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Mir war der rumänische Fasan immer näher als der deutsche Fasan
Ich will mit Utopien nichts mehr zu tun haben
Interview mit Herta Müller aus Akzente, Heft 5/Oktober 2008.
Carlos A. Aguilera/Herta Müller
In Ihren Büchern wie “Der Fuchs war damals schon der Jäger”, “Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt”, “Herztier” gibt es eine große Spannung zwischen Schreiben, Politik und Alltag (und zwar jener beinahe lächerliche Alltag, der sich unter totalitären Regimen einstellt). Sind Sie sich dieser Spannung bewußt? Wie haben diese drei Themen in Ihrem Werk zusammengefunden?
Ich kann das nicht theoretisch erklären. Mir scheint es gar nicht anders möglich zu sein, als daß diese drei Dinge miteinander ständig zu tun haben. Die Literatur ist ja ein Spiegel des Alltags und somit auch der Politik. Die Politik ist auch im Alltag und sie ist auch in der Fiktion, wenn auch nicht eins zu eins. Ich glaube auch, fiktional schreiben, erfinden, kann man nur aufgrund des Erlebten, der Erfahrung. Ich habe nie ein Verhör beim Geheimdienst eins zu eins aufgeschrieben. Aber wenn ich fünfzig Verhöre erlebt habe, weiß ich, was ich tue, wenn ich es erfinde.
Das gibt mir die Sicherheit, es zu erfinden. Leute, die in Diktaturen gelebt haben, haben auch leider sehr konkret lernen müssen, daß die Literatur mit der Realität zu tun hat und daß die Literatur vielleicht auch eine Aufgabe hat, auch wenn sie das nicht möchte. Sie beschreibt Realitäten, erfundene Realitäten und greift dadurch in das Leben derer ein, die diese Bücher lesen. So habe ich das immer auch für mich empfunden. Ich habe aus Büchern viel gelernt. Ich habe – und das haben bestimmt viele Menschen erlebt – in einem gewissen Alter ein Buch gelesen, das dann plötzlich sehr wichtig war, sehr wichtig wurde und das einem die Augen geöffnet hat. Das Buch mußte gar nichts direkt mit dem Land, in dem ich gelebt habe, zu tun haben oder mit meiner Situation. Das ist das Unbegreifliche, und das Faszinierende an der Literatur. Sie bringt Ähnlichkeiten zustande aus ganz verschiedenen Bereichen. Man muß nicht ein Autor sein aus dem Land, um ein Buch zu schreiben, daß das Land beschreibt. Zum Beispiel hat Thomas Bernhard für mich viel konkreter das rumänische Banat beschrieben und die deutsche Minderheit als jeder andere aus diesem Land. Oder García Márquez mit seinen “Hundert Jahren Einsamkeit”. Macondo war für mich Nitzkydorf, weil das so ein Kaff ist und so eine Einsamkeit darin. Oder diese Ödnis in “Herbst des Patriarchen”. Die südamerikanischen Autoren waren ja auch durch Diktaturen geprägte. Es gibt da Dinge, die über sich hinaus weisen, es gibt Bilder mit einem Faszinosum der Sinnlichkeit. Es gibt in ähnlichen Lebensläufen ähnliche Dinge, die springen dann auf mich über, und ich bin dann sofort fasziniert davon. Das ist mit Österreich auch so. Die österreichische Literatur war für uns alle immer viel dringlicher, sinnlicher, wahrhaftiger als die meiste deutsche Literatur. Das hängt natürlich auch mit der Sprache zusammen, selbst mit der Grammatik der Sätze, die ja k.u.k.-Grammatik ist – das Banat gehörte früher zu Österreich-Ungarn –, die irgendeine Intimität transportiert, von der man gar nicht sagen kann, worin sie besteht, aber sie ist einem plötzlich nahe. Das kann nur Literatur. Und sie kann natürlich auch Gesellschaft beschreiben, sie tut es sogar, wenn sie es nicht möchte. Sie kann gar nicht anders.
In Diktaturen ist alles sehr nackt, man sieht alles, was man nicht sehen soll, oder was man in anderen Gesellschaften nicht so deutlich sieht. Und man sieht auch, wie Literatur sich auswirkt. Zuerst mal im Negativen, kaum hast du was beschrieben, kommt schon der Geheimdienst. Das ist die Angst der Repressionsapparate vor der Literatur und auch vor der Dringlichkeit, mit der Bücher gelesen werden.
Die Welt der Diktatur ist vor allem eine Welt der Grenzen. In Ihren Büchern hat man oft den Eindruck, daß die Figuren von der Last dieser nicht nur geographischen oder politischen, sondern auch zivilgesellschaftlichen, sprachlichen und geistigen Grenzen erdrückt werden. Sind diese Figuren für Sie eine Herausforderung? Wie lesen oder sehen Sie ihre eigenen Figuren?
Wie ich schon sagte, in Diktaturen ist alles viel sichtbarer. Und die Grenzen für Menschen werden auch in Diktaturen absichtlich gesetzt und durch die Repressionsapparate überwacht. Sie haben ja auch einen Zweck. Sie haben den Zweck, Freiheit zu verbieten, zu verhindern, daß die Vorstellung von Freiheit entsteht. Und die Grenzen sollen Leute beschädigen, sollen Leute psychisch kaputt machen, Leute abhängig machen von der Angst. Das funktioniert, das haben wir alle erlebt, das funktioniert in jeder Diktatur, weil die Diktatur den ganzen Tag daran arbeitet. Und das wird ja alles auch immer mehr perfektioniert, bis es sich ad absurdum führt, bis es kippt. Der Nationalsozialismus wurde militärisch besiegt, erist nicht von sich aus gekippt. Aber die osteuropäischen Diktaturen sind kollabiert, implodiert, nicht explodiert. Ich glaube zum Teil auch implodiert durch ihren Perfektionswahn, an dem Wahn, die Repression so zu perfektionieren, daß es einen immer größer werdenden Teil der Gesellschaft gab, der nicht produktiv war, der nur noch der Überwachung diente, der Verfolgung und der Angst produzierte. Die einzige Produktionskraft, die sich gelohnt hat, das war die Angsterzeugung, und zuletzt hatte man nur noch einen großen Haufen Angst. Die Industrie war ein Schrotthaufen, die Landwirtschaft war zerstört. Das ist den Sowjets auch so gegangen. Die Sowjets haben ja nicht aus Altruismus ihr Imperium aufgelöst, sondern es war einfach nicht mehr zu halten. Die Besetzung Osteuropas war zu teuer, sie konnten sie nicht mehr finanzieren.
Und wenn man Jahrzehnte nicht denken darf, entsteht nichts mehr, oder es entsteht nur Schrott. Es kann nichts entstehen, was wirklich konkurrenzfähig ist, auch materiell mit Produkten aus Ländern, in denen Industrien das produzieren, was sie und ihre Kunden wollen und nicht, was der Staat ihnen vorschreibt, in denen man denken und erfinden darf. Ich habe nur Grenzen gemerkt seinerzeit in Rumänien, es gab nichts, wo nicht eine Grenze war. Alles war Grenze, bis zur wirklichen Grenze am Land, bis zur Landesgrenze. In Rumänien sind ja an dieser Grenze viele getötet worden. Die Grenzen waren die Donau und dann die grüne Grenze zu Serbien und Ungarn. Da sind zigtausend Menschen gestorben, die sind einfach aus Überdruß gegangen, und es war ihnen egal, ob sie sterben, ob sie mit dem Leben bezahlen. Man hörte jede Woche, der und der ist wieder erschossen worden. Doch das hat niemanden abgeschreckt, weil die Leute so einen Überdruß hatten und das tägliche Leben nicht mehr aushielten. Die Grenze war ein Magnet, und es wollte jeder raus, raus, raus. Und man hat die Grenzen im Land nicht mehr ausgehalten, außer man hat sich vorgestellt, man lebt hier nur vorläufig und irgendwann flieht man. Das war die einzige Chance. Von morgens bis abends in diesem Land zu leben war nur zu ertragen mit der Vorstellung, es ist nicht für immer, es ist provisorisch, irgendwann komme ich raus. Und das sieht man auch in Südamerika, überall die Flucht. Es wird auch wegen der Armut geflohen. Aber wo die Armut ist, da sind oft Diktaturen oder die Nachwirkungen von Diktaturen. Und die Armut ist auch programmiert. Die Armut war nicht zufällig, die Armut war geplant. Auch Castro braucht die Armut, die Misere. Die Armut ist ein Unterdrückungswerkzeug wie das Militär, weil die Menschen darin gefangen sind. Sie müssen dann den ganzen Tag um Brot anstehen, sie haben den Kopf nicht frei, sie müssen das Geld fünfmal umdrehen, sie kleben am nackten Dasein, und dadurch kriegen sie keine leichten Füße und vieles hat keinen Platz mehr im Kopf, weil die pure Existenz so stark beansprucht, daß man rundherum beschäftig ist – und das ist Programm. In Diktaturen in Osteuropa war die Armut genau so ein Werkzeug der Unterdrückung wie der Geheimdienst oder die Armee oder die Partei. Ich glaube, das ist auch in den Gottesstaaten so. Zur Armut kommt Analphabetismus. In Rumänien war der Analphabetismus zwar nicht sehr hoch, die meisten Leute konnten lesen und schreiben. Aber was nützt das, die meisten haben überhaupt nichts kapiert. Sie kannten zwar die Buchstaben, aber wenn du erzogen wirst, nicht zu denken, dann bist du auf eine andere Art Analphabet. Und so sind halt die literarischen Figuren wie die Menschen, ich habe Tausende solcher Menschen gesehen im Laufe der Jahre.
Ich habe drei Jahre in einer Maschinenbaufabrik gearbeitet. Dort sind nicht viele Leute hingekommen in diese Normalität. Man ist am Gymnasium, man ist jung und immer nur mit Gleichaltrigen zusammen, dann geht man an die Universität, dort ist ein bisschen High Life mit allem Drum und Dran, mit allen Schikanen, mit aller Misere, und es wird gesoffen und getanzt und was weiß ich… Irgendwie hat man sich schon eine Art von künstlicher Welt geschaffen, die hat ja eine Weile gehalten, mit allem was auch schon an Repressionen da war. Aber danach kam ich in diese Fabrik. Da war alles betoniert, da war das Leben betoniert, und ich habe gesehen, was das bedeutet. Wie leben die Leute, die da vierzig Jahre arbeiten, fast erfroren im Wind an einem Scheiß-Fließband in einer Halle, in der nicht geheizt wird, in der es keine Fensterscheiben gab. Die mußten morgens schon trinken, sonst hätten sie die Finger gar nicht bewegen können. Und die haben schwer geschuftet. Manche haben schon dreißig oder vierzig Jahre dort gearbeitet, kamen von den Dörfern, sind in der Nacht um 2 Uhr aufgestanden, zu irgendeinem Bahnhof gegangen und noch vier oder fünf Stunden mit dem Zug gefahren. In der Fabrik haben sie bis 5 Uhr nachmittags gearbeitet und sind dann wieder zum Bahnhof gegangen. Abends waren sie um 10 Uhr kaputt zu Hause. Was ist das für ein Leben. Und es wurde auch samstags gearbeitet und sonntags, es gab nicht nur vier oder fünf Arbeitstage in der Woche. Wir hatten ja den Plan nie erfüllt und immer, wenn der Plan nicht erfüllt wurde, mußte man am Wochenende arbeiten. Es wurde nichts produziert, es gab nichts, nur diese zynischen Witze: Einmal haben wir keine Bretter, dann haben wir keine Nägel, und wenn wir Bretter und Nägel haben, dann haben wir Sitzung. Aber diese Leute sind ja auch nicht alt geworden. Als sie das Rentenalter erreicht haben, waren sie schon krank und bald tot. Das hat mich damals richtig erschreckt, und ich hatte so einen Respekt vor diesen Leuten. Es war für mich unvorstellbar, ich habe nach zwei Jahren schon gedacht, ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus. Und wenn ich das auf diese dreißig oder vierzig Jahre bezogen habe, die viele Arbeiter schon in der Fabrik waren, war ich richtig entsetzt.
Und ich hatte auch das Gefühl, das Wichtigste ist, daß man immer anwesend ist, man mußte präsent sein. Die Fabrik war auch nur ein Ort, wo man jeden Tag hinkommen und so lange wie möglich da sein mußte, damit der Staat sieht, was man tut. Alles war eine Überwachungsanstalt. Morgens hörte man schon die Arbeiterchöre, wenn man durchs Fabriktor hereinkam. Es war stockdunkel im Winter, und es funktionierte kein Verkehrsmittel. Ich bin um 5 Uhr früh schon von zu Hause weggegangen, damit ich zu Fuß zur Fabrik kann, weil oft keine Straßenbahn und kein Bus fuhr. Wenn aber eine Straßenbahn kam, waren so viele Leute auf den Treppen, daß man nicht reinkonnte. Oft hat man an der Straßenbahn umsonst gewartet und hat die Zeit verloren und mußte dann zu Fuß gehen und schaffte es nicht mehr, pünktlich zu sein und bekam eine schriftliche Verwarnung. Ich hatte so viele politische Probleme und wollte nicht, daß diese Scheiß-Typen auch noch einen Vorwand haben, um mich auch noch mit solchen Vorwürfen zu schikanieren. Deshalb wollte ich korrekt und pünktlich sein. Und dann kommst du zur Fabrik rein und hörst diese Marschmusik, diese Arbeiterchöre. Das war schlimm. Du gehst durch den Fabrikhof wie du willst, du bist im Takt. Ich habe immer versucht, die Schritte zu wechseln, weil ich nicht auf dieses Lied gehen wollte, aber du kannst nicht, egal, wie du gehst. Und auch in der Mittagspause, wenn du essen mußt, dann hörst du wieder diese Chöre. Die wurden über Lautsprecher in den Hof und in die Halle übertragen. Es gab extra einen Angestellten, der nur für die Musik zuständig war. Ein alter Kommunist, der hatte Nierensteine. Und nur wenn er ganz schlimme Schmerzen hatte, fiel die Musik mal aus. Das war auch so ein Schwein. Die Tochter dieses großen Kommunisten hatte im Standesamt geheiratet und noch mal heimlich in der Kirche. Die haben sich dann immer noch mal abgesichert, weil sie dachten, na, vielleicht gibt’s ja doch einen Herrgott. Und es wäre blöd, wenn man dann im Himmel steht und da kriegst du es. Was sind das für armselige Gestalten, die denken in alle Richtungen, auf der Erde die Partei und im Himmel der Herrgott, irgendwie müßte man sich mit beiden arrangieren. So waren die Leute, und diese Menschen gibt es auch in meinen Büchern, was soll es sonst für welche geben. Es sind alles Lebensläufe, die ich damals kennengelernt habe, Varianten von diesen Zuständen, verschiedene Kombinationen, von allem ein bißchen. Jeder hat ein bißchen was anderes, so wie hier im Westen ja auch Lebensläufe alles Kombinationen von Zuständen sind. Biographien setzen sich immer aus erkennbaren Teilen von verschiedenen Dingen zusammen. Das ist fast wie bei Küchenrezepten, zwei Löffel von dem und drei Tropfen von dem – das sind unsere Lebensläufe. Aber es sind halt immer auch Zufälle. Oder manchmal hat man die Wahl, sucht sich selber noch was aus. Aber wie viel kommt von außen in ein Leben hinein. Ich habe so viele kaputte Menschen gesehen und hatte so viele kaputte Freunde. So viel Verzweiflung und so viel Unglück, ich hab soviel Unglück gesehen.
Jemand hat geschrieben, daß Herta Müller eine “Chronistin des Alltags” sei. Trotzdem scheint mir an Ihren Büchern unter anderem gerade das besonders interessant, was nicht in diesem Alltag aufgeht, dieses Spiel mit Atavismen, Volksmythen, eschatologischen Vorstellungen und Aberglauben. Muß man das als Widerspruch sehen? Oder ist es umgekehrt so, daß es sich dabei um ein literarisches Mittel handelt, welches erlaubt, die “Alltagswelt”, von der Sie schon vorhin sprachen, besonders intensiv darzustellen?
Die Literatur ist natürlich etwas total Künstliches, und das muß sie auch sein, gerade um Realitäten einzufangen muß Literatur künstlich sein. Schon Dialoge sind nicht gesprochene Sprache, nicht mündliche Sprache. Mündliche Sprache in einem Buch ist etwas ganz anderes als gesprochene Sprache. Sie muß künstlich sein, damit sie im Buch mündlich klingt und so ist das glaube ich mit allen Dingen. Literatur ist für mich etwas hochartifizielles, und ich arbeite daran, und natürlich auch mit jedem Trick und mit allen Mitteln, um das Meistmögliche in einem Satz, in einer Person, in einer Situation einzufangen. Mythologie oder Aberglaube oder das Archaische ist ja Poesie. Der Aberglaube ist die Poesie der einfachen Leute und hat auch was Faszinierendes. Er findet deshalb leicht in die Literatur. Ich glaube auch, daß nicht nur die Literatur poetisch ist, ich glaube, daß das Leben poetisch ist. Wir sind ja keine besonderen Menschen, nur weil wir Literatur schreiben. Wir sind eigentlich in fast allem, was wir tun, auf die Sprache, auf den Blick von den Leuten angewiesen, die nicht schreiben. Diese Leute sind unser Material, und aus diesem Material machen wir irgend etwas. Wir haben nichts Besonderes, Eigenes. Wir können höchstens mit dem, was wir sehen, etwas zusammenstellen. Und je nachdem, wie gut wir das zusammenstellen, um so besser oder schlechter wird das, was wir machen, unsere sogenannte Kunst. Ich glaube, das ist in der Musik nicht anders mit den Klängen, oder in der Bildenden Kunst oder in den Malereien. Ich sage schon bewußt, jetzt kommt noch ein Lied.
Aber diese rumänischen Volkslieder sind unglaublich. Das ist die reinste Lyrik, und ich wäre ja taub, wenn ich das nicht hören würde. Und diese Lieder mag ich, ob ich schreibe oder nicht schreibe. Und wenn ich schreibe, versuche ich natürlich, das Bestmögliche damit zu machen, das ist doch klar. Ich stecke sie dort hinein, wo ich sie haben will.
Was ich schreibe muß mich selber mittragen, es muß mich mitreißen, sonst kann es bei den anderen das ja auch nicht machen. Insofern ist es nicht nur Konstruktion, sondern es ist auch Emotion. Aber ich glaube, die Emotion ist auch dann nur wirklich da oder sie wird nur dann in Gang gebracht, wenn die Konstruktion gut ist und umgekehrt. Wenn die Emotion gut ist, dann funktioniert auch die Konstruktion, ich glaube, das muß sich alles im Gleichgewicht halten.
In “Herztier” treffen Sie eine deutliche Unterscheidung zwischen “Muttersprache”, “Staatssprache” und “Kindersprache”. Können Sie das näher erläutern? Was kann man unter den Erst- und Letztgenannten in einer Welt verstehen, die von der “Staatssprache” beherrscht wird? Glauben Sie, daß man jenseits von dem, was “Mutter- und Kindersprache” in Ihren Texten bedeutet, eine komplexe Unterscheidung zwischen diesen Räumen und dem Nationalismus treffen kann?
Meine Muttersprache ist Deutsch, weil ich aus der deutschen Minderheit in Rumänien komme und das ist eben die erste Sprache. Dann gibt es eine Kindheitssprache, aber damit habe ich eigentlich das größte Problem. Ich weiß gar nicht, ob es eine Kindheitssprache wirklich gibt. Es ist viel zu wenig geredet worden in meiner Kindheit, als daß es eine Kindheitssprache gibt. Es gibt eine Landessprache und eine Staatssprache. Was der Staat spricht ist dieses Ideologische, Mißbrauchte, Kaputte, das in der Diktatur ja überall in der Öffentlichkeit ist. Dagegen ist die Landessprache das Persönliche, wenn man mit jemandem spricht, also die Sprache der Rumänen, die mit mir zu Mittag essen. Das ist natürlich eine ganz andere Sprache als die Staatssprache. Selbst wenn die Staatssprache im Laufe von Jahrzehnten in die Landessprache hineinsickert und viele Leute nicht mehr überlegen, wann sie Staatssprache und wann sie Landessprache sprechen. Das kommt mit der Zeit so, das kennen wir aus allen Diktaturen, daß die Diktaturen natürlich auch die Sprache monopolisieren. Aber ganz kaputtmachen kann man die Landessprache nicht, das wissen wir auch. Ich habe vielleicht eine ganz deutliche Distanz dazu gehabt, weil das Rumänische gar nicht meine Muttersprache ist, weil ich ja erst mit fünfzehn Jahren Rumänisch gelernt habe. Und dann habe ich gehört wie schön das Rumänische klingt, was für eine unglaublich sinnliche Sprache das ist mit schönen Metaphern und Sprachbildern und eben auch dem Aberglauben. Und es gibt in den romanischen Sprachen viele Sprachebenen, die es in den germanischen Sprachen nicht gibt. Es wird nicht alles sofort vulgär, es ist frivol, aber nicht vulgär, und man kann im Rumänischen sehr, sehr vielschichtig frivol reden, und es ist nicht ordinär, es ist nicht obszön, was man im Deutschen überhaupt nicht kann, dafür gibt es kein Vokabular, es gibt keinen Sprachduktus und dementsprechend auch die Situationen nicht. Ich habe jedenfalls gemerkt, daß ich in meiner Muttersprache das alles gar nicht sagen kann, und wenn ich das übersetze, wird das alles sofort ordinär, weil es gar nicht dem entspricht, was ich übersetze, weil diese Sprachebene im Deutschen fehlt, und das hat mich im Rumänischen sehr fasziniert. Oder, daß da oft Gegensätze waren. Ich habe eine Erzählung geschrieben mit dem Titel “Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt”. Das ist eine rumänische Redewendung. Man sagt in Rumänien sehr oft, ich war wieder mal ein Fasan, das heißt: ich habe wieder mal versagt, ich habe es nicht geschafft, ich bin wieder mal gescheitert. Also ist der Fasan ein Verlierer, und im Deutschen ist der Fasan dagegen ein arroganter Prahler. Mich hat fasziniert, was macht die eine Sprache aus dem Vogel, was für eine Metapher. Der Fasan ist ja ein Vogel, der nicht fliegen kann, er lebt im Feld. Wenn du anfängst zu jagen und noch nicht gut jagen kannst, dann jagst du Fasane, die sind die leichteste Beute, weil der Fasan sich nicht retten kann. Das haben die Rumänen in ihrer Metapher drin und was haben die Deutschen in der Metapher? Die Federn wahrscheinlich, das Gefieder, das ist doch ganz oberflächlich. Das Leben des Tieres interessiert die deutsche Metapher nicht, die Rumänen interessiert die Existenz des Vogels, und das hat mich fasziniert. Mir war der rumänische Fasan immer näher als der deutsche Fasan. Und so ging es mit vielen Dingen, ich hatte oft den Eindruck, eigentlich bin ich von meiner Struktur her Rumänin. Ich spreche zwar ganz schlecht rumänisch, aber von der Struktur her, von meinem inneren Geflecht und von dem, was mich wirklich überzeugt, auch an Poesie und an Sinnlichkeit, bin ich rumänisch.
Oder bei Pflanzennamen, bei vielen Sachen, wo ich gedacht habe, schau, was die sehen und was die Deutschen darin sehen. Darum glaube ich auch, daß bei mir das Rumänische immer mitschreibt. Ich muß kein Wort auf rumänisch schreiben, aber das Rumänische schreibt natürlich mit, weil es mir in den Blick gewachsen ist. Es ist in meinem Kopf wie das Deutsche. Ich habe mehrere Bilder von einer Sache, weil das Rumänische die Sache anders sieht, und mit diesem Bild arbeite ich. Und weil das rumänische Bild mir vielleicht psychisch näher steht, arbeite ich mehr mit dem rumänischen Bild im Kopf als mit dem deutschen Bild, obwohl ich in dieser Sprache schreibe. Also, das eine schließt das andere nicht aus, und ich kann auch gar nicht sagen, was ist rumänisch und was ist deutsch. Und für einen Schriftsteller ist das ein Glück, es kann einem gar nichts Besseres passieren. Das hat sich so ergeben. Ich beziehe mich wirklich nur auf die Landessprache. Die Staatssprache ist steril, die ist stupid, die ist regelrecht abstoßend, ekelhaft, man kann sie nur hassen, sie klebt sich an einen dran, wie kaltes Gummi, das war ja nicht auszuhalten, das haßt man und man kann diese Sprache gar nicht hören, man wird richtig wütend. Sitzungssprache und Zeitungssprache, Fernsehsprache, Reden, ihr kennt das ja auch in Kuba, Castro redet noch länger als Ceau?escu. Ceau?escu hat jeden zweiten Tag eine Rede gehalten, und seine Dekrete waren immer in der Zeitung. Ich hab das immer gelesen, weil ich wissen wollte, was hat er jetzt schon wieder gemacht. Es ging immer gegen das Leben, und man mußte das lesen. Viele Freunde haben gesagt, sie lesen das nicht mehr, und ich hab gesagt, ja, ja, aber darum weißt du nicht, was er jetzt schon wieder gemacht hat.
Diese Sprache war unerträglich, wirklich abstoßend, und so waren ja auch die Funktionäre, die diese Sprache sprachen in der Fabrik. Die ständigen Sitzungen waren furchtbar, das hat man fast nicht ausgehalten. Aber die Landessprache war ja diese Sprache, in der diese Poesie drinsteckt, wo dieser ganze Aberglaube drinsteckt. Ich hab das schon versucht auseinanderzuhalten, das geht nicht immer, die Staatssprache infiziert natürlich die Landessprache, und je länger eine Diktatur dauert, um so mehr infiziert sie die. Aber sie kann sie trotzdem nicht ganz infizieren, es bleibt immer noch ein Teil für sich, und das hat mich immer interessiert.
Ebenso wie Sie die totalitäre Welt einer scharfen Kritik unterzogen haben, kritisierten Sie “das Schwäbische”, die deutschsprachige rumänische Gesellschaft, aus der Sie stammen. Kann man diese Kritik oder die Karikatur, die darin zum Ausdruck kommt, auch als etwas Weitergefaßtes verstehen, als eine Reflexion über die Menschen im allgemeinen, über ihr animalisches Wesen?
Provinzialismus oder Ethnozentrismus, Nationalismus oder Faschismus sind Phänomene, die sich ja nicht nur in diesem Milieu oder in dieser Minderheit finden lassen. Sehr viele Männer der deutschen Minderheit, immerhin rumänische Staatsbürger, gingen freiwillig in Hitlers SS oder in die Wehrmacht als sogenannte Auslandsdeutsche. Später gab es die Stalinisten in dieser Minderheit. Immer wenn eine andere Zeit kam, standen die Opportunisten bereit, für jede Diktatur gibt es das Personal. Es gibt doch keine Diktatur, die am Personal scheitert, das Personal ist immer reichlich vorhanden. Gekauft oder manche gar umsonst oder aus Überzeugung, kriminell werden kann man aus allen möglichen Gründen, wie man gesehen hat, mal aus Überzeugung, mal aus Privilegien und Vorteilen, mal aus Dummheit, mal durch Zufall, alles mischt sich durcheinander. Und so war es mit der Minderheit auch. Und es gibt natürlich typisch schwäbische Eigenschaften, von denen ich dachte, die betreffen nur diese Minderheit, weil sie sehr isoliert lebte wie etwa in dem kleinen Dorf, aus dem ich komme. Es gab sehr feste Strukturen der Großfamilie, d. h. drei Generationen in einem Haus. Es gab kaum Veränderungen in den dreihundert Jahren Siedlungsgeschichte. Die Trachten waren noch dieselben, dann haben sie die gleichen Lieder gehabt, die haben die gleichen Feiertage gehabt und die gleichen Rituale, und das ist schon ein bißchen seltsam. Als ich aus dem Dorf in die Stadt kam, habe ich mich gefragt, wo komme ich denn eigentlich her. In der Sicht des Dorfes waren alle schlecht. Die Ungarn waren jähzornig oder die Rumänen waren dreckig. Man wußte immer, wie die anderen sind, alle waren sie ganz schäbig, nur wir waren so gut, wir waren immer gut, wir waren die Besten, wir waren sauber und fleißig und ordentlich. Als ich dann aus dem Dorf draußen war und erwachsen wurde, kam mir das alles vor wie eine stehengebliebene Zeit, und es war ja auch eine stehengebliebene Zeit. Daraus kam auch der Haß auf die Stadt. Wenn man in der Stadt war, war man verdorben, im Dorf sprach man Dialekt und dann in der Stadt Hochdeutsch. Im Dorf hieß das Hochdeutsch Herrisch, und Herrisch heißt ja schon, du bist ein Herr, und das war was ganz Schlimmes. Nur Dialekt sollte man reden. Ich glaube, das sind Phänomene, die kann man auch anderswo beobachten, in anderen Ländern, vielleicht auch in dörflichen Milieus, überall wo abgeschiedene Gruppen isoliert leben, die
Phänomene sind immer dieselben.
Provinzialität ist immer ähnlich, und Thomas Bernhard hat das Phänomen besser beschrieben als jeder andere, obwohl er nie in Rumänien war, bei den Schwaben. Provinzialismus ist immer schlimm, aber ich glaube, der Provinzialismus, der einem selber zustößt, in dem man selbst gefangen ist und gefangen gehalten werden soll, ist der schlimmste. Meine Mutter hat ja damit gerechnet, daß ich immer so bleibe, wie sie mich erzieht. Es war für sie eine Katastrophe, als sie gesehen hat, ich gehe in die Stadt, ich komme zurück, und plötzlich ist an mir alles anders. Ich hab anders gerochen, ich war nicht mehr zu Hause ihr kleines Kind und ihre kleine Dorftochter, das hat sie erschreckt, und da hat sie auch gesehen, es ist zu spät, es ist vorbei, sie hat alles aus der Hand gegeben, jetzt kann sie gar nichts mehr rückgängig machen. Sie kann nicht mehr sagen, wen ich heirate. Natürlich haben die Rumänen genauso ihren Provinzialismus gehabt, in jedem kleinen rumänischen Dorf, aber der war gegen mich nicht aggressiv, ich hab damit nichts zu tun gehabt, insofern habe ich meinen Provinzialismus beschrieben. Ich glaube aber auch, daß die Phänomene der Provinzialismen sich ähneln. Wenn ich jetzt über ein Dorf lese in Anatolien oder in Südspanien ist es ungefähr das Gleiche, obwohl die Phänomene anders sind.
Stellt für Sie die Literatur, so wie für Brecht, eine private Form der Utopie dar?
Literatur ist keine Utopie. Utopie ist irgend etwas, das man sich vorstellt und es ist noch nicht, es ist noch nicht passiert. Man will es haben, es ist ein Wunsch und es ist ein Traum. Aber die Literatur ist kein Traum oder ein Wunsch. Ich mag den verklärenden Begriff der Utopie auch nicht. Wenn die Utopien Wirklichkeit werden, sind sie meistens schrecklich. Alle hatten sie Utopien, von Stalin über Hitler bis zu Ceau?escu, und Castro hat immer noch eine. Wenn einer anfängt zu träumen und seinen Traum vom Papier dann in die Realität umsetzt, zerbrechen immer Menschen. Ich will mit Utopien nichts mehr zu tun haben. Wie gesagt, ich glaube, die Literatur ist keine Utopie, sondern die Literatur ist ein Bestandteil der Gesellschaft und die wird von Menschen gemacht, man kann sie sogar in die Hand nehmen, sie ist ein Produkt. Ein Produkt ist auch schlimm, aber lieber soll die Literatur ein Produkt sein, ein Produkt der Phantasie als eine Utopie. Phantasie ist was ganz anderes als Utopie. Phantasie ist gegen die Utopie. Die Utopie ist ja sehr anfällig für Totalitarismen, und wenn Utopie Realität werden will, dann wird sie sofort starr. Dann muß sie sich auf eine Variante beschränken, und dann muß sie das, was vielleicht auf dem Papier noch nicht ganz geklärt war oder ambivalent war, in der Realität umsetzen. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres und Halsbrecherisches, als die aus der Utopie eins zu eins umgesetzte Realität, furchtbar. Dann kommt irgendeine Diktatur dabei raus.
Quelle: Akzente 5 / 2008
Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von Jason Wang / epochtimes.de. Die Bilder wurden auf der Frankfurter Buchmesse 2009 aufgenommen, wo Herta Müller den Stand der Epoch Times, der Exilchinesenzeitung, besuchte.
Akzente 5 / 2008: Herta Müller / Oskar Pastoir
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