Natürlich bin ich als Schriftsteller froh, dass es böse Menschen gibt!

Über seinen Roman sowie über das Leben und böse Menschen spricht Christian Mähr mit Michael Köhlmeier im buchmedia magazin 13 (1/10).

Michael Köhlmeier:
Du gehst gern auf und ab und predigst dabei. Warum hast du so eine Wut?

Christian Mähr:
Ich habe überhaupt keine Wut, ich bin nur schnell für etwas begeistert. Außerdem: Auf-und-ab-gehen und dabei reden – das sieht man in jeder Vorlesung. Ich halte gern Vorlesungen, das gebe ich zu.

Im Leben hast du ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Das geht so weit, dass du dir eine Liveshow im Fernsehen nicht ansehen willst, weil du fürchtest, es könnte etwas schief gehen, ein Streit ausbrechen oder etwas Peinliches passieren. In der Literatur kann es bei dir nicht schwarz genug zugehen. Bist du auch irgendwie froh, dass es böse Menschen gibt?

Natürlich bin ich als Schriftsteller froh, dass es böse Menschen gibt! Der Beruf wäre ja sonst unmöglich, weil der Antagonist der Handlung wegfällt. Wie will man eine Handlung ohne Konflikt zwischen Gut und Böse
konstruieren? Gibt es überhaupt literarische Werke, die ohne diesen Konflikt auskommen? Du bist der Germanist, ich bin da überfragt. Spontan würde ich sagen, das ist nicht möglich, und wenn doch, ist es sterbenslangweilig.– Außerliterarisch bin ich wie jeder andere froh, wenn mir keine bösen Menschen begegnen.

Die Frage, wie die Jäger der Frühsteinzeit die Spitzen an ihren Lanzen angebracht haben, interessiert dich mehr als die Tatsache, dass heute politische Idioten ein Bundesland im Süden Österreichs zu Grunde richten. Schämst du dich nicht für diese Unzeitgemäßheit?

Man muss diese Dinge doch einmal ins rechte Verhältnis rücken: Wenn die Eiszeitjäger vor 40.000 Jahren nicht auf die Idee gekommen wären, zur Befestigung ihrer Steinspitzen an den Lanzenschäften Birkenholzteer zu verwenden, hätten sie kein einziges Mammut oder Rentier erlegen können. Und jede Chance verspielt, zu unseren
Vorfahren zu werden. Meinen und deinen! Dabei rinnt der Birkenholzteer nicht einfach aus dem Baum heraus, sondern muss durch trockene Destillation gewonnen werden. Schwierig, wenn noch nicht einmal die Töpferei erfunden ist. Wie sie das überhaupt technisch hingekriegt haben, ist noch nicht klar, es war jedenfalls eine technologische
Meisterleistung ersten Ranges. – So, und jetzt kommst Du mir mit einem „südlichen Bundesland“ und „politischen Idioten“? Was wird man von beiden denn noch wissen – nein, nicht in vierzigtausend, nur in vierzig Jahren? Oder in vier?

Von Kafka heißt es, er habe bei Lesungen aus seiner Erzählung „Aus einer Strafkolonie“ regelmäßig Lachkrämpfe gekriegt. Ist Grausamkeit auch lustig?

Keine Ahnung. Meiner Meinung nach ist Grausamkeit einfach grausam. Von lustig keine Spur. Warum Kafka dabei gelacht hat, weiß ich nicht und kann es mir auch nicht vorstellen.

Du hast Chemie und Astronomie studiert und viele Jahre journalistisch als wissenschaftlicher Redakteur gearbeitet. Macht Naturwissenschaft grausam?

Ach, der grausame Naturwissenschafter, ein Lieblingsbild aller Zeitgenossen, die etwas auf „-logie“ studiert haben, Soziologie, Psychologie usw. Du hast natürlich recht: Naturwissenschaft macht grausam. Nehmen wir nur die bekannteren Beispiele des 20. Jahrhunderts: der verhinderte Kunstmaler Hitler, der Priesterseminarist Stalin, der Berufsrevolutionär Trotzki, der Hühnerzüchter Himmler, der Tagelöhner Höß – alles 1a Naturwissenschaftler! – Man könnte jetzt einwenden, dass wenigstens Pol Pot Radioelektronik studiert hat – aber ohne Abschluss. Es bleibt dabei: die großen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts wurden eher von Leuten begangen, die zur Naturwissenschaft kein Nahverhältnis hatten – und komm mir jetzt nicht mit der Atombombe! Die wurde allerdings von Naturwissenschaftlern entwickelt, aber nur, um dem erwähnten Kunstmaler und dem Hühnerzüchter zuvor zu kommen.

In deinem Roman „Alles Fleisch ist Gras“ herrscht ein moralischer Pragmatismus. Das Böse wird in Gartenerde umgewandelt. Wird auf diese Weise der Geist, der „stets das Böse will und das Gute schafft“, in eine höhere Ordnung des Guten eingegliedert? Bist du ein pervertierter Moralist?

Nein, der Geist, der „stets das Böse will und stets das Gute schafft“, wird nicht in eine höhere Ordnung des Guten eingegliedert – soweit kommt’s noch! Aber die Frage ist bezeichnend: Sie klingt so, als ob du das Unternehmen des Nathanael Weiß als eine gedanklich mögliche Herangehensweise ansehen würdest. Mir geht es in der Literatur immer um die Frage: Was wäre, wenn? Ich stelle nur die Frage; ich glaube, dass die Antwort jeder selber finden muss und finden sollte. Eben das wollte ich erreichen, dass sich der Leser, die Leserin diese Fragen stellt: Ginge das denn? Und hält uns davon wirklich nichts anderes ab als die Polizei? Und was ist, wenn die Polizei selber …? Denn das hat sie ja schon einmal gemacht, die Polizei. – Ich bin kein pervertierter Moralist, sondern ein ganz normaler.

Mit vierzehn habe ich dich kennen gelernt. Damals warst du nicht weniger erwachsen als heute. Oder heute nicht weniger kindlich als damals?

Das weiß ich wirklich nicht.

Quelle: buchmedia magazin 13 (1/10)

Die Interviewpartner

Christian Mähr wurde 1952 in Nofels bei Feldkirch (Vorarlberg) geboren und lebt heute in Dornbirn. Er ist Autor, Bienenzüchter, promovierter Chemiker und arbeitet für den ORF für die Redaktion Wissenschaft und Umwelt. Er verfasste schon zahlreiche Romane und Hörspiele und zeigte dabei öfters eine Vorliebe für fantastische Welten.

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. Er lebt als Schriftsteller und Musiker in Hohenems. Er verfasste Stücke, Hörspiele und Drehbücher, zudem ein umfangreiches Prosawerk. Zuletzt erschienen etwa „Abendland“ sowie „Mitten auf der Straße“, eine Sammlung seiner Erzählungen. Er erhielt außerdem zahlreiche Preise.

Christian Mähr
Christian Mähr

Alles Fleisch ist Gras

Durch einen Sturz über die Stiege stirbt Roland Mathis, der widerwärtige Schnüffler, der Anton Galba und seine heimliche Geliebte mit ihrem Verhältnis erpresst hatte. In Panik lässt Galba, Leiter der Abwasserreinigungsanlage Dornbirn, die Leiche im Häcksler verschwinden. Mehr über dieses Buch