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Ich mag lieber Roadmovies als Kammerspiele
Rolf Lappert im Gespräch mit Heinz Marti
Wenn man Ihr Buch zu lesen beginnt, hat man sofort das Gefühl, in eine vertraute Welt einzutreten. Können Sie uns verraten, wie dieser unverwechselbare Lappert-Sound zustande kommt?
Ich denke, ich habe mir im Verlauf der Jahre meinen eigenen Stil erarbeitet, der zwar innerhalb der einzelnen Bücher leicht variiert, als charakteristisches Merkmal aber stets erkennbar bleibt. Es ist für mich als Autor nicht einfach, diese Merkmale zu benennen, deshalb kann ich nur versuchen zu erklären, was mir beim Schreiben wichtig ist: Ich will in jedem Buch eine Atmosphäre schaffen, die so dicht und ungewöhnlich ist, dass die Leser möglichst schnell in diese für sie neue Welt hineingezogen werden. Ich lege sehr viel Wert auf Stimmungen, auf Naturbeobachtungen, auf die Beschreibung scheinbar nebensächlicher Details. Ich nehme gerne das Tempo aus der Handlung; wäre ich Regisseur, würde ich mit langen Einstellungen, ruhigen Kamerafahrten, unerwarteten Bildern, Rückblenden und Traumsequenzen arbeiten. Mir ist der Plot längst nicht so wichtig wie die Sprache: Als Leser ziehe ich eine unspektakuläre, auf außergewöhnliche, überraschende Art erzählte Geschichte einer rasanten, ausgefeilten Story vor, deren Stil und handwerkliche Machart in meinem Kopf nichts zum Leuchten bringen. Wenn ich eine dramatische Szene schreibe, mache ich das immer mit viel Lakonie und Zurückhaltung; ich finde emotionale Eruptionen in Büchern wichtig, aber sie dürfen nicht in einer überemotionalen Sprache wiedergegeben werden, sonst laufen sie Gefahr, in Kitsch abzurutschen. Und etwas Humor darf meiner Meinung nach auch nicht fehlen, denn der vermag den oft düsteren Grundton meiner Romane ein wenig aufzuhellen. Dafür sind dann meistens skurrile Figuren zuständig, im neuen Roman etwa Tanvir Raihan, der jedem, den er trifft und der ihm zuhört, eine andere Lebensgeschichte auftischt.
In Ihrem preisgekrönten Roman “Nach Hause schwimmen”, spielt die Kindheit eine zentrale Rolle. Jetzt greifen Sie das Motiv in Gestalt einer Geschwisterbeziehung wieder auf. Glauben Sie, dass die Kindheit die prägendste Erfahrung unseres Lebens ist?
Ja – im Guten wie im Schlechten. Ich hatte das Privileg, eine sehr glückliche und unbeschwerte Kindheit erleben zu dürfen. Möglicherweise ist das auch einer der Gründe, weshalb ich so gerne über Kinder und Jugendliche schreibe, deren Leben problematisch bis tragisch verlaufen. In “Nach Hause schwimmen” stirbt die Mutter des Helden und der Vater verschwindet. In “Auf den Inseln des letzten Lichts” verlässt die Mutter die beiden Protagonisten und der Vater stirbt früh. Vielleicht müsste ich einmal zu einem Psychiater auf die Couch, um zu ergründen, warum ich so gerne über tragische Kindheiten schreibe.
In “Auf den Inseln des letzten Lichts” begleiten wir Tobey auf der abenteuerlichen Suche nach seiner Schwester Megan und reisen dabei um den halben Globus. Welche Bedeutung hat das Motiv des Unterwegssein für Sie?
Ich reise, seit ich 20 bin. Ich war immer ein sehr neugieriger Mensch und wollte wissen, wie es ist, woanders zu sein – vielleicht sogar, wie es sich anfühlt, in der Fremde ein anderer, neuer Mensch zu werden. Das Reisen hat mir bestimmt geholfen, meinen Horizont zu erweitern, auch im literarischen Sinn. Natürlich kann man auch ein Leben lang in einem Haus in Solothurn oder in der Steiermark sitzen und wunderbare Bücher schreiben, aber für mich wäre das nichts. Obwohl ich merke, dass in mir ganz langsam der Wunsch nach etwas mehr Sesshaftigkeit entsteht. Man wird ja schließlich nicht jünger.
Wie kommt es eigentlich, dass ein Schweizer Schriftsteller über das Nomadische schreibt und es selber lebt?
Ich mag lieber Roadmovies als Kammerspiele. Ich finde es toll, dass ich mein Romanpersonal aus verschiedenen Ländern rekrutieren kann; im neuen Buch sind es Iren, Philippinos, ein Pakistani, ein Norweger, ein Franzose, eine Argentinierin, eine Litauin, ein Schotte und diverse englische, polnische, ungarische und andere Nebenfiguren. Im Moment schreibe ich lieber Geschichten, die in Brooklyn, Irland oder auf philippinischen Inseln spielen als z. B. in der Schweiz. Ich lebe schon seit bald 30 Jahren nicht mehr in der Schweiz, und ich weiß nicht, ob ich jemals einen Roman schreiben werde, der in meinem Heimatland spielt. Noch ist der Reiz der Fremde groß, die Versuchung, mich bei Figuren und Schauplätzen aus dem Fundus der ganzen Welt zu bedienen, unwiderstehlich.
Für mich war Megan die faszinierendste Figur des Romans. Ihre von Verantwortung geprägte Haltung könnte man beinahe buddhistisch nennen. Wie finden Sie zu solchen Figuren?
Ich behaupte ja gerne, dass nicht ich die Figuren finde, sondern dass die Figuren mich finden. Megan ist vielleicht diejenige, die von allen bisherigen Romanfiguren am meisten von mir verkörpert, zumindest was ihre Haltung zur Welt betrifft. Ich bin seit bald 20 Jahren Vegetarier aus ethischen Motiven und aus Gründen der Vernunft, ich teile ihr Bedürfnis, sich gelegentlich aus dem Trubel des Lebens zurückzuziehen, und ich unterliege wie sie gelegentlichen Stimmungsschwankungen, die sich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt bewegen – wobei ich mich glücklicherweise meistens in einer Laune befinde, die ich als etwas Dazwischenliegendes bezeichnen würde: vielleicht eine jauchzende Betrübtheit? Auf jeden Fall ist Megan O Flynn mir sehr nahe, und ich hoffe, dass sich viele Leser, nicht nur Frauen, mit ihr identifizieren können. Das würde mich freuen.
Ihr Bruder Tobey sagt über Megan: “ Sie liebte alles, Tiere, Bäume, Blumen, alles eben. Außer vielleicht Menschen. Bei Menschen war sie wählerisch”. Könnte das Bekenntnis auch für Sie gelten oder wie sehen Sie das Verhältnis von Mensch und Natur?
Für mich ist nur ein Leben lebenswert, das im Kontakt zur Natur steht. Menschen, die Tiere nicht mögen, sind mir höchst suspekt, und Zeitgenossen, die sich nicht für den Erhalt der Umwelt interessieren oder einsetzen, sind mir hochgradig unsympathisch. Ich habe das Glück, jederzeit auf meine Eltern, meinen Bruder und andere Verwandte sowie auf tolle Freunde zählen zu können, wenn ich aus der Versenkung auftauche, in die ich mich zum Schreiben eines Romans begebe. Ja, ich bin auch wählerisch geworden beim Aussuchen von Freunden, wählerischer als früher. Mein Freundeskreis ist nicht riesig, aber die Menschen, die dazugehören, sind mir sehr wichtig, und ich versuche, sie trotz meiner vielen Reisen und meiner zurückgezogenen Arbeitsweise so oft wie möglich zu sehen. Megan zieht sich da viel extremer zurück, leidet zugleich aber darunter – auch wenn sie es nie zugeben würde.
Megan ist Vegetarierin und engagiert sich in einer Gruppe radikaler Tierschützer. Ist es legitim, radikale Mittel einzusetzen, um die Natur zu schützen?
Auf die Gefahr, eine Anzeige wegen Aufforderung zu rechtswidrigen Handlungen zu erhalten: Ja! Solange keine Menschen zu Schaden kommen, ist meiner Meinung nach jedes Mittel erlaubt, gegen Tierquälerei und Umweltzerstörung vorzugehen. Als junger Mann plante ich bis ins Detail, nach Japan zu fahren und dort sämtliche (oder wenigstens ein paar) Walfangschiffe zu versenken. Dass die Aktion an der Beschaffung des Plastiksprengstoffs scheiterte, ist im Nachhinein vielleicht ganz gut. (Japanische Gefängniszellen stelle ich mir besonders eng vor.) Aber im Ernst: Ich finde es absolut legitim, im Interesse von Tieren Sachen zu beschädigen, solange skrupellose Geschäftemacher Tier und Natur wie eine Sache behandeln und nicht wie etwas, das lebt und es verdient, geschützt und verteidigt zu werden. So gesehen ist Megan meine Heldin, die das tut, wofür ich zu feige war und bin.
Während die meisten Figuren in Ihrem Roman von gegensätzlichen Kräften angetrieben werden, scheint Megan über einen inneren Kompass zu verfügen, der sie sicher auf ihrer Spur hält. Woraus schöpft Megan ihre innere Kraft?
Ich finde es interessant, dass Sie Megan so sehen. Für mich ist sie eine sehr zerrissene, unsichere Figur, die nicht weiß, was genau sie im Leben will und wohin ihre Reise gehen soll. Gerade in den Briefen, die sie an ihren Bruder Tobey schreibt, wird deutlich, wie sehr sie am Zustand der Welt leidet, wie groß für sie die Anstrengung ist, unter Menschen zu leben, wie regelmäßig sie in seelische Tiefs fällt, aus denen sie nur mit Mühe herausfindet. Erst auf der Insel entwickelt sie so etwas wie Gelassenheit, anfangs. Aber in einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Megan hat eine innere Kraft, und die ist vielleicht deshalb so stark ausgeprägt, weil Megan immer wieder Phasen der Schwäche und der Verzweiflung durchlebt – und übersteht.
Die Beziehung Mensch/Tier nimmt in Ihrem Roman eine große Rolle ein. Was interessiert Sie an diesem Verhältnis?
Eigentlich gibt es (nach Mensch/Mensch) kein spannenderes Verhältnis. Mich interessiert Religion nicht, also ist für mich das Verhältnis Mensch/Gott nicht relevant. Mensch/Technik hat auch spannende Aspekte, aber dafür bin ich nicht der richtige Autor. Am meisten fasziniert mich an der Beziehung zwischen Mensch und Tier die Tatsache, dass wir nicht miteinander reden können. Es gibt zwar rudimentäre Ansätze der Verständigung (meistens in Form von Befehlen des Menschen an das Tier), aber es kann kein Austausch stattfinden, wie er zwischen Menschen stattfindet. Und trotzdem passiert bei der Begegnung von Mensch und Tier ganz Unglaubliches: Die unmittelbare Reaktion auf das Gegenüber, die sich auf verschiedene Arten manifestieren kann: Angst, Faszination, Neugier, Selbsterkennung, Ablehnung, Ekel, Anziehung usw. Lasse ich mich auf den Kontakt mit einem Tier ein, lasse ich auch immer meine elementarsten Gefühle zu, denn ich kann einer Kreatur, egal ob domesti-ziert oder wild, gar nicht anders begegnen als auf einer emotionalen und archaischen Ebene. Und genau in diesen Momenten findet dann eben doch Kommunikation statt: Ohne Worte, nur durch die Ahnung, nein, die Gewissheit, dass wir alle Geschöpfe sind mit einem Recht auf Unversehrtheit und Glück.
Haben wir die Unschuld im Umgang mit der Natur verloren?
Die haben wir verloren, als unsere Vorfahren Mammuts erlegten. Nur mussten die das damals tun, um zu überleben. Wir haben von allem zu viel und finden das rechte Maß nicht. Ich nehme mich dabei nicht aus; ich fliege um die Welt, ich fahre Auto, ich besitze vieles, das nur meiner Zerstreuung dient, ich engagiere mich zu wenig für die wirklich wichtigen Dinge. Aber wenn ich lese, dass ein Durchschnittsbürger in Deutschland in seinem Leben vier Kühe und Kälber, 46 Schweine, vier Schafe, 46 Truthähne, 12 Gänse, 37 Enten und 945 Hühner isst (Quelle: Vegetarierbund), zeigt sich mir doch schon sehr deutlich, wie wenig Unschuld da noch vorhanden ist.
Die thematische Weite, die Sie in Ihrem Roman ausschreiten, ist faszinierend. Man hat den Eindruck, die Stoffe finden von selbst zu ihnen. Fällt Ihnen das Schreiben leicht?
Dass die Stoffe mir quasi zufliegen, stimmt, jedenfalls empfinde ich es nicht als Anstrengung, Themen und Figuren für neue Romane zu finden. Das Schreiben hingegen fällt mir keineswegs leicht, denn es ist eine Qual, eine Tortur, es ist monatelanges Eremitentum, es ist Rückenschmerzen, Augenflimmern, es ist Essen aus dem Kühlschrank und wenig frische Luft, es ist die Fleißarbeit nach dem Ausdenken einer Geschichte: Es ist das Aufschreiben der Ideen, die eben noch so locker und unbeschwert durch den Kopf spukten und jetzt festgehal-ten werden müssen. Ein schrecklicher Beruf – und der schönste, den es gibt.
Ihr Geschichtenreichtum erinnert an angloamerikanische Erzählkunst. Gibt es Autoren, die Sie besonders beeinflusst haben?
Ja, es sind tatsächlich Autorinnen und Autoren aus dem englischsprachigen Raum, die mich besonders beeindruckt und wohl auch beeinflusst haben. Die vollständige Liste, falls sie überhaupt je komplett sein könnte, würde zu viel Platz beanspruchen, aber um ein paar Namen zu nennen: Richard Brautigan, Kurt Vonnegut, Philipp Roth, Vladimir Nabokov, Anne Tyler, Jane-Anne Philipps, Tom Wolfe, T. C. Boyle, John Irving, Colum McCann, Michael Chabon, Jeffrey Eugenides. Und natürlich lese ich auch deutschsprachige Literatur und Übersetzungen aus anderen Sprachen.
Es ist erstaunlich, wie es Ihnen gelingt, das poetische Grundmuster Ihres Romans auch dann durchzuhalten, wenn die Geschichte vom Kindheitsroman zum Abenteuerroman mutiert, der ohne weiteres auch Thriller-Elemente verdaut. Es scheint ihnen keine Mühe zu bereiten, sich in verschiedenen Genres zu bewegen. Was für den Leser ein großes Vergnügen ist. Es bleibt mir eigentlich nur noch, Ihnen dafür zu danken.
Ich danke Ihnen für diese wohlwollende Einschätzung, denn jedes Mal, wenn ich ein Buch beendet habe, stürze ich in eine Sinnkrise (noch schlimmer als während der Arbeit) und frage mich, ob das, was ich da zu Papier gebracht habe, überhaupt etwas taugt oder ob es nicht viel eher das umfangreiche Elaborat eines weltfremden Spinners sei…
Das Gespräch führte Heinz Marti. Er ist Verlagsvertreter für die Schweiz und lebt in Madiswil.
Fotos: Gerard Clifford