Aufruhr in mittleren Jahren

Aufruhr in mittleren Jahren

Nina Lykke

Ingrid und Jan sind seit 25 Jahren verheiratet und führen in Oslo, Norwegen, ein Leben in Wohlstand. Doch Ingrid kann nicht mehr – sie sieht alles schwarz. Die freudlose Ehe frustriert sie, das Engagement am Arbeitsplatz ist nur geheuchelt, und von den halbwüchsigen Söhnen ist kein Trost zu erwarten. Während Ingrid eine Therapie beginnt, schlittert Jan in eine Affäre mit seiner jungen Kollegin Hanne. Das dauert ein Jahr, dann zwingt Hanne den zaudernden Jan, Ingrid zu verlassen. Diese reagiert gelassen, zieht kurzerhand mit einer Matratze in ihr Auto und fühlt zum ersten Mal seit langem eine tiefe Zufriedenheit. Mitreißend und voll schwarzem Humor erzählt Nina Lykke vom Drama einer Familie – mit fast versöhnlichem Ausgang.


Über den Autor

Nina Lykke

Nina Lykke wurde 1965 geboren. Ihr Debüt Orgien, og andre fortellinger (2010) war für den norwegischen Jugendkritikerpreis nominiert. Ihren Durchbruch hatte Lykke mit ihrem Roman Aufruhr in mittleren Jahren (2016), der in Norwegen ...

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Aufruhr in mittleren Jahren

Presse

"Sehr vergnüglich zu lesen, denn Nina Lykke ist eine scharfe, unerbittliche Beobachterin." Franziska Wolffheim, Spiegel Online, 29.02.2018

"Ein literarisches, hochspannendes Lebens- und Liebesdrama!" Katja Nele Bode, DONNA, 03/2018

"Eine böse und sehr gut geschriebene Gesellschaftssatire!" Andrea Huss, Emotion, 03/2018

"Nina Lykke erzählt witzig, knapp, treffend und immer aufs Schlimme" Annemarie Stoltenberg, NDR, 20.02.2018

"Ein vergnüglicher Roman [...] – pointiert formuliert, von schneidender Hellsichtigkeit und oft hochamüsant." Antje Deistler, Deutschlandfunk, 20.02.2018

"Ein grandioses Buch!" Ute Krebs, Freie Presse, 23.02.2018

5 Fragen an …

Nina Lykke

Der Roman beginnt mit einem inneren Monolog von Ingrid, einer Lehrerin im mittleren Alter, die ihr Leben wie mit der Rasierklinge analysiert: hart, scharf, klar, fast mitleidlos. Wie haben Sie eine solche Artikulation erreicht, nur durch Beobachtung?
Wie alle Autoren stütze auch ich mich auf meine Erfahrungen. Tatsächlich bin ich nicht Ingrid, aber ich habe mich in sie hineinversetzt und mich gefragt, was meine Reaktionen und Gedanken wären in solchen Umständen. Jeder von uns wird von Gedanken heimgesucht, die er – um ein verantwortungsvolles Mitglied unserer Gesellschaft zu sein – nicht äußert. Dafür sollten wir alle dankbar sein, denn wenn wir alles sagen würden, was uns durch den Kopf schießt, wäre die zivilisierte Welt bald am Ende. Aber in einem Roman muss man darauf keine Rücksicht nehmen, und das wollte ich erreichen: Ein Frau in mittlerem Alter, müde, vielleicht deprimiert, die ihrem Leben keinen tieferen Sinn mehr abgewinnen kann, und dazu verlässt ihr Mann sie wegen einer Jüngeren. Was tut diese Frau, was sagt sie, was denkt sie? Ich mag es, über Figuren zu schreiben (und zu lesen), die an einem Tiefpunkt angelangt sind. Geht sie zu einem Therapeuten? Beginnt sie eine Affäre? Alkohol, Drogen, Kaufrausch? Was wäre, wenn es einen anderen Weg hinaus aus der Misere gibt als diese abgenutzten Pfade?

Mit den drei Figuren, die in diesem Roman ihr Leben beschreiben, erhält man ein überzeugendes Panorama des modernen Lebens in der Mittelschicht. Ein Leben mit Zweifeln und Problemen, die überall in Europa ähnlich auszusehen scheinen. Ist dies das eigentliche Verschwinden der Grenzen, und ist das der neue Phänotyp der Mittelschicht?
Ich glaube tatsächlich, dass dem so ist. Heute hat die Mittelschicht von Zürich mehr mit der Mittelschicht von Oslo gemein denn beide mit anderen sozialen Klassen ihres eigenen Landes, ob reich oder arm.

Ich war fast überrascht, dass die Autorin durch die Gestaltung der Erzählstimme viel Sympathie mit Jan erkennen lässt, den Mann in der Runde, der ja nicht wirklich liebenswert ist mit seinem Zögern und seinem typischen Alleswollen. Habe ich das richtig verstanden – brauchte es eine gewisse Großzügigkeit, um Jan zeichnen zu können?
Um ehrlich zu sein, verstehe ich Jan sehr gut. Ich bin überzeugt, dass es eine menschliche Eigenschaft ist, mehr zu wollen, etwas anderes zu wollen, als man hat, etwas zu wollen, von dem man weiß, dass es einem nicht gut tut. Wir alle kämpfen unseren täglichen Kampf, um erfolgreich zu sein, und zu Beginn des Romans hat Jan bislang im Leben vieles richtig gemacht – er war seiner Frau Ingrid treu, er hat gearbeitet und Steuern gezahlt, er war ein guter Vater und so weiter. Aber er ist, genau wie Ingrid, am Ende der Fahnenstange, nur geht es für ihn ganz anders aus als für Ingrid. Tatsächlich habe ich mir sein Ende in einem biblischen Sinn überlegt; dass er ‚in Versuchung‘ gerät und dann ‚sündigt‘ und Wumm!, da kriegt er die Konsequenzen zu spüren. Jan ist sich absolut im Klaren darüber, dass der gewählte Pfad in abwärts führt, aber er kann nicht oder will nicht anhalten. Und außerdem – was wissen wir schon, was am Ende richtig ist? Wir sind Höhlenmenschen, die versuchen, sich richtig zu verhalten, mit Messer und Gabel zu essen, aber die Natur macht uns ständig einen Strich durch die Rechnung. Allerdings glaube ich nicht, dass der Mensch unter seinem dünnen Firnis der Zivilisation ein Wilder ist und so weiter. Im Gegenteil, es scheint doch so zu sein, dass diejenigen, die es schafften – und zwar in alten Zeiten wie heute –, Kompromisse einzugehen und sich zu benehmen, dass die sich weiterentwickelt haben und ein besseres Leben erreichen. Und dennoch ist das Leben immer noch ein Schlachtfeld zwischen dem, was jetzt gut ist und dem, was wir als Gutes planen, und biologisch gesehen sind wir nicht dafür gemacht, allen Versuchungen widerstehen zu können, die das moderne Leben bietet.

Am Ende des Romans scheint es von den drei Figuren einen Gewinner zu geben, einen Verlierer und ein neues Opfer seiner Umstände und seiner Zeit. Würden Sie eine Deutung zurückweisen, nach der Ingrid gewinnen darf, weil ihre Angriffsfähigkeit und ihre Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen, am radikalsten von den dreien ist?
Auf eine Art ist Ingrid die ‚Gewinnerin‘, aber wie ich schon sagte: Wer weiß schon, was am Ende richtig ist? Ich möchte mir gern vorstellen, dass Jan und Hanne nach einer Weile ganz gut klarkommen, und vielleicht wird Ingrid ihres neuen Lebens, das sie sich ausgesucht hat, irgendwann müde. Wer weiß? Das ist inspirierend, dass es da keine endgültigen Lösungen gibt, keine endgültige Bilanz.

Es ist die verbotene, weil unwürdige Frage – jedenfalls für die Nerven von Autoren –, aber ich muss sie einfach stellen: Kennen Sie das Leben, das Sie beschreiben, von Innen? Und gibt es eine Schlussfolgerung daraus, in der Art wie: Ich empfehle mehr Gelassenheit, mehr Humor, mehr Annahme der eigenen Bedürfnisse – und deine Midlife-Crisis wird vorübergehen?
Ja und nein. Ich bin zum zweiten Mal verheiratet – ich wurde ‚freundschaftlich‘ geschieden, als ich 33 war, aber ich wurde nicht einer Jüngeren wegen verlassen, ich war ja selber noch ziemlich jung. Aber in meiner Umgebung und meiner sozialen Schicht habe ich haufenweise Anschauung exakt dieser Lebenslage gefunden, und auch wenn ich viel recherchiert habe, als es um die konkrete Ausgestaltung ging – etwa die Schule, an der Ingrid arbeitet, oder die Behördenarbeit –, habe ich von mir selbst in alle drei Figuren einiges hineingelegt.

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