diskussionen." Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung, 26.08.11

"Wer sie gelesen hat, wird die schöne neue Familienwelt, die uns täglich präsentiert wird, mit anderen Augen sehen." Marion Lühe, Tages-Anzeiger Zürich, 09.09.11

Leseproben

Kommentare

Dr. Günter Sauer
16.09.2011

Liebe Melanie -

mahlen Sie bitte weiter trotz aller abwertenden Kritik, denn Sie haben recht !


Dr. Erwin Leibfried
07.09.2011

Patchwork-Familie

… muss als verdeckende Beschreibung für gescheiterte Beziehungen verstanden werden.

Die Journalistin Melanie Mühl hat überzeugend aufgedeckt*, dass hier die mainstream-medien-meinungs-mafia am Werkeln ist. Durchgehend wird in den Medien die sog. Patchwork family als Maß und Muster hingestellt, positiv gewertet. Eins-zwei gescheiterte Beziehungen, jeweils mit Kindern, eine weitere Beziehung, der Partner bringt ein Kind mit, ein gemeinsames Kind folgt etc. Der katholische Bundespräsident gibt die Norm vor.
Der Verlag schreibt: Melanie Mühl sieht in Patchwork-Familien das Resultat einer weit verbreiteten Lebenshaltung, die Festlegungen scheut. Doch können wir auf Verlässlichkeit so einfach verzichten? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Vertrauen regelmäßig enttäuscht wird?
Man darf sagen: die Maßstäbe der Rating-Agenturen haben sich geändert, wir [wer ist wir?] sehen das im Moment nicht mehr alteuropäisch.
Allerdings gilt: sie dreht sich, die Erde und mit ihr die geltenden Maximen; man darf annehmen, dass wie beim Kirmes-Karussell der weiße Elephant bald wiederkommt. Wir werden eine Zeit erleben, in der die dauernde Partnerschaft wieder stärker gilt.

  • Melanie Mühl, Die Patchwork-Lüge. Eine Streitschrift, 2011 im Hanser Verlag

Anthropologische Analyse

Am Anfang ist die Liebe; sie ist eine Erfindung der Evolution, um die Produktion von Nachwuchs zu erleichtern. Verliebte, sich Liebende neigen zu meist nächtlichen Taten, sog. Sünden der Nacht, die Folgen haben. Kinder. Die Ehe ist eine moralingesteuerte Institution, die Nachhaltigkeit sichert, nämlich in der Aufzucht der Sündenfolgen. So wie – nach Nietzsche – die Sklaven die Moral erfunden haben, so erfinden die Kinder die Ehe: als Höhle, als Schutz, als Raum, in dem sie wachsen können. Kinder wollen, dass ihre Eltern nicht streiten und zusammenbleiben. Sobald sie flügge sind, verlassen sie aber Vater und Mutter, schamlos und undankbar ☺. Vorher sind sie betroffen, wenn ein Elternteil sie verlässt, um eine neue Beziehung einzugehen.
Hier hilft auch Bildung, d.h. ein Blick in die antike Mythologie. Da gibt es die Göttin Hera, die den Herd schützt, die Familie; sie ist die Gattin des immer fremdgehenden Zeus, der sie laufend, wie man sagt, betrügt. Zeus ist allein von der Liebe bestimmt, von der Göttin Aphrodite, denn die ist für die heiße Liebe zuständig. Hera wütet zwar immer, wenn der Gatte aushäusig ist, sie versucht, spielverderbend, die Rendezvous zu verhindern – Zeus aber empfindet eigentlich keine Schuld. Er folgt einem göttlichen Prinzip, der Liebe: sie steht über der Moral. Erst das Christentum hat das schlechte Gewissen in die Welt gebracht und die Ehe hochgehalten und den Ehebruch als Sünde bestimmt. Die antike Phantasie hat – vorchristlich – die Sache anders erlebt, in Bildern die anthropologischen Daten so sortiert: es gibt die sinnliche Liebe, zwei sind aufeinander abgefahren, ineinander verknallt, verliebt usw. Sprachen können diesen elementaren Sachverhalt verschieden formulieren. Die Dichtung hat ihn immer wieder in großen Poesien gestaltet; man darf an Tristan und Isolde denken, die so aufeinander abgefahren sind, dass ihre Liebe sie quasi zu einem Wesen macht. Man darf an Anna Karenina denken, die der lahmen Ehe mit Karenin entflieht und dem attraktiven Grafen Wronski nicht widerstehen kann. Allerdings wird sie zerbrechen, sie hält die Flucht aus der Verantwortung nicht aus, sie kann den Verlust ihrer Tochter nicht ertragen.
Jedenfalls: vor einer patchwork-Familien-Situation liegt diese Konstellation: eine neue Liebe verdrängt die alte. Das ist auch evolutionsstabilisiert; denn dieses Ding da, Evolution, ist sehr dafür, dass gerade der dazu noch fähige Mann weiter Kinder in die Welt setzt. Für das denkende Bewusstsein entsteht hier diese Frage: muss, was die Evolution will, durch sittliche Anstrengung geändert werden, geht es – wie im 18. Jahrhundert – um „die Bändigung der wilden Seele“?
Anzunehmen ist, dass Männer mehr weglaufen und treuebrechend sich verhalten als Frauen. Statistiken sollten das belegen, das Denken selbst stört sich aber nicht an solchen Veranstaltungen wie Statistiken, die immer fehlerhaft sein können. Es geht nämlich so: beim Mann spielen Althirnbestände aus seiner vormenschlichen, tierischen Vergangenheit mit. Der Mann ist genetisch ein Gockel, der mehrere Hennen verkraften kann. Der Mann muss, durch christliche Moral, zivilisiert, kultiviert, moralisiert werden. Von ihm wird eine besondere mentale Anstrengung verlangt, wenn er im Konzert der Kultivierten mitspielen will.
Frauen indes sind evolutionär trainiert auf Zurückhaltung, deshalb müssen sie gemeinhin verführt werden. Schwangerschaft und Geburt sind gefährlich und die Aufzucht der Brut ist mühselig. So haben, ganz evolutionstheoretisch, jene Frauen überlebt, die sexuell zurückhaltend waren. Sie haben ihre Gene weitergegeben. Nymphomane Männergeile sind Irrläufer der Evolution, das gibt es immer wieder, durch Mutation.
Diese Daten, die zur Stammesgeschichte der Menschen gehören, bewirken ein unterschiedliches Sexualverhalten von Mann und Frau. Gebildete, Erfahrene wussten das schon immer; es gibt ein Gespräch Goethes mit Riemer, dem Erzieher seines Sohnes, über diese Thematik. Beide haben sich lateinisch unterhalten, damit der Kutscher nichts verstehe.
Analytisch gesehen darf man eine Konfliktkonstellation diagnostizieren: auf der einen Seite die Pflicht, das Verbrechen der Treue [Gott, ich lese und erstarre, ich habe mich tatsächlich vertippt und es zunächst nicht bemerkt, es muss natürlich heißen: das Versprechen]. Die Ehe also, auch als eine Institution – wenn die Kinder weg sind – der wechselseitigen Hilfe und Pflege. Dann die Neigung, die neue Liebe, die eine Himmelsmacht ist – wie die Operette weiß: die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht! Die antike Mentalität hat die Problemlage evolutionsnäher als das Christentum stabilisiert, nicht mit dem Ketchup der Moral begossen. Wehe, wer vom Pfeil des Eros getroffen wird, vom Gift des Amor. Liebe ist für die Alten, für die Dichter ein elementarer Affekt, der durch Moral, durch Verantwortung nur schwer zu kontrollieren ist. In Tristan und Isolde hat die poetische Phantasie den Liebestrank erfunden: wenn zwei ihn trinken, fahren sie so aufeinander ab, dass sie zum siamesischen Zwilling werden. Modern formuliert ist der Liebestrank, der es immerhin bis in die Oper geschafft hat, eine genetisch-hormonelle Struktur. Goethe hat sich immer wieder, frisch wie der Phoenix, der aus der Asche zu neuem Leben auffliegt, verliebt. Er hat aber nie seine jahrzehntelange Freundin und spätere Frau Christiane betrogen – aber er hat gelitten, sehr. Sein einziger Trost war die Dichtung, er hatte das Glück, dass ein Gott ihm sagte, wie er leidet. Wenn der Mensch in seinem Schmerz verstummt, dann begann der Frankfurter zu dichten. Am schönsten im verbotenen Tagebuch – einem herrlichen Stanzengedicht, das Goethe selbst nie veröffentlichte, weil es zu gefährlich war [vgl. Erwin Leibfried, Goethe. Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte, Band 4, S. 108ff. als ebook bei amazon].
Institutionen wie die katholische Kirche halten kinderfreundlich an der Pflicht fest, an der Unauflösbarkeit der Ehe: bis dass der Tod Euch scheidet. Sie können für das Leben nach dem Tod das Glück versprechen. Postmoderne Mentalitäten, für die Verantwortung, Treue u.a. keine erste Priorität haben, plädieren für die Lust der neuen Beziehung, für die Neigung. Das Leben ist einmalig, danach ist Schluss, also jetzt gilt’s. H.Heine hat die road map hierzu gedichtelt: wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.
[Pflicht und Neigung war um 1800 oft Thema von Talkshows, total ín, heute ist das out.]

Einer der größten Kenner dieses Feldes Liebe war der Frankfurter Romantiker Clemens Brentano. In seinem sonst recht verworrenen Lustspiel Ponce de Leon – aber wo ist die Bildung, die dieses Stück noch kennt? – lässt er singen:
O süßer Liebesschmerz!
Du tötest wie Sirene mit Gesang,
Erquickst und brichst mein Herz –
Und machst mit süßer Lust mir angst und bang.
Dein Ringen, Umschlingen, Umfassen,
Dein Drücken, Entzücken, Erblassen
Soll, wird je mein Herzelein flott,
Mich nimmer berücken, umstricken, bei Gott! –

Und:
Mein Schatz ist ausgeblieben,
Ich bin so ganz allein.
Im Lieben wohnt Betrüben,
Und kann nicht anders sein.

Diese Erkenntnis ist ein Grundbestand der abendländischen [und nicht nur ihr] Dichtung; Herz und Schmerz reimen sich im Deutschen, das Nibelungenlied z.B. zeigt, wie liebe mit leide ze jungist lonen kann [wie Liebe mit Leid zuletzt abrechnet].
Und noch mal die arme Valeria bei Brentano in Ponce de Leon, die von ebendiesem Titelhelden verlassen wird:
Wenn die Sonne weggegangen,
Kömmt die Dunkelheit heran,
Abendrot hat goldne Wangen,
Und die Nacht hat Trauer an.

Seit die Liebe weggegangen,
Bin ich nun ein Mohrenkind,
Und die roten, frohen Wangen
Dunkel und verloren sind.

Dunkelheit muß tief verschweigen
Alles Wehe, alle Lust,
Aber Mond und Sterne zeigen,
Was ihr wohnet in der Brust.

Wenn die Lippen dir verschweigen
Meines Herzens stille Glut,
Müssen Blick und Tränen zeigen,
Wie die Liebe nimmer ruht. [Wahnsinn, ohgott Brentano!]

Und immer noch weiter:
PONCE.
So sei es dann –
Er nimmt die Laute.
Hier, wo neue Liebe mich gefangen,
Der ich nimmer, nimmermehr entgehe,
Denk ich gerne deiner, die vergangen,
Süße Liebe voller Lust und Wehe!
VALERIA.
Zürnet seiner nicht, ihr roten Lippen,
Wollet Trost aus andern Küssen saugen,
Denn er scheiterte an fremden Klippen,
Wendet nimmer heimwärts seine Augen.
PONCE.
Wenn das Leben nicht hinaus mich triebe,
Nicht nach Ferne Sehnsucht mich verzehrte,
Blieb ich dir, du Heimat meiner Liebe,
Die mich scherzen, tändeln, küssen lehrte.
Er küßt sie.
VALERIA.
So sei dann feierlich entbunden;
Wie dieses Kusses Feuer leicht verglühet,
So schließen sich der frühen Liebe Wunden
Und neue, schönre Liebe bald erblühet.

Das, was Brentano hier hineingelegt hat, ist von einer Aktualität, die brennt, es kann nur durch ein gaaaanz ganz langes Nachdenken annähernd ausgeschöpft werden.

Zur Vertiefung dieses Problemackers ist eine weitere anthropologische Dimension zu beachten, die gemeinhin von der mainstream-medien-mafia-meinung verdeckt wird. Menschen sind nicht gleich; es gibt davon verschiedene Sorten. Hier heißt das einfach: es gibt Menschen, die sich für die Pflicht entscheiden – et pereat mundus [und wenn dabei auch alles zum Teufel geht] -, die – genetisch – zu einer trennenden Scheidung nicht fähig sind. Und solche, die da keine Probleme haben und Trennung an Scheidung und Scheidung an Trennung reihen, seriell. Beispiele liefern Künstler und besonders auch deutsche Politiker.

Dixi, EL


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