Deutscher Jugendliteraturpreis: Preis für das beste Bilderbuch an "Garmans Sommer"

Der Norweger Stian Hole und seine Übersetzerin Ina Kronenberger haben im Rahmen der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2010 für “Garmans Sommer” den Preis für das beste Bilderbuch erhalten.

Die Sieger in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch und den Preisträger der Jugendjury wurden am 08. Oktober 2010 von Dr. Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.

“Der Deutsche Jugendliteraturpreis steht seit 55 Jahren für anspruchsvolle und unterhaltsame Kinder- und Jugendbücher, die schon in jungen Jahren die Freude am Lesen wecken. Die ausgezeichneten Bücher begeistern Kinder und Eltern gleichermaßen und tragen auf diese Weise dazu bei, dass das Lesen und Vorlesen einen festen Platz im Familienalltag hat”, so Dr. Kristina Schröder anlässlich der Preisverleihung.

“Garmans Sommer” – Preisträger in der Kategorie “Bestes Bilderbuch”: Die Begründung der Jury

Es ist Garmans letzter großer Sommer vor dem allerersten Schultag! Aber fühlt er sich bereit? Wenn er sich mit den Nachbarzwillingen vergleicht, wird Garman bang: Hanne und Johanne haben nämlich schon Zahnlücken, können komplizierte Wörter schreiben und sind auch im Radfahren und Tauchen versiert. Bei Garman wackelt kein einziger Zahn, und so fühlt er sich mulmig, wenn er an die Schule denkt.

Zu seinem Glück begleiten ihn wie jedes Jahr auch in diesem letzten Sommer vor dem großen Einschnitt seine drei alten Tanten. Sie werden zu Studienobjekten für Garmans Überlegungen zu Angst, Tod und Vergänglichkeit. Garman untersucht ihre Falten, sieht ihre künstlichen Zähne, die ebenso lose sind, wie seine eigenen festsitzen, fragt nach, ob sie jemals Kind waren und ob sie bald sterben. Und vor allem fragt er die Tanten nach ihren Ängsten, um seine besser zu verstehen. Die Antwort von Tante Borghild, die Angst vor dem Tod hat, ist für Garman aufschlussreich und er versteht auch, dass Tante Augusta keine Angst hat, weil sie altersdement ist: „Wer alles vergisst, hat auch vor nichts mehr Angst.“ Andere Ängste der Großen wiederum sind ihm ganz unverständlich, wie etwa die Angst von Tante Ruth vor dem Winter, den Garman seinerseits mit purem Vergnügen assoziiert. Haben auch seine Eltern Angst? Ja, Garmans Mama fürchtet sich, weil Garman demnächst alleine den Schulweg gehen wird – und vorm Zahnarzt. Und Garmans Papa ist besorgt, Frau und Kind während seiner Konzertreisen zurückzulassen und davor, beim Geige spielen Fehler zu machen. Und Papa weiß das Unbegreifliche, nämlich dass alle Angst haben, sogar die Garman so furchtlos erscheinenden Zwillingsschwestern.

Bild und Text in Stian Holes sorgfältig durchgestaltetem Bilderbuch variieren die Themen Angst und Vergänglichkeit im Dialog der Generationen auf eine für Kinder nachvollziehbare Weise. Denn Hole versteht es, Angst in Bildern darzustellen, ohne zu erschrecken, den Tod zu illustrieren, ohne zu verstören. Die intelligente symbolische Sprache seiner bewusst mit Retro-Elementen durchzogenen Bilder legt die uns vertraute Collagetechnik noch einmal neu aus. Der Illustrator mischt digital bearbeitete Fotos mit nostalgischen floralen Dessins, grafische Formen mit malerischen Elementen oder vorgefundene Materialien mit fotorealistisch Gemaltem auf Hintergründen, die wie gebeiztes Sperrholz wirken. Stets führt Hole eine genaue Bildregie: Die Köpfe etwa der in den Boden versinkenden Tanten mit ihren Schmetterlingsflügeln sind ein subtiles Bild für den Tod einerseits und die Verwandlung in eine andere Existenz andererseits. Die Dominanz der Köpfe lenkt alle Aufmerksamkeit auf die für Garman vertraut-freundlichen Gesichter der Tanten. Mit Eye-Catchern wie der Röntgenaufnahme von den Schmetterlingen in Garmans Bauch führt Hole die Augen und die Gedanken seiner Leser dorthin, wo es wichtig ist. Raum ist in diesen Collagen auch für humorvolle Einfälle, etwa bei Tante Ruth mit Skater-Mütze auf einem Board, das Garman ihr leihen würde, falls sie die befürchtete Gehhilfe benötigt. Dieser Humor durchzieht auch den von Ina Kronenberger hervorragend übersetzten Text, der teilweise in knappen, eher lakonischen Sätzen und dann auch wieder sehr poetisch gefasst ist.

Dieses ganz besondere Bilderbuch zeigt, dass man über Angst sprechen muss und dass man ihre Arten und Formen besser verstehen kann. Doch wegreden lässt sie sich nicht. Und so bleibt es zwar dabei, dass Garman sich mulmig fühlt, wenn er an den nächsten Tag, seinen ersten Schultag, denkt. Aber er weiß auch, dass diese Angst zum Leben gehört.

Quelle: Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V., Deutscher Jugendliteraturpreis

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