Leseprobe zu "Verbrechen ist Vertrauenssache"

Richard Stark
Verbrechen ist Vertrauenssache
Roman
übersetzt von Dirk van Gusteren
eISBN: 978-3-552-05558-2

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Paul Zsolnay Verlag, Wien

Eins

Als der Engel die Tür öffnete, trat Parker als erster in die Dunkelheit des Korridors unter der Bühne. Ein Kirchenlied drang disharmonisch durch die Mauern aus rauhen Hohlblocksteinen – ein Klangbrei aus Tausenden von Stimmen. Der Engel sagte: »Ich bin mir nicht sicher …«
»Wir schon«, sagte Parker. Er hielt die feuersichere Tür mit der gespreizten Hand auf und nickte Mackey und Liss zu, die mit ihren Seesäcken rasch an ihm vorbeischlüpften. Parker schloss die Stahltür und zog den Hebel hoch, um sie zu verriegeln, während Liss seinen Seesack mit einem gedämpften metallischen Klirren abstellte und die Schnur löste, mit der er zugebunden war. Mackeys Seesack war vollgestopft mit noch mehr Seesäcken und blieb vorerst auf seiner Schulter. Liss schob das grobe Segeltuch des Sacks so weit hinunter, dass die matt glänzenden Läufe zu sehen waren, zog die drei Schrotflinten hervor, reichte zwei davon an Parker und Mackey weiter und warf sich den leeren Sack über die Schulter.
Blinzelnd sah der Engel ihnen zu. In seinem schweren weißen Gewand und mit den auf den Rücken geschnallten Schwingen aus echten Federn war ihm sicher selbst in der klimatisierten Arena sehr warm; er schwitzte, so dass die weiße Schminke auf seinem Gesicht zerlief und er aussah wie einer, der schon lange tot war. Unter dem Kostüm, der Schminke und dem Schweiß war ihm die Angst anzumerken, und auch die Augen mit den winzigen Pupillen blickten ängstlich. »Es sind zu viele Wachen«, sagte er. Seine Stimme klang dünn, denn er strengte sich an, leise und gedämpft zu sprechen. »Zuviel los. Wir machen’s ein andermal. Wenn die Gelegenheit günstiger ist.«
»Wir ziehen das jetzt durch, Tom«, sagte Liss. »Du bist bloß nervös.« Er, Parker und Mackey hatten Patronen aus ihren Hemdtaschen gezogen, die Flinten aufgeklappt und luden sie.
»Aber ich will es nicht jetzt machen!« Die Stimme des Engels wurde immer schriller und hallte, vermischt mit dem fernen Gesang, von den Wänden des Korridors wider. »Die werden uns schnappen!«
Dieser Amateur, ihr Insider, war Liss’ Kontaktmann – sollte der sich um ihn kümmern. Parker sah, dass Liss’ Backenmuskeln auf der linken, gesunden Seite seines Gesichts arbeiteten. Liss gefiel es nicht, dass dieser Typ vor versammelter Mannschaft Schwierigkeiten machte. »Mach dir keine Sorgen, okay?« sagte er. »Zeig uns den Weg.«
Doch der Engel rührte sich nicht von der Stelle. Er blinzelte sich den Schweiß aus den Augen und rang die Hände, so dass sich die schlaffen Flügel auf seinem Rücken bewegten. »Wir können’s nicht machen«, sagte er. »Ich hab’s jemand erzählt.«
Es wurde ganz still. Sie sahen den Engel an – sein Name war Tom Carmody. Liss sagte: »Einer Frau?«
Der Engel machte ein verlegenes Gesicht. »Ja. Ich dachte, es wäre in Ordnung, aber –«
»Aber was?«
»Sie ist weg. Sie ist nicht zu Hause. Sie ist nicht in der Arbeit. Keiner weiß, wo sie ist.«
»Gehört sie auch zu diesem Verein?« fragte Parker. »Deinem Verein?«
»Nein, sie ist Lehrerin in einer Sonderschule. Die wissen auch nicht, wo sie ist.«
Mackey lehnte seinen Seesack an die Wand. »Wohnt ihr zusammen?« fragte er.
»Nein, eigentlich nicht. Sie hat ihre eigene Wohnung.« Dem Engel war jämmerlich zumute – er hatte Angst, er schämte sich, er war unglücklich. Außerdem war er ein Arschloch. Er sagte: »Ich weiß nicht, was sie vorhat.«
»Tom?« sagte Liss. »Habt ihr euch gestritten? Ist sie sauer auf dich? Geht sie vielleicht zu den Bullen?«
»Nein, nein, auf keinen Fall. Sie ist einfach verschwunden. Ich weiß nicht, warum.«
Liss sah seine Partner an. Er hatte sie mit ins Boot geholt, und jetzt musste eine Entscheidung getroffen werden. »Was meint ihr?«
»Wieviel hat er ihr erzählt?« sagte Parker. »Alles –«
»Nur ein bisschen!« rief der Engel.
Parker sah ihn an. »Halt’s Maul.« Zu den anderen gewandt, fuhr er fort: »Alles, was sie wissen wollte. Sie weiß also, wie wir reinkommen, sie hat eine ungefähre Vorstellung davon, was dadrinnen abläuft, aber sie weiß nicht, wie wir verschwinden. Wir sind jetzt da – wenn’s Schwierigkeiten gibt, sind wir schon mittendrin.«
»Stimmt«, sagte Mackey. »Hat keinen Zweck, die Sache jetzt abzublasen.«
Liss drehte sich zu Carmody um und winkte mit der Flinte. »Zeig uns den Weg.«
»Bitte.« Carmody breitete die Hände aus, als wäre er ein Engel auf einem Grabmal. »Bitte lasst uns umkehren, es ist ein Fehler, es wäre besser, dieses verfluchte Geld zu verbrennen, als –«
Parker schloss die linke Hand um Carmodys rechten Daumen und bog ihn ganz leicht nach hinten. Carmodys Gesicht wurde beinahe so bleich wie die verschmierte Schminke. Er ging leicht in die Knie, und sein Mund öffnete sich zu einem großen O. »Halt’s Maul«, sagte Parker. »Was du zu sagen hattest, hast du gesagt. Jetzt zeig uns den Weg zum Geldraum.«
Carmody wollte etwas erwidern, doch Parker bog den Daumen ein wenig fester, und aus dem Mund des Engels kam nur ein zartes Wimmern. Gehorsam und mit großen Augen drehte er sich um, schlurfte in seinen Sandalen auf dem Betonboden, und dann gingen alle zusammen durch den in einem leichten Bogen verlaufenden Korridor; er wurde beleuchtet von Neonröhren, die in größeren Abständen an der Decke montiert waren. Es sah aus, als gingen Parker und der Engel Hand in Hand, flankiert von den anderen beiden – drei große, grobknochige, dunkelgekleidete Männer mit Gewehren hatten einen leicht ramponierten Engel in die Mitte genommen, der unter den nutzlosen Flügeln die Schultern hängen ließ.
Der Gesang wurde lauter, aggressiver, als wollte man die Welt vom Übel befreien, indem man es anschrie. Nach links zweigte ein Gang ab, und da blieben sie stehen.
Der Gang war dunkel und niedrig wie ein Tunnel und am Ende mit einem Drahtgitter versperrt. Jenseits des Gitters tauchte das Flutlicht die Arena in gleißendes Weiß, so dass man von da, wo Parker und die anderen standen, nicht genau erkennen konnte, was sich dort draußen auf dem Kunstrasen eigentlich abspielte. Da war eine Masse von Menschen, die ihnen den Rücken zuwandte, eine Masse, die hin und her wogte, so dass das Licht mal mehr, mal weniger stark reflektiert wurde. Das harte Weiß überstrahlte die Farben und machte die Schatten schwärzer als schwarz. Abgesehen vom brausenden Chor des Kirchenliedes, hätte das dadrinnen alles mögliche sein können: eine politische Kundgebung, ein Demolition Derby, ein Footballspiel. Das alles hatte hier schon stattgefunden, doch heute abend hieß die Attraktion, die zwanzigtausend Menschen in diese überdachte Arena im Herzen Amerikas gebracht hatte, William Archibald und sein Kreuzzug für Christus.
Der Gesang verstummte. Man hörte das Scharren vieler Füße, als die Leute sich auf ihren Plätzen zurechtsetzten, und dann erklang Archibalds vielfach verstärkte sonore Stimme von überall her, als spräche sie aus einer Wolke zu ihnen. »Brüder! Schwestern! Mitmenschen!«
»Komm«, sagte Parker und zog leicht an Carmodys Daumen.
Carmodys Widerstand war gänzlich erloschen. Gefolgt von den beiden anderen, schlurfte er neben Parker dahin und schüttelte langsam den Kopf. »Ich hasse diesen Schweinehund«, murmelte er, doch es klang erschöpft und ohne Leidenschaft. »Ich hasse seine lügnerische Stimme. Ich hasse alles, was er tut. Ich sollte das Geld verbrennen und ihn gleich mit. Ihn auf dem Scheiterhaufen seines schmutzigen Geldes verbrennen.«
Parker packte Carmodys Daumen ein wenig fester, gerade genug, um ihn wieder auf die Erde zu holen. »Wo ist der Geld-raum?«
»Geradeaus.« In Carmodys Stimme lagen Schmerz und Überraschung. Er hatte nicht gewusst, dass er eine Strafe verdiente. »Einfach geradeaus.«
»Konzentrier dich auf das, was wir tun.«
Sie setzten ihren Weg durch den Korridor fort, der weiter im Bogen verlief, vor ihnen auftauchte und hinter ihnen verschwand, bis sie an eine braune Stahltür auf der Innenseite des Bogens kamen, auf der KEIN ZUTRITT stand. Parker ließ den Daumen des Engels los, und Carmody schloss sogleich die andere Hand darum – es sah aus, als würden zwei kleine Tiere einander trösten. »Los«, sagte Parker und stupste ihn mit dem Lauf der Flinte in die Seite. Das bläulich schimmernde Metall stocherte in den weißen Falten des Gewandes.
Die drei Männer stellten sich in den Schatten rechts und links der Tür. Carmody stolperte einen Schritt voran, ließ zögernd den schmerzenden Daumen los und drückte auf den Knopf neben der Tür. Blinzelnd stand er da und glich im grellen Licht der Neonröhre über seinem Kopf eher einem Clown als einem Engel. Aus dem Gitter unter dem Klingelknopf ertönte eine rauhe Stimme. »Ja?«
»Hallo, Harry, ich bin’s, Tom Carmody.« Die Stimme des Engels klang beinahe normal; sie zitterte fast gar nicht.
»Hallo, Tom«, sagte die Stimme. »Komm rein.« Von der Tür her kam ein summendes Geräusch.
Carmody drückte mit der Hand, die nicht weh tat, gegen die Tür. Sie ging mit einem Klicken nach innen auf und gab den Blick frei auf den Gang, der zum Geldraum unter der Tribüne führte. Er hielt sie auf, sah Parker an und fragte: »Okay?«
Mackey trat vor und hielt die Tür fest. »Hast du gut gemacht«, sagte Parker und verpasste dem Engel einen Schlag mit dem Gewehrkolben.

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