Das schwarze Herz des Verbrechens

Das schwarze Herz des Verbrechens

Marcelo Figueras

Argentinien im Juni 1956: Ein Dutzend Männer wird von der Polizei aus einer Wohnung entführt und hingerichtet. Monate später stößt der Journalist Rodolfo Walsh auf die Spur eines Überlebenden; nach minutiösen Recherchen veröffentlicht er den Tatsachenroman "Das Massaker von San Martín". Die Geschichte ist in Südamerika eine Sensation und macht Walsh zum Helden des argentinischen Widerstands. Marcelo Figueras erzählt diese wahre Begebenheit als spannungsgeladenen Thriller: wie der legendäre Journalist Walsh selbst zum Detektiv wird und mit der Rekonstruktion des Verbrechens seinen literarischen Durchbruch erzielt. Perfekt komponierter Krimi und Reportage in einem: ein Meisterstück.


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Marcelo Figueras

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Marcelo Figueras, geboren 1962 in Buenos Aires, arbeitete als Journalist für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, zum Beispiel für Clarín. Er veröffentlichte eine Reihe von Kurzgeschichten – so im Jahr 2000 in La selección ...

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Presse

"Marcelo Figueras ist ein differenziertes Porträt und gleichzeitig ein fesselnder Polit-Thriller gelungen." Thomas Wörtche, Deutschlandfunk Kultur, 21.02.2018

5 Fragen an …

Marcelo Figueras

Ihr Buch ist ein Krimi – über eine wahre Begebenheit im Buenos Aires der fünfziger Jahre. Die Hauptfigur ist Detektiv und zugleich eine historische Person, die ein historisches Verbrechen enthüllt. Warum dieser Dreh, ein vergangenes Ereignis als Krimi zu erzählen?
Der Held dieser Geschichte ist ein Detektiv, aber kein typischer. In erster Linie ist er Autor: ein Ermittler mit anderem Werkzeug. Als Rodolfo Walsh endlich niederschrieb, was er entdeckt hatte, als er in Worte fasste, was er herausgefunden hatte, blendete er sich als Erzähler aus: für ihn zählten nur die Opfer einer Ungerechtigkeit historischen Ausmaßes und die Suche nach Gerechtigkeit. Er fand, er selbst dürfe nicht im Fokus stehen, und darum machte er sich schmal und versteckte sich im Text. In seinem Buch, Das Massaker von San Martín, ist er überall präsent und gleichzeitig unsichtbar. Für uns moderne Leser liegen die Dinge anders. Unglücklicherweise haben wir uns an die Schrecken weltweit gewöhnt, mit denen wir konfrontiert werden. Wir sehen täglich grausame Verbrechen, alle Arten von unerträglicher Ungerechtigkeit; oft geschieht sie weit weg, manchmal auch in unserer Nähe. Irgendwie haben wir das Gefühl verloren, wir könnten etwas dagegen tun, wir könnten verhindern, dass diese Dinge geschehen. „Das ist eben unsere Natur“, sagen wir uns. „Wir sind Bestien, wir können nicht anders.“ Deshalb wollte ich diese Geschichte erzählen, aber aus einem anderen Blickwinkel. Mir war klar, dass die Hinrichtungen auf der José-León-Suárez-Müllhalde verblassen würden im Vergleich zu vielen anderen Verbrechen, die die Regierung im letzten Jahrhundert begangen hat. Was ich vermitteln wollte: „Vielleicht können wir viele schreckliche Dinge nicht verhindern. Aber es gibt etwas, das wir auch nicht verhindern können: die Veränderungen, die diese Dinge und diese Wahrheiten in uns bewirken.
Und deshalb habe ich mich auf Walsh konzentriert. So gesehen wird mein Roman zu einer merkwürdigen Art von Krimi: das ganze Gewicht der Erzählung liegt nicht auf dem, was der Detektiv über die Welt herausfindet, sondern auf dem, was er über sich selbst entdeckt.

Es ist nicht nur dieser entscheidend wichtige Moment in der modernen argentinischen Geschichte, den Sie neu erzählen, es ist auch die Form – der Roman nutzt alle Mittel der klassischen Krimi-Gattung. Warum diese Verstärkung?
Die Form des klassischen Krimis war entscheidend für mich: ein Mann macht sich auf, um eine Wahrheit herauszufinden und ein Stückweit die Ordnung in der Welt wiederherzustellen. Aber dann kommt es anders: Obwohl meine Hauptfigur tatsächlich die Wahrheit ausgräbt und den Verbrecher identifizieren kann – das ist der Kafka‘sche Trick aller modernen Krimis –, hört ihm niemand zu. Es geschieht keine Gerechtigkeit. Und so bleibt er allein zurück, mit seinem Versagen hadernd, bis er realisiert, dass er mit seinen Nachforschungen eine andere Wahrheit entdeckt hat, die Wahrheit, die in dem einzigen Umstand steckte, der sich tatsächlich komplett im Verlauf der Nachforschungen verändert hat: er selbst.
Das war es, was dem realen Walsh passierte. Als er mit seinen Recherchen begann, war er ein junger, hungriger Reporter, mit Träumen von Ruhm und Reichtum, ein hoffnungsvoller Autor, der fand, seine ausgedachten Krimis seien – auch wenn sie Preise erhielten – bloß Schrott. (Womit er recht hatte.) Aber seine Recherchen veränderten ihn total. Vor 1956 war seine Prosa viel zu bemüht, cool und distanziert zu sein – Borgesianisch. Und so fühlt es sich immer noch an: zu kopflastig, Figuren, die weniger Charaktere als vielmehr Codes sind, Bauern auf einem Schachbrett. Aber sobald er die Qual durchgestanden hatte, den Opfern des tatsächlichen Verbrechens gegenüberzusitzen, das er recherchierte – der junge Typ, der dem Erschießungskommando mit einer Kugel im Gesicht entkommen war, die Witwen der Männer, die nicht entkommen konnten, die Kinder, die versuchten sich an ein Leben ohne Vater zu gewöhnen –, kurz: als er verstanden hatte, dass er nicht außerhalb der Geschichte bleiben konnte, sondern Stellung innerhalb davon beziehen musste, da änderte sich für Walsh alles.
In den argentinischen Medien wurde er zum Paria. Er musste seine Frau und seine Töchter verlassen, um unterzutauchen, mit falschem Namen, eine Pistole in Reichweite. Er verliebte sich in eine Frau, die ein Schlüssel in seiner Verwandlung war. Er veränderte seine politischen Ansichten komplett, aus der Überzeugung heraus, dass er sich nicht zum Komplizen der Täter machen durfte; von da an riskierte er sein Leben, um die Unterdrückten zu verteidigen. Und er wurde zu einem vollständig anderen Autor: immer noch scharf, präzise, eloquent, aber jetzt mit viel Mitgefühl, seine Prosa vibrierte nun vor Empathie mit seinen Mitmenschen, vor allem mit den Opfern, die diese Welt täglich hervorbringt.
Zu Beginn war Walsh ein mittelmäßiger Möchtegern-Borges. Nach Das Massaker von San Martín war er ein genialer Schriftsteller, der Erfinder einer neuen Gattung, die wir heute „Tatsachenroman“ nennen – neun Jahre vor Capotes Kaltblütig!
Einer unserer bedeutendsten Schriftsteller und Kritiker, David Viñas, sagte einmal: „Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich sagen, Walsh ist besser als Borges.“ Und das ist nicht ganz falsch. Beide sind großartige Schriftsteller. Aber Borges steht für Literatur als reine Schönheit, eine Art höhere Ordnung, dem gemeinen Mann enthoben; Walsh dagegen hat ebenfalls bleibende Schönheit geschaffen, hat aber Literatur in den Dienst der Wahrheit, der sozialen Veränderung und Gerechtigkeit gestellt – und er hat sein Leben in jedes seiner Worte hineingelegt, bis die Völkermörder in 1977 umbrachten.
Daher glaube ich, dass mein Roman mehr ist als ein Krimi. Es ist die Geschichte eines Mannes – eines realen Mannes! –, der ein besserer Schriftsteller werden will und sich deshalb fragt: „Wie kann ich dieser Geschichte am besten dienen, welche Leser will ich erreichen, was für eine Art Autor will ich sein – und kann ich ein großer Schriftsteller sein, wenn ich ein beschissener Mensch bin?“

Für einen außenstehenden Leser ist die Gefahr für den Ermittler und die Rolle der öffentlichen Aufmerksamkeit in dem Roman nicht leicht zu verstehen: Wenn die Junta doch jeden umbringen konnte, den sie wollte – wieso war die Veröffentlichung der Wahrheit und die Erwirkung einer Strafverfolgung dann so bedrohlich? Hatte sie denn nicht uneingeschränkte Macht?
Die militärische Junta ergriff die Macht 1955, indem sie Perón als Faschisten anklagte und eine Wiederherstellung der Demokratie in Argentinien versprach. Natürlich war das eine Lüge. Das Militär war nur die öffentliche Maske der Reichen, die Peróns Kampf für den einfachen Arbeiter nicht länger hinnehmen konnten. Sie hatten nicht die Absicht, freie Wahlen abzuhalten, deshalb haben sie den Peronisten die Teilnahme an politischen Prozessen verboten: es wurde mit Androhung von Gefängnisstrafe sogar verboten, Perón oder Evita auch nur namentlich zu erwähnen! Aber einmal an der Macht, musste die Junta das Gesicht wahren. Aufgrund der Tatsache, dass sie die Richter und die Medien in der Tasche hatten, war das nicht schwierig. Alle großen Zeitungen sangen das Loblied des Regimes, das von Freiheit schwafelte, aber die freie Rede verbot! Als einer wie Walsh versuchte, die Mauer des Schweigens einzureißen, wurden sie zum Handeln gezwungen. In aller Stille, natürlich: Walsh wurde gejagt, seine Familie bedroht, seine Kollegin Aurelia wurde von der Polizei bedrängt, Verlage weigerten sich, seine Bücher zu drucken.
Die widersprüchliche Natur dieses Militärregimes – wir sind gewalttätig, aber wir stehen für Frieden; wir sind für Demokratie, aber wir tolerieren keine Opposition – resultierte in einer perversen Mode, die ihren Höhepunkt in der Diktatur fand, die 1976 an die Macht kam. Deshalb erfanden sie die Desaparecidos: eine Form von Verbrechen, die niemand verfolgen kann, weil es keine Leichen gibt und also keine Oper. In der Notwendigkeit, die Fassade von Gesetz und Rechtmäßigkeit aufrecht zu erhalten, fanden sie einen Weg der Unterdrückung im Verborgenen.
Um einen gewissen Grad an Zustimmung des argentinischen Volkes zu erreichen und damit an der Macht zu bleiben, mussten sie ihre eiserne Faust kaschieren.

Nach Ihren früheren Büchern auf Deutsch, den Romanen seit Kamtschatka, scheint die Auseinandersetzung mit der argentinischen Vergangenheit, das Leben unter der Diktatur, Ihr Hauptthema zu sein. Ist das die nicht enden wollende Vergangenheit?
Oh ja. Man kann den Völkermord der Siebziger nicht verstehen ohne zu wissen, dass die Wurzel – das Schlangenei – von dieser Junta 1955 stammt. Diese Soldaten und ihre reichen Herren waren so schamlos, ihr Regime „die Freiheitsrevolution“ zu nennen!
Im selben Maß lässt sich auch nicht verstehen, was derzeit geschieht, ohne Kenntnis dieser zwei Militärregierungen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass ihr in Europa nichts von unserer Realität 2017 mitkriegt, weil ihr nur die Nachrichten kennt, die von unseren großen Zeitungen und Fernsehkanälen produziert werden – die, wie 1955 und 1976, unter vollständiger Kontrolle der jetzigen Macht stehen!
Wir sind demselben wirtschaftlichen und politischen Plan unterworfen wie zu der damaligen Zeit. Der Hauptunterschied ist der, dass die Reichen das Militär nicht mehr brauchen, um ihre Pläne durchzusetzen: jetzt verwenden sie es bloß noch, um in den Straßen die Opposition zu kontrollieren. (Und auch, um zu morden, wie Santiago Maldonado, dem ersten Desaparecido der Ära Macri.) Es sind dieselben mächtigen Leute – ihr rechtmäßiges Erbe –, nur modernisiert, verbessert, mit größerer medialer Finesse.

Sie arbeiten als Drehbuchautor und lebten mehrere Jahre in Barcelona. Wie würden Sie die Lage zusammenfassen – wieder in Buenos Aires zu leben und zu arbeiten? Wie ist die Verknüpfung vom vergangenen zum heutigen Argentinien?
Es ist schmerzhaft und gefährlich. Die Richter, die Macri nicht willfahren, werden erpresst, abgesetzt oder vor Gericht gezerrt, nicht als Ankläger, sondern als Angeklagte. Die Medienbündelung ist so massiv, dass es nicht mit Europa, sondern nur noch mit Russland oder China zu vergleichen ist. Proteste werden gewaltsam unterdrückt. Für ein einzelnes Tweet kann man eingesperrt werden – ich übertreibe nicht! Ich spreche von Tatsachen. Unsere Dollarschulden wachsen lawinenartig, und die Reichen kanalisieren das ganze Geld aus Argentinien hinaus (es gibt Macri-Freunde, -Familie und politische Verbündete in allen Papers, die man sich denken kann – Panama, Paradise …)
Deshalb bin ich überzeugt, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen dem Argentinien von 1955 im Roman und dem Argentinien der Gegenwart. Wir leben unter einem anderen Regime – schlimmer noch, das heutige wurde demokratisch gewählt: manchmal können Mehrheiten Fehler von historischen Ausmaßen begehen –, das sich als republikanisch darstellt (noch eine „Freiheitsrevolution“!), aber Nachrichten sperrt und freie Rede abwürgt. Das erste Mal seit Jahrzehnten haben wir wieder politische Gefangene. Und wirkliche Gewalt dräut am Horizont: Es ist nicht nur eine Möglichkeit, es wurde als Versprechen angekündigt. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was mit mir geschehen wird – und mit Millionen Argentiniern wie ich – in nächster Zukunft.
Vielleicht werden wir alle unsere Arbeit verlieren. Oder eingesperrt. Oder Schlimmeres.

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