Der Polen-Komplex

Der Polen-Komplex

Marius Hulpe

Die italienischen Kollegen sprechen längst polnisch, und Thiago aus Porto hat sich gerade beim Bürgeramt Danzig angemeldet …

Eine junge Polin leitet ein Marketing-Team, das aus nach Krakau gezogenen Skandinaviern besteht. Ein polnischer Lehrer bessert sein Gehalt abends als Hausmeister auf. Und irgendwo demonstrieren einige wenige Studenten für eine andere Flüchtlingspolitik. Jenseits von Panikmache erzählt Marius Hulpes große Polendiagnose von einer vielschichtigen, erfolgreichen, migrationserfahrenen Nation – die dennoch selber gerade voller Panik ist. Ein verblüffender Text aus einem Land, dessen aktuelle Gefühlslage alle Europäer angeht.


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Marius Hulpe, geboren 1982 in Soest, studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim, Berlin und Zürich und veröffentlichte die Gedichtbände "Wiederbelebung der Lämmer", "Einmal werden wir" und ...

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5 Fragen an …

Marius Hulpe

Marius Hulpe, selbst die EU hat bereits warnende Briefe an die neue Warschauer Regierung geschickt. Machen Sie sich Sorgen um das Land?
Als jemand, der jahrelang in Polen gelebt hat, muss ich sagen: Leider ja. Vielleicht weniger um die ökonomischen Bedingungen, das scheint mir angesichts des permanenten Wachstums nicht nötig. Problematisch wäre vielmehr, wenn Polen durch die Politik seiner neuen Regierung dauerhaft europäisch isoliert würde. Das kann niemand wollen und würde auch nicht dem gerecht, was ich an Weltoffenheit erfahren habe in diesem Land.

In Deutschland wurde über die Veränderungen seit dem polnischen Regierungswechsel durchaus berichtet. Wozu noch ein Essay dazu?
Sicher, das ganze Thema ging enorm durch die Medien, eine solche Aufmerksamkeit hatte Polen in der deutschen Öffentlichkeit schon lange nicht mehr. Der Essay handelt aber weniger von den parlamentarischen Entwicklungen, als dass er zu erzählen versucht, wie sich in Polen über Jahre, Jahrzehnte, ja eigentlich über Jahrhunderte hinweg ein derart immenses Bedürfnis nach Abgrenzung nach außen entwickeln konnte.

Eines der vielen Milieus, von denen der Text erzählt, ist das der vielen westlichen „Arbeitsnomaden“ etwa aus Irland, England, Belgien, Italien, Spanien oder Portugal, die seit Jahren für internationale Konzerne in Polen arbeiten. Warum ist diese Gruppe so aufschlussreich, wenn man über Polen sprechen möchte?
Sie ist einer von mehreren entscheidenden Faktoren für das kleine polnische Wirtschaftswunder der letzten Jahre. Zugleich ist sie ein erstes Argument gegen den Vorwurf, Polen würde sich gegen Migranten sträuben und sie nicht integrieren. Die Polen lieben ihre bisherigen Einwanderer. Da erscheint die Angst vor der Unterwanderung durch fremde Kulturen umso paranoider.

Wie gehen Ihre polnischen Freunde und Bekannte eigentlich mit der Sache um?
Ich habe vor allem in Krakau gelebt, wo ein internationales Flair ganz selbstverständlich ist. Niemand aus meinem Bekanntenkreis käme auf die Idee, die Zugehörigkeit Polens zu Europa in Frage zu stellen. Andererseits sagte mir ein eigentlich vollkommen liberaler und weltoffener polnischer Freund neulich ernsthaft, Angela Merkel sei aus Sicht vieler Polen noch immer eine Kommunistin, und ihre aktuelle Politik bestätige das. Da darf man schon mal kurz schlucken.

Jetzt gerade wird oft gesagt: Europa scheitert an seiner nicht stattfindenden europäischen Flüchtlingspolitik, und diese wiederum besonders an den alles blockierenden osteuropäischen Staaten. Sehen Sie die Sache auch so schwarz?
Es wirkt tatsächlich alles wahnsinnig bedrückend und finster, was die Flüchtlingspolitik einiger osteuropäischer Staaten betrifft. Wenn man sich allein auf das Bild verlässt, das viele deutsche Medien zeichnen, kommt man um Schwarzmalerei kaum noch herum. Dagegen habe ich allerdings ein wunderbares Mittel: Jetzt im Frühling ins Auto steigen und zum Beispiel nach Breslau fahren, um dort ein wenig die Stimmung anzuzapfen. Selbst wenn man nicht sofort auf das liberale Polen trifft – es ist vorhanden und dürstet nach Austausch mit uns.

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