Das perfekte Leben des William Sidis

Das perfekte Leben des William Sidis

Morten Brask

Erst Wunderkind, dann klügster Mann der Welt: Die unglaublich wahre Geschichte eines Genies, das lange fast vergessen war.

Die Presse feierte ihn als "intelligentesten Menschen aller Zeiten", er galt als Beweis für das unerschöpfliche Potential des menschlichen Gehirns: William Sidis, 1898 bis 1944, war ein Wunderkind und ein Star. Im Alter von 18 Monaten liest er die "New York Times", mit 6 Jahren beherrscht er 10 Sprachen, mit 10 präsentiert er seine Theorie der vierten Dimension. Das sei ganz normal, behauptet sein Vater, für den Intelligenz eine Frage der strikten Erziehung ist. Mit meisterhafter Gestaltungskraft erzählt Morten Brask von einer Zeit, die an den grenzenlosen Fortschritt glaubt, und vom tragischen Schicksal eines unverständlich intelligenten Menschen. Eine unglaubliche wahre Geschichte.


Über den Autor

Morten Brask

Morten Brask

Morten Brask, 1970 geboren, wuchs in Kopenhagen auf. Er studierte  Filmwissenschaften und Geschichte an der Universität Kopenhagen und schrieb während seines Studiums immer wieder Artikel für verschiedene dänische und norwegische ...

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"Ein ungewöhnlich gut geschriebenes Buch über einen ungewöhnlich interessanten Menschen – ich habe es in einem Zug gelesen." Charles Lewinsky

"Morten Brask hat ein unglaubliches Talent, das Leben dieses ungewöhnlichen Mannes sehr atmosphärisch und filmisch zu erzählen. ... Man hat bei seiner Erzählung immer Bilder im Kopf und man merkt, dass er durch das Schreiben herausfinden wollte, wie dieser William Sidis gedacht und gefühlt hat. ... Man taucht wirklich ein in die Zeit, in der William Sidis gelebt hat. ... Am Ende wünscht man sich, dass William Sidis das perfekte Leben, das er sich gewünscht hat, auch hätte führen können." Marion Brasch, radioeins rbb "Die Literaturagenten", 05.02.17

"Brask zeichnet nicht nur das Bild eines unglücklichen Genies. Zumindest unterschwellig kritisiert der Autor zugleich eine Gesellschaft, in der sich allein das Mittelmaß heimisch fühlen darf. Ein ebenso kunstvoll komponierter wie bedrückender Roman." Alexander Schnackenburg, Weser Kurier, 16.02.17

"Sidis' Geschichte zeichnet der dänische Schriftsteller Morten Brask mit viel Liebe zum historischen Detail und Empathie für seinen Titelhelden in 'Das perfekte Leben des William Sidis' nach." Ute Büsing, RBB Inforadio "Quergelesen", 05.02.17

5 Fragen an …

Morten Brask

William Sidis war weltberühmt. Heute ist er gänzlich vergessen. Wenn man Ihren historischen Roman liest, schlägt man bald einmal den Namen nach, um herauszufinden, ob es Sidis denn tatsächlich gegeben hat. Wie konnte er so gründlich verschwinden?
Genau so erging es mir, als ich ihm zum ersten Mal begegnete, in einem Artikel über IQ-Tests. Sein IQ wurde auf 250 bis 300 geschätzt. Wieso hatte ich noch nie von ihm gehört? Wieso war er nicht berühmt wie Einstein oder Newton?
Das wollte ich herausfinden, und so begann meine jahrelange Recherche für den Roman. Was veranlasste einen Menschen mit dieser herausragenden Intelligenz, ein Leben in der Anonymität zu suchen, sich der medialen Aufmerksamkeit zu entziehen?
Und was ich entdeckte, war nicht nur eine mögliche Erklärung, sondern auch eine erstaunliche Geschichte über einen wunderbaren und liebenswürdigen Mann, hineingestellt in eine faszinierende historische Zeit. Geboren in einer Familie von Genies, erzogen als psychologisches Experiment, als Patenkind des “Gottes” der amerikanischen Intelligenzija seiner Zeit, des berühmten Philosophen William James – Bruder des Schriftstellers Henry James.
Im Verlauf meiner Recherchen und des Schreibens wuchs mir William Sidis immer mehr ans Herz. Und ich verstand ihn und sein Konzept des perfekten Lebens immer besser.

Historische Romane zu schreiben heißt ja immer, die historischen Charaktere zu fiktionalisieren, weil sie sich nicht rekonstruieren lassen, wie sie einmal waren. Im Fall von Sidis muss es sich doch um eine Art doppelte Fiktionalisierung handeln – als historische Figur und weil seine Intelligenz einmalig war. War das ein besonderes Problem – in seinen Kopf hineinzuschlüpfen?
Normalerweise schreibe ich meine Romane in der Ich-Form. Ich versuche nicht nur, in die Köpfe meiner Figuren hineinzuschlüpfen, sondern sie tatsächlich zu sein. Aber mit meinem winzigen IQ wäre es vermessen gewesen zu hoffen, ich könnte in Williams Kopf gelangen, in diese rasche, wilde Intelligenz. In Ich-Form wäre das schiefgegangen, und selbst wenn es möglich gewesen wäre – seine Art zu denken, zu kombinieren, sein immenses Wissen über fast alles, seine Kenntnis Dutzender Sprachen, all das hätte den Roman wohl unlesbar gemacht.
Stattdessen habe ich von ihm in dritter Person erzählt, die Kamera aber fest auf Williams Schulter installiert. Ich blieb so nah an ihm dran wie möglich, aber statt so zu tun, als würde ich seine Gedanken denken, habe ich sie so zu deuten versucht, dass sie ihn verständlich und als ganzen Menschen wahrnehmbar werden lassen.
Dennoch wollte ich erreichen, dass der Leser ein Gefühl dafür bekommt, wie es ist, so schlau zu sein. Man soll unvermittelt fühlen, wie er alles sofort berechnet, alles sofort versteht, Verbindungen erkennt, bevor irgendjemand sonst es kann. Es sind sehr viele solche Szenen im Buch. Aber ich wollte dem Leser auch die Vorstellung liefern, wie es wäre, sich mit ihm zu unterhalten. Also habe ich eine Szene geschrieben, in der er seinem ebenfalls historisch verbürgtem genialen Freund Scharfman etwas über Astronomie und über die Möglichkeit erzählt, die Kräfte der Natur umzukehren. In dieser Szene habe ich etwas Material aus dem Buch „Das Belebte und das Unbelebte“ verwendet, das er als junger Mann schrieb. Das Problem dabei war, dass ich selbst von dem Buch kein einziges Wort verstand, also habe ich die Hilfe eines Mathematikers und eines Astrophysikers in Anspruch genommen, nur um diese Szene schreiben zu können.
Sein Gehirn ist aber nur ein Teil der Geschichte. Ich wollte auch zeigen, wie es war, er zu sein. Wie er sich fühlte. Seine Interessen. Seine Freunde. Seine Einsamkeit. Seine Liebe.

Um Sidis zu verstehen, sind die historischen Umstände wichtig. Das Erziehungskonzept, der Fortschrittsglaube, später der politische Protest. Wie viel davon, würden Sie sagen, war ausschlaggebend für das Phänomen Sidis? Oder anders: War er mehr Wunderkind oder mehr ein Resultat, seiner Eltern, seiner Zeit?
Sein Vater, der Psychologe Boris Sidis, hatte eine Theorie entwickelt, zusammen mit seinem Mentor, dem Philosophen William James, dergemäß wir nur zehn Prozent unseres Hirns nutzen und neunzig Prozent ungenutzt bleibt. Wenn wir hundert Prozent nutzen würden, könnten wir alle Genies sein. Wir müssen nur lernen, sie zu nutzen, dachten sie. Boris wollte das beweisen, indem er seinem Sohn Denken und Argumentieren beibrachte, statt ihn spielen und Sport treiben zu lassen. Er sagte öffentlich, sein Sohn sei kein Genie, sondern nur das Resultat seiner Erziehung. Alle amerikanischen Kinder könnten wie William Sidis sein. Natürlich hatte das eine katastrophale Auswirkung auf Williams Leben, wie es ja im Roman beschrieben wird.
Ich glaube tatsächlich, das Phänomen Sidis wäre anders herausgekommen, wenn seine Eltern ihn beschützt und ihm anders geholfen hätten. Einer der Hauptgründe, warum Sidis heute weitgehend unbekannt ist, ist der, dass er seinen Eltern entkommen wollte und dass die Medien ihn unablässig jagten, als eine Art Zirkusaffen.

Wenn man heute Sidis begegnete, würde man wohl irgendeine Form von Autismus bei ihm diagnostizieren. Ist es heute einfacher für jemanden wie ihn, so herausragend, so singulär? Oder ist das auch eine Fiktion?
Tatsächlich haben einige amerikanische Psychiater in den neunziger Jahren eine Analyse von ihm angestellt und eine milde Form von Asperger diagnostiziert, was einfach heißt, dass bestimmte Situationen für ihn sehr schwierig waren. Er war bestimmt sehr schüchtern, aber sicher nicht ohne Freunde, die ihn liebten. Aber wenn einer so feinfühlig ist wie er, ist es natürlich hart, schon als Kind in den Strudel öffentlicher Aufmerksamkeit gezogen zu werden.
Als er neun war, hat man ihn für fähig erklärt, sowohl in Harvard als auch am MIT aufgenommen zu werden. Er hatte eine Anatomieprüfung bestanden. Er hatte mehrere Bücher geschrieben über Themen wie Meteorologie, hatte sein eigenes Englisch-Wörterbuch verfasst, die Verfassung eines erfundenen Staates geschrieben und eine neue Sprache konzipiert, das Vendergood, komplett mit eigener Grammatik und Wörterbuch.
Selbstverständlich war er reif für die Universität. Intellektuell, aber sicher nicht emotional. Niemand, Asperger oder nicht, ist bereit für Harvard in diesem Alter. Als er elf war, sollte er eine Vorlesung über seine eigene Theorie einer nicht-euklidischen vierten Dimension halten, vor Hunderten von Professoren. Stellen Sie sich das mal vor. Ein kleines zerbrechliches Kind, wie alle Kinder mit elf, auf die Bühne gestellt unter Erwachsene.
Es spricht für sich, dass sein Patenonkel William James an Sidis’ Vater schrieb, sie sollten ihn eine Weile lang Kind sein lassen, damit er eine normale emotionale Entwicklung durchlaufen könne. Aber das haben sie nicht getan.
Ich vermute, wenn Sidis in unseren Tagen gelebt hätte, wäre die Geschichte meines Buchs anders verlaufen. Mit der richtigen Hilfe können Menschen mit Asperger-Syndrom ein erfülltes Leben führen und ihre Fähigkeiten zum Wohl der Gesellschaft nutzen.

Insgesamt ist die Geschichte von Sidis herzbewegend. Aber Sie erzählen sie weniger traurig als vielmehr friedlich – in dem Sinn, dass das Buch keine Anklage ist. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen und was empfinden Sie heute gegenüber seiner Geschichte: Verärgerung? Resignation? Sympathie?
Aus der Distanz könnte man sagen, dass sein Leben vielleicht traurig war. Und zweifellos muss er in einer Art Einsamkeit gelebt haben. Das ist das Problem für viele Leute mit herausragender Intelligenz. Sie denken schneller als die anderen, sie sehen Querverbindungen, die die meisten anderen nicht sehen, sie erfassen Ideen und Konzepte, die nur mathematisch abstrakt beschrieben werden können. Alle anderen in ihrer Umgebung denken langsamer und verstehen sie nicht wirklich. Natürlich fühlen sie sich manchmal einsam. Eine große Begabung kann auch ein Fluch sein.
In mancher Hinsicht empfinde ich Williams Leben nicht als traurig. In seinen Werken und in den zeitgenössischen Berichten über ihn erkenne ich einen liebenswürdigen, sanften und hilfsbereiten Menschen. Er reiste durch die USA und plauderte mit Menschen aller Klassen. Er half den Kindern von Freunden bei ihren Schulaufgaben. Er schrieb großartige Bücher unter einem Pseudonym. Besonders sein Buch über die amerikanischen Ureinwohner ist hervorragend geschrieben und zeigt Sidis’ ausgesprochen humanistische Einstellung zur Welt. Und er hatte einen ausgeprägten Humor. Er erfand eine Zeitschrift, „The Peenacook Courier“, als wäre sie geschrieben von Amerikanern des 16. und des 17. Jahrhunderts. Und er schrieb eine richtig witzige Kolumne über die Seltsamkeiten von Boston und von New York, auch heute noch sehr lesenswert. Aber selbstverständlich war er in mancher Hinsicht einsam.
Mein Buch ist auch eine Erforschung dessen, was ein perfektes Leben ist. Ist es das Ausschöpfen aller Fähigkeiten, über die man verfügt? Muss man ein weltberühmter Wissenschaftler, Anwalt, Politiker, Schriftsteller, Historiker und so weiter sein? Sidis hätte so ein Mann sein können. Aber er hat eine andere Art von perfektem Leben gewählt. Und dafür mag ich ihn sehr. Vielleicht klingt es kindisch, aber ich wäre gern sein Freund gewesen.
In einer Hinsicht tut er mir leid. Dass er eine einzige Frau fünfundzwanzig Jahre lang geliebt hat und keine andere Frau in sein Leben hereinließ. Die perfekte Liebe ist das Rezept für ein perfektes Leben.

Termine

Morten Brask liest aus seinem Roman "Das perfekte Leben des William Sidis". | Zur Veranstaltungs-Website

Berlin
Königlich Dänische Botschaft,
Rauchstrasse 1,
10787 Berlin

Morten Brask stellt seinen Roman "Das perfekte Leben des William Sidis" vor den Studenten der Nordistik-Abteilung vor.

Frankfurt
Goethe-Universität Frankfurt,
Norbert-Wollheim-Platz 1,
60629 Frankfurt

Morten Brask liest aus seinem Roman "Das perfekte Leben des William Sidis".

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