Die große Gereiztheit

Die große Gereiztheit

Bernhard Pörksen

Öffentliche Debatten werden immer aggressiver, Lügen verbreiten sich so leicht wie nie. Bernhard Pörksen beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation.

Terrorwarnungen, Gerüchte, die Fake-News-Panik, Skandale und Spektakel in Echtzeit – die vernetzte Welt existiert längst in einer Stimmung der Nervosität und Gereiztheit. Bernhard Pörksen analysiert die Erregungsmuster des digitalen Zeitalters und beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation. Er führt vor, wie sich unsere Idee von Wahrheit, die Dynamik von Enthüllungen und der Charakter von Debatten verändern. Heute ist jeder zum Sender geworden, der Einfluss etablierter Medien schwindet. In dieser Situation gehört der kluge Umgang mit Informationen zur Allgemeinbildung und sollte in der Schule gelehrt werden. Medienmündigkeit ist zur Existenzfrage der Demokratie geworden.


Über den Autor

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, studierte Germanistik, Journalistik und Biologie und ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Einem breiteren Publikum wurde er durch seine Arbeiten zur Skandalforschung ...

Mehr über den Autor

Weitere Empfehlungen für Sie

Die große Gereiztheit

Videos

re:publica 2018 – Bernhard Pörksen: Filter Clash. Die große Gereiztheit der vernetzten Welt

Presse

"Mit dem Buch ist nicht so ohne weiteres fertig zu werden, führt es doch die Facetten einer 'Empörungsdemokratie' ohne Umschweife vor. Eine bittere Bestandsaufnahme. Dennoch der Appell, die Gesellschaft möge zur Besinnung kommen." Christian Thomas, 22.06.18, Frankfurter Rundschau

"Ein lesenswertes Sachbuch, das den 'kommunikativen Klimawandel' unserer Zeit treffend beschreibt." Susanne Schnabl, Die Presse, 31.03.18

"Es ist die These der 'Filterbubble', die er überzeugend platzen lässt. Jene These, die auf den Polit-Aktivisten Eli Pariser zurückgeht und 2017 in fast jeder Zeitung und an fast jeder Party diskutiert wurde. Ihr zufolge ist das Web fragmentiert in Echokammern, in der man bloss seine eigene Meinung widerhallen hört. Pörksen vertritt die Gegenthese vom 'Filter Clash', die Annahme, dass die unmittelbare mediale Nachbarschaft unterschiedlicher Meinungen andauernd Kollisionen und Konflikte erzeuge. Person A regt sich über etwas auf, und sofort regt sich Person B über die Aufregung von A auf. Ein Gehässigkeitszirkel, dessen Erneuerung sich auf Facebook und Twitter tagtäglich beobachten lässt." Linus Schöpfer, Tages-Anzeiger, 16.02.18

"Aber heute ist via Smartphone, Facebook und Twitter jeder Journalist – und trägt deswegen Mitverantwortung für die Qualität der öffentlichen Debatte. Daraus folgt, dass jeder Einzelne das Rüstzeug zu verantwortungsvollen und reflektierten Publikationsentscheidungen braucht. Diesem 'Ideal der Medienmündigkeit', einer 'Utopie der redaktionellen Gesellschaft', komme man nur durch ein konsequentes Bildungsangebot näher, insistiert Pörksen, dadurch, dass journalistische Fähigkeiten 'zum Bestandteil der Allgemeinbildung und zum selbstverständlichen Ethos' werden … Und Pörksen wäre mit seiner Fähigkeit zur anschaulichen Darstellung und Synthese bestens geeignet, dafür das Unterrichtsmaterial vorzulegen. Damit bekäme ein Journalismus neuer Prägung die Chance, zu einer allgemeinen Kulturtechnik oder gar zu einem Bewusstseinszustand zu werden." Kirstin Breitenfellner, Falter, 11/2018

5 Fragen an …

Bernhard Pörksen

Sie diagnostizieren in unserer Gesellschaft einen Zustand gesteigerter Erregung. Waren wir früher wirklich gelassener – oder gelangte die Gereiztheit einfach nicht so leicht an die Öffentlichkeit?
Ich behaupte: Vernetzung verstört, weil die Gesamtgeistesverfassung der Menschheit auf einmal in den eigenen Kommunikationsradius hinein rückt und wir in neuartiger Unmittelbarkeit und Direktheit mit den unterschiedlichsten Bildern konfrontiert sind. Banales, Berührendes, Bestialisches – alles wird sofort sichtbar. Eben dieses barrierefreie Öffentlichwerden ist der entscheidende Treibstoff, der die große Gereiztheit provoziert.

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, in welchem Maße das Netz unsere Welt verändert, die Machtverhältnisse neu sortiert?
Das lässt sich präzise datieren. Pfingsten 2010 schrieb ein Student der Medienwissenschaft, damals Hilfskraft in meiner Abteilung, an viele Zeitungen und Nachrichtenagenturen eine Mail, fasste über Twitter nach, publizierte Blogbeiträge. Worum ging es? Die Medien hätten, so meinte er, ein einigermaßen skandalöses Radiointerview des Bundespräsidenten Horst Köhler übersehen; hier rechtfertige dieser – grundgesetzwidrig – Wirtschaftskriege. Wir alle wissen: die Skandalisierung hatte Erfolg. Und bei mir in der Abteilung tauchten plötzlich Journalisten auf, die einen Studenten und Blogger suchten, von dem es hieß, er habe den Bundespräsidenten gestürzt. Das ist natürlich Unsinn. Netzwerkeeffekte lassen sich nicht personalisieren. Aber die Verschiebung der Machtverhältnisse ist mir an diesem Fall drastisch-dramatisch deutlich geworden. Auf einmal erreichten mich die Ausläufer einer Medienrevolution direkt im Büro.

Brauchen wir schärfere Gesetz gegen Lüge und Hetze?
Nein, aber geltendes Recht muss umgesetzt werden. Und ganz generell: Mir missfällt die antiliberale Verengung auf juristische Fragen, die sich gegenwärtig in den Debatten über Hass und Propaganda beobachten lässt. Das Gesetz ist nur die letzte Möglichkeit, wenn ethisch-moralische Maßstäbe versagen. Nötig ist ein Wertegerüst für das öffentliche Sprechen. Mein Vorschlag: Da jeder heute jeder zum Sender geworden ist, sollte nun auch jeder lernen, als sein eigener Redakteur zu handeln, sich die Frage vorlegen: Was ist glaubwürdige, relevante, veröffentlichungsreife Information? Kurz und knapp: Wir müssen von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft werden. Das ist eine gewaltige Bildungsaufgabe.

Wie schützen Sie sich davor, selbst in gereizte Stimmung zu geraten?
Meine Meditation ist die Lektüre, das Sich-Versenken in Texte. Ich merke: wenn ich ein paar Tage nicht lese, dann fehlt etwas. Die Erfahrung der tiefen Konzentration.

Mal ehrlich: Sehnen Sie sich manchmal nach analogen Zeiten zurück?
Zum Glück nur in ganz schwachen Momenten. Denn Nostalgie offenbart doch eigentlich nur die eigene Phantasiearmut und Denkfaulheit im Blick auf die Gegenwart. Und in der Summe gilt: Die Tatsache, dass heute jeder eine Stimme hat, ist eine grandios gute Nachricht. Aber nun gilt es, den Zugewinn an Freiheit durch ein Mehr an Verantwortung einzuhegen.

Termine

Bernhard Pörksen: "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung". Diskussion mit Frank Richter und Marcel Beyer in der Reihe STREITBAR.

Dresden
Dresdner Kulturpalast Dresden

Bernhard Pörksen: "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" | Zur Veranstaltungs-Website

Baden-Baden
Philosophisch-Literarische Gesellschaft Baden-Baden

Bernhard Pörksen: "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung". Keynote im Rahmen der "Woche der Wirksamkeit". Anmeldung erforderlich. | Zur Veranstaltungs-Website

Wien
Kardinal König Haus,
Kardinal-König-Platz 3,
1130 Wien

Alle Termine zum Buch
Alle Termine

Leseproben

Ihr Kommentar

* Diese Angaben sind verpflichtend