Interview mit Friedenspreisträger David Grossman
"Ich kann die Welt nicht durch eine enge Brille betrachten"
Der israelische Schriftsteller und Publizist David Grossman wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010 ausgezeichnet. Die Jury ehrt damit sein aktives Engagement für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Und sie würdigt damit sein literarisches Werk, weil es immer auch die Haltung der jeweils Andersdenkenden zu verstehen und zu beschreiben versuche. Boersenblatt.net sprach mit dem Preisträger.
Der Börsenverein verleiht Ihnen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010. Was haben Sie empfunden, als Sie die Nachricht erreichte?
Grossman: Glück. Es ist ein Zeichen der Anerkennung sowohl für mein literarisches Werk als auch für meinen Standpunkt. Ich habe das Gefühl, dass mir der Preis wohl hauptsächlich wegen meines letzten Buchs »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« zuerkannt wird. Darin verbinde ich die beiden Dramen miteinander, die uns ständig begleiten: das Drama der Familie in ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer Intimität auf der einen Seite – und das Drama unseres Lebens hier im Nahen Osten, in der Konfliktzone. Ich versuche zu zeigen, wie der Konflikt in die intimsten Schichten unseres Lebens ausstrahlt. Das Militär, die Besatzung und die Existenzangst dringen in die innersten Regionen unseres Lebens ein.
Das sind ja auch die Themen ihrer vielen weiteren Schriften. Einer Ihrer Essays trägt den Titel “Schreiben im Katastrophengebiet” – hier zeigen Sie, dass Gewalt ständig an der Tagesordnung ist wie vor einigen Tagen vor der Küste von Gaza. Gibt es überhaupt eine friedliche Chance, die Gräben zwischen Israelis, Palästinensern und den anderen Nachbarn im Nahen Osten zu überwinden?
Grossman: Wenn wir die Zeitungen der letzten Tage lesen – dann ist der unmittelbare Eindruck der, dass die Chance auf Frieden sehr gering ist. Die Menschen sind sehr feindselig und argwöhnisch gegeneinander, sie misstrauen sich absolut. Aber die Geschichte zeigt, dass auch die schlimmsten Feinde am Ende Frieden schließen. Vielleicht erlaube ich mir nicht von einem Frieden zu träumen, wie er zwischen Deutschland und Frankreich existiert – aber ich kann auf eine einigermaßen gute Nachbarschaft zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Israel und seinen Nachbarn hoffen und mich dafür einsetzen. In der Hoffnung, dass die Führungen auf beiden Seiten bereit sind, den Konflikt zu entschärfen. Ich bleibe aber realistisch und würde die Zukunft zwischen uns und unseren Nachbarn nie idealisieren. Ich bin mir sehr der Rolle bewusst, die fanatische und fundamentalistische Elemente innerhalb der palästinensischen, der arabischen und auch der israelischen Gesellschaft spielen. Selbst wenn wir ein friedliches Miteinander erreichen, wäre es ein permanenter Kampf gegen diese Elemente.
Sind Sie nicht manchmal verzweifelt und sogar sprachlos angesichts der militärischen Logik, die alle Bemühungen um eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern untergräbt?
Grossman: Ja, durchaus. Ich sehe so viele Menschen um mich herum, die gelähmt sind, die verzweifelt oder sogar apathisch geworden sind. Israel ist mir aber zu wertvoll, um es der Apathie und der Verzweiflung zu überlassen. Wir könnten so viel mehr in unserem Leben hier erreichen. Von einem menschlichen Standpunkt aus betrachtet, ist es fast erniedrigend, sich dieser Verzweiflung zu ergeben.
Haben Sie jemals befürchtet, dass der Staat Israel und damit der Traum Theodor Herzls eines Tages scheitern könnte?
Grossman: Diese Angst hat man in Israel jeden Augenblick. Dies ist einer der Gründe, weshalb Israel immer in einer so übertriebenen Weise handelt. Der tiefe Mangel an Zuversicht ist typisch – etwas, was schwer zu verstehen ist, weil man Israel in Europa wie eine starke militärische Faust wahrnimmt. In Israel zu leben, heißt die Zerbrechlichkeit, die Angst kennenlernen, dass Israel nicht existieren könnte. Führen Sie sich nur die schiere Tatsache des demographischen Ungleichgewichts vor Augen: Hier leben sechs Millionen Juden, umgeben von rund 300 Millionen Moslems, die uns hier nicht haben wollen. Alles in allem ist die Situation sehr schwierig hier, aber ich weigere mich, deshalb aufzugeben. Wir sollten zumindest von unserer Seite alles tun, um diese Situation zu verbessern.
Ist Schreiben für Sie ein Ausweg aus der verfahrenen Situation im Nahen Osten?
Grossman: Nein, gar nicht. Es geht mir nicht darum davonzulaufen, das ist nicht meine Art. Ich will verstehen, was das Leben in einer solchen Situation mit dem Verstand, mit der Seele, mit den menschlichen Beziehungen macht.
Die Jury des Friedenspreises hebt hervor, dass Sie in Ihren Romanen und Essays versuchen, die Haltung Andersdenkender zu verstehen. Sie halten es auch für Ihre Pflicht, über den Feind nachzudenken und seine Denkweise zu begreifen. Könnten Sie sich fiktiv auch in die Person eines Hamas-Führers versetzen?
Grossman: Wenn ich über eine solche Person schreiben müsste: ja. Aber es ist schwer, andere Menschen von innen her, von ihren Erfahrungen her zu verstehen. Das gilt auch für die Figuren meines Romans. In “Eine Frau flieht vor einer Nachricht” versuche ich zu erklären, wie die Heldin Ora die Welt erlebt – und dies in dem besonderen Fall einer Frau im Krieg und in Angst. Wenn ich Literatur oder Artikel über die politische Situation schreibe, dann versuche ich immer, die ganze Situation aus beiden Blickwinkeln zu erfassen. Ich kann die Welt nicht durch eine enge Brille betrachten. Der beste Weg, sie zu verstehen, ist, sie durch ein Glas mit vielen Brennpunkten hindurch zu sehen. Das ist nicht immer einfach, weil man manchmal auch sich selbst durch die Augen des Feindes sieht. Und man sieht dann, wie verkommen man ist, weil man dem Feind üblicherweise seine dunkelste, gewalttätige und brutale Seite zeigt. Es macht uns die Entstellungen unseres Charakters, unserer Gesellschaft, unserer Nation bewusst.
Glauben Sie an die positive Kraft des dichterischen Worts?
Grossman: Täte ich es nicht, hätte ich wohl kaum all diese Bücher geschrieben. Aber ich bleibe realistisch. Natürlich glaube ich nicht, dass, wenn ich einen Artikel über den Frieden schreibe, am nächsten Morgen Benjamin Netanjahu loszieht und Frieden schließt. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich die Dinge in einer Weise formuliere, wie sie die meisten Menschen so nicht formulieren würden. Und ich hoffe, dass Menschen in ihrer Überraschung davon ergriffen werden und sich nicht auf ihr übliches Klischee zurückziehen können.
Deswegen spielt auch in Ihrem jüngsten Roman die Lichtmetapher eine große Rolle – wie in der gesamten Aufklärung. Die erste Szene, die zunächst im Dunkeln spielt, wird plötzlich erhellt – buchstäblich durch ein Streichholz, das Ora (der Name bedeutet übersetzt “Licht”) anzündet, um ihr (männliches) Gegenüber zu erkennen, aber auch durch die Sprache selbst. Kann Literatur erhellend, aufklärerisch sein?
Grossman: Ja, unbedingt. Aber es geht mir auch darum, im Grundgefühl des Exiliertseins durch das Schreiben einen Platz für mich selbst in der Welt wieder zu erschaffen – eine Heimat. Das ist etwas, das nicht nur den einzelnen betrifft, sondern auch Kollektive: Wenn viele Leute dasselbe Buch lesen, dann gibt es ihnen das Gefühl von Heimat – durch die Sprache, die es verwendet, und durch die Geschichte, die es erzählt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt in Ihrem Schreiben ist die Erinnerung, die persönliche wie die kollektive. Dabei spielt auch die Shoah und die Literatur der Shoah-Periode – man denke nur an Bruno Schulz’ “Die Zimtläden” – eine große Rolle. Liegt darin auch ein Schlüssel zum Verständnis der israelischen Gesellschaft?
Grossman: Ja, ganz richtig. In der jüdischen Kultur hat die Erinnerung, das Erzählen einen hohen Stellenwert. Aber nationale Erzählungen können auch wie eine Falle, wie ein Gefängnis sein. Sie artikulieren gewisse Teile der Wirklichkeit, und man sieht dann nur diese als die Wirklichkeit. Jede Nation hat ihre Schlüsselgeschichten, aber man muss sie immer wieder einer kritischen Prüfung unterziehen.
Ebenso wichtig wie Leid und Erinnerung sind Liebe und Sympathie in Ihren Romanen. Glauben Sie, dass die guten Kräfte eines Tages die destruktiven Eigenschaften – auch in der Beziehung des israelischen zum palästinensischen Volk – überwinden werden?
Grossman: Das ist eine hübsche Frage. Das Wort Liebe ist in einem Presseinterview ziemlich selten. Ich glaube, dass betrifft primär einzelne Menschen. Im Verhältnis zu den Palästinensern würde ich nicht davon sprechen. Es geht darum, das verzweifelte Bedürfnis nach Leben anzuerkennen. Zu verstehen, dass wir und die Palästinenser seit mehr als 100 Jahren das Leben verfehlt haben, das wir gemeinsam hätten leben können. Und wenn wir einmal Jahrzehnte eines normalen Lebens genießen sollten, dann könnte auch mehr Sympathie füreinander und mehr Empathie für das Leiden der anderen Seite entstehen. Mehr verspreche ich mir nicht davon. Liebe brauche ich für die Männer und Frauen in meinen Büchern – und in meinem Leben.
Interview: Michael Roesler-Graichen, www.boersenblatt.net, 10. Juni 2010
Links
David Grossman erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
